Corona: Warum wir das Recht haben, wütend zu sein

Corona hat uns weiter fest im Griff. Die leise Hoffnung auf ein bisschen mehr Normalität durch eine Lockerung der Maßnahmen hat sich erst einmal zerschlagen. Natürlich weiß ich, dass Kontaktverbot und Co. im Moment einfach notwendig sind. Und trotzdem bin ich traurig. Und wütend. Weil dieses Virus einfach so viele Bereiche meines Lebens beeinflusst, ohne dass ich etwas daran ändern kann. Und weil es mir so viele Dinge kaputt macht, auf die sich meine Kinder und auch ich schon so lange gefreut haben. Nur sagen darf man das scheinbar nicht laut, dann wird sofort von allen Seiten gemotzt. Aber warum? Uns allen ist bewusst, dass diese Pandemie wirklich schlimm ist. Trotzdem heißt das doch nicht, dass wir uns nicht mehr über „kleine Dinge“ aufregen dürfen, die „nur“ uns selbst betreffen.

Ich finde, jeder hat das Recht, traurig oder wütend zu sein. Und niemand sollte darüber urteilen

„Hast du keine größeren Probleme?“, „Sei froh, dass du gesund bist.“, „Hör auf zu jammern, andere sind viel schlimmer dran!“ Wenn man sich aktuell in den sozialen Medien umschaut, gehören Sätze wie diese (leider!) fast schon zum Standard. Sobald jemand auch nur erwähnt, dass ihn die aktuelle Situation nervt, er traurig ist, weil eine langersehnte Sache ausfällt, oder er sich wünscht, dass die Kitas bald wieder aufmachen, bekommt er in den meisten Fällen sofort Gegenwind.

Dabei geht es in den meisten Fällen doch gar nicht darum, dass etwas anderes schlimmer, dramatischer oder wichtiger ist. Es steckt auch kein übertriebener Egoismus dahinter, wenn ich traurig bin, dass mein Sommerurlaub wahrscheinlich ausfällt. Corona betrifft uns nun einmal alle als Gesellschaft – aber auch jeden einzelnen in seinem persönlichen Leben. Deshalb hat auch jeder das Recht, traurig zu sein. Oder wütend. Oder beides. Und genau das bin ich im Moment,

Das bedeutet nicht, dass ich nicht verstehe, wie notwendig diese Maßnahmen gerade sind

„Es ist ein zerbrechlicher Zwischenerfolg, der sich in eine gute Richtung entwickelt. Aber wir haben auch nicht viel Spielraum.“ Das hat Angela Merkel bei ihrer letzten Pressekonferenz gesagt. Und damit begründet, warum es aktuell nur sehr kleine Lockerungen der Maßnahmen geben kann. Verstehe ich! Trotzdem hätte ich mir zumindest einen kleinen Lichtblick gewünscht. Etwas, das uns – und auch mir selbst – zeigt: Da ist ein Licht am Ende des Tunnels. Einen Zeitpunkt, auf den wir hinarbeiten können.

Natürlich weiß ich auch, dass das nicht so ohne weiteres möglich ist

Und trotzdem fühlt es sich für mich gerade sehr frustrierend an. Und ja, es macht mir auch Angst.

Als meine Kinder im März zum letzten Mal in der Kita waren, hieß es, sie müssen erst mal zwei Wochen zuhause bleiben. Nur zwei Wochen, nicht so dramatisch. Sie haben sich von ihren Freunden und Erzieherinnen verabschiedet und gesagt: „Bis bald“. Dieses „Bis bald“ dauert jetzt schon 5 Wochen, und es wird mindestens noch einmal genauso lange dauern – wenn nicht sogar deutlich länger.

Inzwischen vermissen die Zwerge ihre Freunde, die Erzieherinnen und auch den Alltag in der Kita. Es macht mich traurig, dass ich ihnen nicht sagen kann, wann sie sie alle wiedersehen werden. Und ob überhaupt, denn mein Sohn müsste im Sommer die Gruppe wechseln, weil er dann „zu den Großen“ geht. Wenn ich daran denke, dass er seine jetzigen Freunde, von denen er mir fast täglich erzählt, nicht mehr sehen wird, könnte ich heulen. Wenn er mit seinen 2,5 Jahren auf meinen Schoß klettert und sagte „Mama, ich bin traurig“, bricht es mir das Herz. Wenn meine Große fast weint, weil sie ihre Freunde so vermisst, könnte ich direkt mitweinen.

Es macht mich wütend, dass ich nicht wütend sein darf

Dann lese ich unter Artikeln Kommentare wie „Verstehe ich nicht, ist doch toll, dass man jetzt soviel Zeit als Familie hat“ oder „Also MEINE Kinder vermissen die Kita überhaupt nicht, sondern freuen sich über die Zeit mit Mama und Papa“. Das macht mich wirklich wütend. Vielleicht gibt es tatsächlich Kinder, die die Zeit zuhause gerade genießen. Aber erstens: Wie lange noch, ohne Freunde und andere sozialen Kontakte, die gerade für Kinder so wichtig sind. Und zweitens: Was gibt euch das Recht, die Sorgen anderer klein zu reden, nur weil es bei euch vielleicht (glücklicherweise) nicht so ist?

Für mich schwingt immer der unterschwellige Vorwurf, man würde sich nicht über mehr Zeit mit seinen Kindern freuen. Das ist aber absolut nicht so, und darum geht es auch gar nicht. Natürlich verbringe ich gern Zeit mit meinen beiden, sehr gern sogar. Aber nicht auf Zwang mehrere Monate ohne andere soziale Kontakte. Und nicht, wenn mein Mann und ich gleichzeitig auch arbeiten müssen. Denn dann kann man eben nicht die ganze Zeit mit den Zwergen spielen, schaltet den Fernseher häufiger an als sonst und hat deshalb ständig ein schlechtes Gewissen.

Ich bin einfach unglaublich erschöpft

Mein Mann und ich haben das Glück, dass wir beide von zuhause aus arbeiten und uns die Zeiten dabei relativ flexibel einteilen können. Ich weiß, dass wir es damit besser haben als viele andere, und dafür bin ich auch wirklich sehr dankbar. Trotzdem sitze ich fast jeden Abend fast bis Mitternacht am Rechner, damit ich die Arbeit schaffe. Nach einigen Wochen schlaucht das einfach, und das bekommen dann irgendwann auch die Kinder mit.

Und genau das macht mich auch so wütend – wütend auf mich selbst. Weil ich zwischendurch so genervt bin, dass es diejenigen abbekommen, die am wenigsten dafür können. Und weil ich es nicht schaffe, mich zusammenzureißen, damit es für die Kinder nicht noch schwieriger wird, als es sowieso schon ist.

Zum Glück dürfen wir ja noch nach draußen. Das sieht in anderen Ländern leider schon anders aus. Wir drehen also ab und zu eine Runde mit dem Fahrrad bzw. Laufrad – und stehen irgendwann fast immer vor einem abgesperrten Spielplatz. Natürlich weiß ich, dass diese Maßnahme sinnvoll ist. Aber dann sehe ich die sehnsüchtigen Blicke meiner Kinder, ihre traurigen Augen, wenn wir am Spielplatz vorbeigehen, und ich ihnen nicht sagen kann, wann sie endlich wieder schaukeln, rutschen und im Sand buddeln dürfen. Und mein Herz wird schwer.

Oft lese ich auch den Ratschlag, die Kinder könnten doch mit ihren Freunden skypen

Schön und gut, haben wir schon versucht. Die Große hat mit zwei Freundinnen gesprochen und konnte tollerweise auch mit ihrer Lieblings-Erzieherin sprechen, die sie so sehr vermisst. Am Anfang lief es etwas holperig, dann haben sie sich eine Weile unterhalten. Sie hat sich auch gefreut – und war danach noch trauriger. Denn natürlich ist es nicht das gleiche. Sie würde viel lieber alle in den Arm nehmen, mit ihnen durch die Gegend toben, Bibi & Tina spielen oder Fangen und Verstecken. Das ich ihr nicht sagen kann, wann das endlich wieder möglich ist, macht auch mich wirklich traurig.

Das gleiche gilt natürlich für Oma und Opa

Seit 6 Wochen haben wir sie inzwischen nicht mehr gesehen, abgesehen von ein paar Videoanrufen. Dabei haben wir uns sonst wirklich sehr regelmäßig getroffen, und die beiden sind auch oft als Babysitter eingesprungen. Wann unsere beiden Oma und Opa endlich wieder in die Arme nehmen dürfen? Ich weiß es nicht. Da ältere Menschen ja zur Risikogruppe gehören, und wir sie natürlich auf keinen Fall in Gefahr bringen möchten, kann es vermutlich noch lange dauern.

Im Mai hat meine Tochter Geburtstag

Sie hat sich eine Prinzessinnenparty gewünscht. Wusste schon genau, welche Kinder sie einladen möchte, welche Spiele sie spielen sollen, welche Muffins wir zusammen backen wollen, und was sie anziehen möchte. Und jetzt? Können wir wahrscheinlich noch nicht einmal in den Tierpark fahren, sondern sitzen an ihrem Geburtstag zu Hause. Natürlich werden wir versuchen, es trotzdem so schön wie möglich zu machen. Ich habe ihr auch gesagt, dass wir die Feier nachholen, sobald es wieder möglich ist. Sie hat genickt, meine große Maus, die eigentlich auch noch so klein ist. Weil sie inzwischen weiß, dass es gerade nicht anders geht. Und trotzdem war sie unglaublich enttäuscht und traurig. Und es macht mich wirklich wütend, dass unsere Kinder gerade mit solchen Dingen zurechtkommen müssen, anstatt unbeschwert ihre Kindheit zu genießen.

Diese Woche wollten wir eigentlich auf Fehmarn sein

Urlaub auf dem Bauernhof, wie in den letzten beiden Jahren auch. Die Große hat sich seit einem Jahr darauf gefreut – und jetzt konnten wir nicht fahren. Als ich es ihr erklärt habe, hat sie mich traurig angesehen und gefragt, ob wir dann später fahren. Wir konnten den Urlaub um ein paar Wochen schieben, aber so, wie es jetzt aussieht, wird es auch dann nichts werden.

Ob unser Sommerurlaub im August stattfindet, kann uns jetzt natürlich noch niemand sagen. Nach allem, was bis jetzt beschlossen wurde, und was ich gelesen habe, befürchte ich aber auch da, dass es schlecht aussieht. Und ja, auch das macht mich unglaublich traurig – und wütend. Diese Auszeiten hätten wir als Familie wirklich gut gebrauchen können, besonders nach den letzten 5 Wochen. Mir ist bewusst, dass ein ausgefallener Urlaub nichts ist, im Vergleich zu den Problemen, die andere gerade haben. Und trotzdem trifft es mich wirklich sehr. Und es macht mich auch wütend. Genauso wie die Tatsache, dass wir vermutlich nicht einmal das Geld wiederbekommen, sondern nur einen Gutschein, mit dem wir den Urlaub umbuchen können. Nur – auf wann?

Corona macht einfach alles kaputt, was Spaß macht und uns gut tut

Neben den größeren Themen, die mich beschäftigen, gibt es auch so viele kleinere Dinge: Das Singen, das meinen Kindern so viel Spaß macht, und das sie bis zum Ende des Kurses nicht mehr besuchen können. Das Kinderturnen, bei dem sie sich einmal in der Woche richtig auspowern und toben können. Die Konzerte, auf die ich mich schon so lange gefreut habe. Die Fußballspiele unsere Lieblingsvereins, für den wir eine Dauerkarte haben, und von denen wir jetzt nicht mehr eines sehen werden. Die Ausflüge, die wir jetzt nicht machen können. Dabei haben wir laut Experten gerade vielleicht „den sonnigsten April aller Zeiten“. Super.

Ja, ich weiß, dass viele das alles als „Luxusprobleme“ ansehen

Weil es Menschen gibt, für die viel mehr auf dem Spiel steht als „nur“ ein Urlaub. Menschen, für die eine Infektion mit dem Coronavirus im schlimmsten Fall lebensgefährlich werden kann. Natürlich weiß ich das. Ich leide seit vielen Jahren an Asthma und gehöre damit selbst zur Risikogruppe. Und trotzdem finde ich, dass jeder das Recht hat, wütend oder traurig zu sein. Weil es manchmal eben auch die „kleinen“ Dinge sind, die einem das Leben schwer machen. Und weil das hier kein Wettbewerb ist, bei dem es darum geht, wer gerade schlechter dran ist.

Mein Kopf und mein Herz kommen im Moment einfach nicht auf einen Nenner

Mein Kopf weiß, dass all das hier gerade notwendig ist, damit das Coronavirus sich nicht zu schnell verbreitet. Mein Herz wünscht sich unser altes Leben zurück. Mit Freunden, Kita, Spielplätzen, Besuchen bei Oma und Opa, Familienurlaub, Grillen im Park, Besuchen im Tierpark, Fußballspielen im Stadion und so vielem mehr.

Dieser Zwiespalt beschäftigt mich inzwischen seit Wochen. Denn bei allem Verständnis sehne ich mich einfach nach einem Stück Normalität. Gar nicht mal für mich, sondern für meine Kinder. Denn das ist es, was mich am meisten wütend macht: Dass die Kleinsten die sind, die gerade (mit) am meisten unter der Situation leiden.

Und an alle, die jetzt wieder ansetzt zu einem Kommentar à la: „Sei doch froh, dass wir NUR zuhause bleiben müssen“ – bitte lasst es. Es wird immer jemanden geben, der schlimmer dran ist als man selbst. Das heißt aber nicht, dass man alles klaglos hinnehmen muss. Jeder hat das Recht auf seine eigenen Gefühle, auch, und vielleicht sogar besonders in einer schwierigen Zeit wie jetzt. Ich weiß, dass es uns nicht weiterbringt, wenn wir jetzt alle anfangen zu jammern. Trotzdem kann es unheimlich befreiend sein, sich einfach mal Luft zu machen. Und ich würde mir wünschen, dass wir uns gerade jetzt mehr unterstützen, statt uns gegenseitig das Leben noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist.

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern.

Seit 2015 sind wir Eltern einer zauberhaften Tochter. Zwei Jahre später kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und unsere Familie war komplett. Zusammen sind die beiden ein unschlagbares Team, das sich nur allzu gern gegen Mama und Papa verbündet.

Abgesehen von meiner Familie liebe ich den Hafen, fotografiere gern und gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Texte und Social Media ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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