„Ich habe Endometriose – und bin trotzdem Mama geworden“

„Falls Sie jemals Kinder wollen, dann jetzt.“ Dieser Satz warf Julia, 23, völlig aus der Bahn. Wegen schlimmer Unterleibsschmerzen ging sie zum Arzt: Hätte sie länger gewartet, hätte es zu spät sein können. Bei ihr wurde eine große Zyste an einem ihrer Eierstöcke entdeckt, die kurz davor war, zu platzen. In einer Not-OP wurden die Zyste und weitere Endometriose-Herde entfernt. Detailliert über die Krankheit aufgeklärt wurde Julia im Krankenhaus nicht. Der einzige Rat, den sie erhielt, war: Sie solle sich mit dem Kinderkriegen lieber beeilen, denn Endometriose kann unfruchtbar machen.

„Ich konnte das garnicht so schnell realisieren, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich mich noch nicht so mit dem Thema Kinderwunsch beschäftigt. Ich wusste, dass ich mal Kinder haben will, auf jeden Fall. Aber jetzt gleich? Ich stand da mit einer Diagnose, mit der ich nicht viel anfangen konnte, frisch operiert und daran erinnert, dass meine biologische Uhr früher ablaufen könnte, als normal”, erinnert sich Julia.

Über die Schmerzen, die Verwirrung und ihren unerschütterlichen Optimismus, erzählt sie euch in dieser Podcast-Folge.

(Wer jetzt reingehört hat, erkennt am Titel unserer Podcast-Reihe – „Meine erste Zeit mit Baby“–, dass es für Julia und ihren Mann ein Happy End gab. Sie sind heute überglückliche Eltern eines kleinen Sohnes. Doch dazu später mehr …)

Informationen über die Krankheit suchte sich Julia anschließend in eigener Recherche. So fand sie auch einen Arzt, der sie beraten konnte und mit ihr die Möglichkeiten für die weitere Behandlung besprach. Julia entschied sich tatsächlich dafür, ihren Kinderwunsch nicht weiter aufzuschieben. Das Risiko, aufgrund ihrer Krankheit nie schwanger zu werden, wollte sie nicht eingehen. „Ich bekam die Diagnose mit 21, mein Partner war damals 24. Wir waren zu dem Zeitpunkt schon verlobt, und er konnte sich eh vorstellen, bald Vater zu werden“, erzählt Julia. Also verhüteten die beiden nicht mehr.

Seit einigen Monaten ist Julia jetzt Mama

Die Erfüllung ihres Kinderwunsches ging trotz eines weiteren harten Schicksalsschlages – einer Fehlgeburt – schneller als gedacht. Julia wurde einige Monate später wieder schwanger. Im März 2020 kam ihr Sohn auf die Welt, wenige Wochen, nachdem sie ihr Bachelor-Studium abgeschlossen hatte.

Heute ist der kleine Schatz das größte Glück in Julias Leben und hilft ihr, auch härtere Tage zu ertragen. „Es ist mega schön und das Beste, was ich hätte machen können“, sagt Julia. Es sei einfach der richtige Weg für sie gewesen. In zwei Jahren wollen die beiden noch ein Kind, wenn es klappt. Falls die Schmerzen dann wieder sehr schlimm werden, könnte sich Julia aber auch vorstellen, sich die Gebärmutter entfernen zu lassen. Doch so weit denkt sie noch nicht.

Julia hat Endometriose und wurde dennoch schwanger

Julia hat Endometriose und wurde dennoch schwanger. Vielleicht klappt es mit einem Geschwisterchen? Foto: Miriam Dierks, liebäugeln Fotografie

Endometriose – weit verbreitet und oft unerkannt

Endometriose betrifft 10 bis 15% aller Frauen und bleibt häufig lange unentdeckt.

Dabei bilden sich an den Organen des BauchraumsZysten und sogenannte Endometriose-Herde. Das ist eine Ansammlungen von Zellen, die dem Gewebe der Gebärmutterschleimhaut ähneln. Besonders stark betroffen sind Eierstöcke, Darm und Bauchfell. In seltenen Fällen können sich solche EndometrioseHerde aber auch außerhalb des Bauchraums, beispielsweise in der Lunge, bilden.

Da das Gewebe der Herde jenem der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, reagiert esebenfalls auf die hormonellen Schwankungen des weiblichen Zyklus. Dies kann zu Entzündungen, starken Schmerzen, abnormem Zellwachstum und Blutungen führen. Dadurch entstehen häufig Vernarbungen und Verwachsungen, die Unfruchtbarkeit verursachen können. Auch die Darmtätigkeit, der Hormonhaushalt und das Immunsystem können dauerhaft beeinflusst werden.

Die Symptome und der Krankheitsverlauf variieren dabei oft stark von Frau zu Frau.Julia hatte beispielsweise schwere Magen-Darm-Beschwerden und Unterleibsschmerzen, die nicht nur während ihrer Periode auftraten. „Manche Tage habe ich nur mit Ibuprofen überstanden. Aber das ist ja kein Dauerzustand“, sagt Julia.

Mögliche Symptome von Endometriose:

  • Schmerzen in Bauch, Rücken, Brüsten, Schultern oder Brustkorb
  • Migräne
  • Starke und unregelmäßige Monatsblutungen
  • Blutungen außerhalb der Monatsblutung
  • Blutgerinnsel
  • Unfruchtbarkeit
  • Schmerzen bei Geschlechtsverkehr, Untersuchungen, Stuhlgang oder Urinieren
  • Durchfall/Verstopfungen
  • Übelkeit/Erbrechen
  • Müdigkeit und Erschöpfung
  • Schlafstörungen
  • Nachtschweiß
  • Erhöhter Herzschlag
  • Atemnot
  • Schwindel
  • Allgemeine Lungensymptomatik
  • Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten
  • Erhöhte Infektanfälligkeit
  • Nährstoffmangel
  • Niedriger Blutzucker

Eine ganz schön lange Liste verschiedenster Symptome also … Es ist nicht ganz einfach, Endometriose frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Viele Frauen leiden jahrelang, ohne Erklärung.

Kann Endometriose behandelt werden?

Generell gilt Endometriose nach aktuellem Forschungsstand als behandelbar, aber leider nicht als heilbar. Die Behandlung der Krankheit wird hauptsächlich vom Gynäkologen vorgenommen und variiert je nach Schwere. Bei einigen Patientinnen können die Endometriose-Herde operativ entfernt werden. Bei etwa der Hälfte der Patientinnen besteht jedoch dauerhaft Behandlungsbedarf, da die Endometriose-Herde nicht vollständig herausgenommen werden können oder wieder nachwachsen.Bei solchen Langzeitpatientinnen wird zusätzlich eine medikamentöse Schmerztherapie oder eine Hormontherapie empfohlen, um das Wachstum der abnormen Zellen zu verhindern.

Auch mit alternativen Behandlungsmöglichkeiten machen viele Frauen gute Erfahrungen. Manche berichten, dass ihnen eine Umstellung der Ernährung geholfen habe, die Symptome zu lindern. Julia habe wochenlang die so genannte Goldene Milch mit Kurkuma (wirkt entzündungshemmend), Gerstengras und Hagebuttenpulver genommen, sagt sie. Der Mix brauche wohl eine Weile, bis er wirkt. „Aber dann hat mir das wirklich sehr geholfen“, sagt sie.

Welche Behandlung im jeweiligen Fall vielversprechend ist, sollte immer in Absprache mit einem erfahrenen, behandelnden Arzt entschieden werden.

Solltet ihr euch in den Symptomen wiedererkennen und nun die Befürchtung haben, dass ihr betroffen sein könntet, informiert euch bitte auf der Homepage derEndometriose Vereinigung Deutschland. Dort findet ihr spezialisierte Ärzte und Kliniken bzw. Endometriose-Zentren.

Es gibt sogar Endometriose-Selbsthilfegruppen. Der Austausch mit anderen Frauen hat auch Julia sehr geholfen. „Es tut so gut, zu wissen, dass man nicht alleine damit ist“, sagt Julia. „Jede zehnte Frau hat Endometriose. Und wir stehen das alles irgendwie gemeinsam durch.“

Podcast-Tipp: Julias Geschichte zum Hören

Neue Podcast-Reihe: Julia ist Mama geworden – trotz Endometriose.

Julia ist Mama geworden – trotz Endometriose.

Wenn ihr Julias emotionale Geschichte in voller Länge hören wollt, dann legen wir euch unseren Sonderpodcast zum Thema Endometriose ans Herz, der im Zuge unserer neuen Podcast-Reihe mit dem Kinderwagenhersteller Joolz erschienen ist. Hört auf jeden Fall mal rein! Darin erzählt Julia ganz offen und ehrlich über die Diagnose, über die Geburt, Wochenbett in Corona-Zeiten und vieles mehr.

Ihr findet alle zehn Folgen bei Spotify, Apple Podcasts, Podigee und Deezer.

Habt ganz viel Freude beim Hören, und hinterlasst dem Podcast supergerne eine Bewertung, wenn er euch gefallen hat.

Vitesse Schleinig

Aus der Münchner Verlagswelt kam ich vor rund zehn Jahren in die Hamburger Online-Welt, wo ich seither texte, was die Tastatur hergibt. Das Leben mit meinem Mann und unserem 3-Jährigen nehme ich mit Humor, Liebe – und viel Yoga. Und ich bin überzeugt, dass aus willensstarken Kindern großartige Erwachsene werden. Ganz bestimmt!

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