Ein Jahr mit Corona: So sehr leiden Kinder wie Samira in überforderten Familien

Samira* liegt im Bett. Sie hat die Decke über das Gesicht gezogen, damit sie die Schreie ihrer Eltern nicht so laut hört. Ein Teller zerberstet in der Küche auf dem Boden. Samira weint, wiegt ihren Kopf vor und zurück, um sich zu beruhigen. Sie singt leise das Lied, was ihr Mama früher immer vorgesungen hat, als sie sie ins Bett gebracht hat.

Das macht sie aber schon lange nicht mehr. „Warum liebt meine Mama mich nicht mehr?“ Samira weint heftiger, schluchzt. Und weint sich irgendwann erschöpft in den Schlaf.

Am nächsten morgen sitzt Samira am Küchentisch. Vor ihr steht ein Teller mit Nutella-Brötchen und ein Glas Milch. Samiras Mama hat sie heute noch gar nicht angesehen. „Du darfst jetzt erstmal nicht mehr zu deinem Vater“, sagt sie. Samiras Hand ballt sich zu einer Faust. Sie liebt ihren Vater. Samiras Wut wird immer größer. Ihre Faust zuckt und das Glas fällt. Die Milch fliest über den Tisch und auf den Boden.

Dieses Glas Milch wird Samiras Leben verändern.

Denn für Samiras Mutter war das wortwörtlich der berühmte Tropfen zu viel. All die täglichen Sorgen: Die Trennung vom Mann, kein Geld mehr im Haus. Und dann kommt auch noch der Lockdown wegen Corona dazu. Samiras Mutter rastet aus. Sie schreit, packt ihre erschrockene Tochter so fest am Arm, dass sie anfängt, laut zu weinen. Schließlich rufen die Nachbarn die Polizei.

„Samiras Mutter war komplett überfordert in der Situation“, erinnert sich Heidrun Boye, Pädagogin bei den ambulanten Hilfen im SOS-Kinderdorf. Die Polizei meldet dem Fall dem Jugendamt. Ein Familiengericht prüft nun, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und das Mädchen aus der Familie genommen werden muss.

Wir können Kindern wie Samira helfen. Indem wir spenden. Jeder Euro kann einen Unterschied machen im Leben eines Kindes und unterstützt die so wichtige Arbeit des SOS-Kinderdorfs. Klickt einfach auf den Spenden-Button und tragt einen kleinen Teil dazu bei, dass Kindern und Eltern in Notlagen geholfen werden kann:

Durch Corona geriet in Familien, die davor schon viele Belastungen auszuhalten hatten, die Situation endgültig außer Kontrolle. Die Kinder litten darunter am meisten. Seelisch. Und viel zu häufig auch körperlich.

Körperliche Gewalt in Familien stieg während des Lockdowns stark an

In einer Studie der TU München* gaben rund 3 % von 3.800 Frauen an, in der Zeit der strengen Kontaktbeschränkungen zu Hause Opfer körperlicher Gewalt geworden zu sein. In 6,5 % aller Haushalte wurden Kinder gewalttätig bestraft. Hatten die Familien finanzielle Sorgen, lagen die Zahlen deutlich höher.

Aktuell muss alle 13 Minuten ein Kind in Deutschland zu seinem Schutz aus der Ursprungsfamilie genommen werden. Doch soweit muss es nicht immer kommen.

Hilfe zur Selbsthilfe vom SOS-Kinderdorf: Kinder sollen – wenn möglich – in ihren Familien bleiben

Samira komplett aus der Familie zu nehmen, würde die Kleine noch viel mehr belasten, wäre ein traumatischer Schritt. Doch natürlich muss etwas getan werden, um sie zu schützen und ihr eine liebevolle Zukunft zu ermöglichen. So kann es jedenfalls nicht weitergehen.

Also wendet sich das Jugendamt an das SOS-Kinderdorf. Dieses setzt bei den Eltern an und bietet Hilfe zur Selbsthilfe – damit die Familie gestärkt wird, Samira bei ihrer Mama bleiben und den Papa weiterhin sehen kann.

Gerade in frühen Stadien einer Krise gibt es noch eine Chance, dass Eltern schädliche Muster durchbrechen und wieder besser für ihre Kinder da sein können. Diese Hilfe bietet das SOS-Kinderdorf mit seinen ambulanten und offenen Angeboten. Ziel ist es, Eltern so zu stärken, dass sie einen Weg aus ihrer Krise finden. Erziehungsberatungen und Familienhilfe beispielsweise begleiten Familien intensiv und langfristig in ihrem Alltag, um gemeinsam Lösungen für Erziehungsschwierigkeiten, Konflikte und Alltagsprobleme zu finden.

Wenn Eltern in ihrer Erziehung gestärkt werden, können sie es schaffen, ihren Kindern die liebevolle und fürsorgliche Familie zu bieten, die sie verdienen. Dass diese Angebote notwendig sind, zeigen auch die Statistiken: 2018 gab es alleine über eine Millionen Hilfen zur Erziehung für junge Erwachsene und Familien. Tendenz steigend.

Samiras Kindheit war oft traurig - das SOS-Kinderdorf konnte helfen

Samiras Kindheit war oft traurig – das SOS-Kinderdorf konnte helfen. © SOS-Kinderdorf e.V. / Foto: Sebastian Pfütze

Samira und ihre Mutter erhielten Hilfe

Samiras Mutter wurde von der ambulanten Hilfe und einem zusätzlichen psychologischen Dienst des SOS-Kinderdorfs unterstützt. Heidrun Boye ging regelmäßig mit ihr spazieren, wegen Corona war kein Treffen zuhause möglich. Sie redeten lange, entwickelten gemeinsam einen Notfallplan: Wie kann die Mama bei Überforderung reagieren, ohne ihre Tochter zu verletzen? Wie kann sie für sich und ihre Tochter Entlastung im Alltag finden?

Boye telefonierte mit der Schule: Samira durfte trotz Corona in die Notbetreuung und den Hort. Das hat die Mutter im Alltag sehr entlastet. Außerdem hat die Mutter nun eine Notfallnummer, die sie wählen kann, wenn sie sich wieder überfordert fühlt. Samira selbst wird von einer Kollegin betreut, kann mit dieser spielen und über ihre Probleme sprechen. Auch die Hausaufgaben macht Samira wieder. „Diese Maßnahmen haben bereits sehr viel Ruhe in die Familie gebracht“, sagt die Mitarbeiterin des SOS-Kinderdorfs.

Samira wurde schwer vernachlässigt

Zum Glück. Denn bis dahin war der Alltag der kleinen Samira geprägt von Streit und Aggression. Niemand achtete darauf, ob sie ihre Hausaufgaben machte oder half ihr dabei. Ihre Schulnoten waren schlecht. Ihre Mahlzeiten nahm Samira nicht im Kreis der Familie zu sich, sondern vor dem Fernseher. Zuhause ist Samira aggressiv: Vor lauter Verzweiflung schreit sie heurm, tobt in ihrem Zimmer, zerbricht sogar einen Spiegel, um endlich einmal die Aufmerksamkeit ihrer Mama zu gewinnen. Dieses Verhalten ist nicht verwunderlich, denn Aggressivität wurde ihr jahrelang vorgelebt. Die Eltern sind auch nach der Trennung weiterhin im Dauerstreit, ständig fliegen die Fetzen und die Kleine bekommt alles mit. Samira fühlt sich zerrissen. Zu wem soll sie halten? Sie sehnt sich nach festen Essens- und Zubettgehzeiten und dass ihre Mama sie einfach mal in den Arm nimmt. „Ihr haben Liebe und Geborgenheit ihrer Mutter so gefehlt, dass sie fremde Frauen umarmt hat“, erzählt die Pädagogin Boye.

Ein Mädchen, das sich so einsam fühlt, dass es Fremde umarmt. Ist das nicht fürchterlich? Das geht uns wirklich sehr nah. Unseren Kindern geht es gut. Doch auch Samira und all den anderen Kleinen, denen es so ergeht wie ihr, soll es gut gehen.

Auch wir können etwas tun! 

Wir alle wissen, wie sehr uns Erlebnisse aus der Kindheit prägen. Wie entscheidend es ist, in einer geborgenen und sicheren Familienumgebung aufzuwachsen, in der man keine Angst haben muss.

Wir können helfen, dass Kinder wie Samira wieder ein Leben haben. Und eine Zukunft. Indem wir die wichtige Arbeit des SOS-Kinderdorfs unterstützen.

Und wir sollten uns vor Augen führen:  Jede Familie kann in eine ähnliche Situation geraten. Vor einer Trennung oder finanziellen Problemen ist niemand geschützt. Auch wir nicht. Lasst uns  zusammenhalten und gemeinsam kleine Hebel in Bewegung setzen, um allen Kindern eine ausgelassene, fröhliche Kindheit zu ermöglichen.

*Name, Abbildung und biographische Details zum Schutz der betroffenen Personen geändert.

Jennifer Meerkamp

Als Kind der 80er habe ich Kinderkassetten geliebt. Schnell war mir klar: Karla Kolumna ist immer dort, wo was los ist. Deswegen wollte ich Journalistin werden. Tatsächlich habe ich über meinen Job schon viele tolle Menschen kennenlernen dürfen: Jetzt, als Mama eines 1,5-Jährigen, freue ich mich, heute Teil des Echte Mama Teams zu sein und über Kinder zu schreiben. Die sind nämlich genau so spannend wie Schauspieler und Politiker.

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