„So habe ich mich vom narzisstischen Vater meiner Kinder gelöst”

TRIGGERWARNUNG

Dieser Text thematisiert physische und psychische Gewalt. Er behandelt also Inhalte, die für einige Menschen sehr beunruhigend oder verstörend sein könnten. Wenn du dich mit dem Thema unwohl oder überfordert fühlst, solltest du den Text nicht lesen.


„Meine Geschichte hat viele Menschen entsetzt, traurig und wütend gemacht, aber mir auch Respekt und Stolz entgegengebracht. Sie ist geprägt von Gewalt, gerade psychischer Natur. Ich habe zwei kleine Töchter unter drei Jahren. Vor einigen Monaten habe ich mich konsequent von deren Kindsvater getrennt.

Ich vermute, dass er Narzisst ist.

Sehr viele Verhaltensweisen sprechen dafür. Er sieht sich im Mittelpunkt, demütigt meine große Tochter und übt uns dreien gegenüber psychische und soziale Gewalt aus. Ich habe selbst Gewalt erlebt, mein Vater hat meine Mutter geschlagen. Auch der Vater meiner Kinder erlebte leider Gewalt seitens seiner Eltern in seiner Kindheit.

Ich lernte ihn bei einem Grill-Nachmittag im Garten seines Vaters im Sommer kennen. Sein Vater und mein erster Lebensgefährte waren Arbeitskollegen. Wir waren beide zu der Zeit in festen Händen und sahen uns ab und zu. Nie allein und nie mit der Absicht, etwas miteinander anzufangen.

Doch ein paar Jahre später passierte es, wir haben uns ineinander verliebt.

Er war frisch getrennt und meine Beziehung war schon ziemlich kaputt (auch hier war Gewalt im Spiel). Ich beendete dann ziemlich zügig die Beziehung zu meinem ersten Lebensgefährten und kam mit dem Vater meiner Kinder zusammen. Wir hatten beide noch keine Kinder und waren uns einig, dass wir zwei haben möchten.

Am Anfang war es fantastisch. Es war einfach zu perfekt: der Sex, das Zusammenleben. Heute weiß ich, es war die typische Lovebombing-Phase. Dass er kaum Freunde hatte, besser gesagt nur eine beste Freundin, die sich ziemlich an ihn ranschmiss (ich sagte nichts, wollte nicht als Spießer dastehen) und sehr viel mit seiner Mutter unternahm, machte mich zunächst nicht stutzig.

Wenn man keine gesunde Prägung von Eltern bezüglich Paar- und Elternsein bekommt, sieht man Gewalt nicht als solche.

Gewalt ist so ein breites Spektrum, es geht nicht nur um körperliche Gewalt, die sichtbar ist, sondern gerade um psychische, soziale, sexualisierte Gewalt. Abschieben der Verantwortung, Herrschaft, Instrumentalisierung der Kinder und ökonomische Gewalt. Am Ende ging es dem Vater meiner Kinder immer um Macht und Kontrolle.

Als meine ältere Tochter etwa ein Jahr alt war, fing mein Lebensgefährte an, sich zu verändern, ganz schleichend. Die Lovebombing-Phase war vorbei und vieles nahm ich nicht mehr mit Humor.
Plötzlich war ich mit Frauenhass und rechtsradikalen Äußerungen konfrontiert, auch von Seiten seiner Eltern. Irgendwann spitzte sich die Lage zu. Er sagte, dass er Attentäter sein will und auf Leute schießen will.

Da es in seiner Familie Schusswaffen gibt, bekam ich es mit der Angst zu tun.

Also sendete ich Hilferufe an eine ehemalige Arbeitskollegin (die auch Narzisstenerfahrung hat und zu der ich nach wie vor engen Kontakt pflege), an meine Mutter und an meine Hebamme. Gleichzeitig wurde das Verhalten gegenüber den Kindern immer schlimmer. Meine große Tochter litt sehr darunter, dass sie gemaßregelt wurde, wenn sie nicht spurte und weinte viel. Als Strafe musste sie dann ins Kinderbett oder bekam Schläge auf den Kopf.

Es ist noch viel mehr passiert, ich habe mir Beleidigungen anhören dürfen, die ich so oft wie möglich dokumentiert habe. Meine Hebamme und die Arbeitskollegin rieten mir beide: ‚Raus aus der Stadt! Geh zur Familie!‘

Sie konnten nicht wissen, wie meine Mutter ist.

Auch ich habe ihr wahres Gesicht erst dann erkannt, als es schon zu spät war. Für mich war es absolut falsch, mich an meine Familie zu wenden. Das hört sich verrückt an, weil die Familie doch eigentlich ein sicherer Hafen sein soll. Aber überlegt mal, mein Elternhaus ist ja der Ort, der mich so geprägt hat, dass ich mich überhaupt auf eine missbräuchliche Beziehung einlasse.

Es ist mir als Tochter sehr unangenehm, aber hinzu kommt noch, dass meine Mutter ein Messie ist. Ich finde es furchtbar und bin selbst sehr penibel. Doch weil ich nicht gleich eine Wohnung in ihrer Stadt fand, schlief ich erstmal mit meinen Kindern bei meiner Mutter zu Hause.

Doch kaum war ich mit meinen Töchtern dort, ging die Gewaltspirale weiter und meine Mutter demütigte ihr Enkelkind.

Mein Kind kam ihr wohl gerade gelegen, damit sie ihre eigene Unzufriedenheit an ihm auslassen konnte. Sie gab meiner Ältesten plötzlich an allem die Schuld, dabei ist sie doch ein Kleinkind. Auslöser war, dass sie sehr viel bei ihrer Oma weinte. Das ist aber kein Wunder: Keine festen Essenszeiten, überall Dreck und Chaos und ständig sollte sie ruhig sein, das hat sie fertig gemacht.

Eines Abends kam es dann zur Eskalation.

Meine Große wollte nicht Abendbrot essen und laut meiner Mutter schlug sie nach mir. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht daran erinnern. Doch sie nahm das zum Anlass, um sie zu nehmen und ihr dreimal auf den Hintern zu schlagen. Sie weinte natürlich. Der Mann meiner Mutter kam in die Wohnung, brüllte mein Kind an und sperrte es ins Wohnzimmer.

Ich wusste nicht, was ich tun soll, fühlte mich wie erstarrt. Ich hörte mein armes Kind weinen und gleichzeitig blaffte meine Mutter mich an, dass ich essen soll. In dem Moment erkannte ich: ‚Das kann nicht sein, es geht so weiter wie mit dem Kindsvater.‘ Dann sagte meine Mutter auch noch zu mir, wie ich ihrer Meinung nach mit meiner Tochter umgehen muss:

Ich solle mein Kind ohrfeigen, dass es rot im Gesicht ist und es grün und blau schlagen.

Außerdem würde sie immer so böse grinsen und mich nicht ernst nehmen. Ich wollte meine Kinder doch schützen und stattdessen waren wir jetzt in der gleichen Situation wie vorher. Endlich erkannte ich, dass ich den Kontakt zu meiner Familie abbrechen muss.

Weil ich mir nicht anders zu helfen wusste, dachte ich sogar darüber nach, zum Kindsvater zurückzukehren und es noch einmal mit ihm zu versuchen. Nach der Eskalation beim Abendbrot wollte ich nur weg von meiner Familie und bin mit den Kindern in eine Pension geflohen.

Meine Mutter hatte mir verboten, in ein Frauenhaus zu fahren, doch ich ging irgendwann trotzdem dort hin.

Ich konnte nichts mehr essen, nahm in kurzer Zeit 20 Kilo ab und wusste nicht mehr weiter. Inzwischen weiß ich, dass der beste Weg ist, sich direkt an Institutionen zu wenden, wie Interventionsstellen. Dort habe ich erfahren, wer mein Ansprechpartner beim Jugendamt ist. Auch das Frauenhaus, das Jugendamt und der Kinderarzt helfen. Außerdem war es für uns wichtig, die Kita einzuweihen und das Gespräch mit dem Arbeitgeber zu suchen.

Um mich endgültig aus meiner ungesunden Beziehung zu lösen, habe ich verschiedene Stationen durch: Gerichtsverhandlung wegen des Aufenthaltsbestimmungsrechts, Aufsuchen der Interventionsstelle, Frauenhaus, Wohnungssuche, Kontakt zum Jugendamt, Einweihen der Kita… Es war nicht leicht, aber ich habe es geschafft, für mich und für meine Kinder.

Das Verhältnis zum Vater meiner Kinder ist schwierig.

Er kann nicht mit Geld umgehen und macht ständig Schulden. Vor der Trennung half ich ihm sehr oft aus. Als ich den Unterhalt für die Kinder betiteln lassen wollte, behauptete er, dass ICH nur sein Geld will. Das stimmt nicht, es steht den Kindern zu, und zwar nach seinem Gehalt berechnet.

Er darf die Mädchen so oft wie möglich sehen, aber ich will dabei sein. Denn ansonsten weiß ich nicht, was passiert, wenn ein Kind weint. Wird es vor die Tür gesetzt oder angeschrien oder in ein Zimmer gesperrt, so wie in der Zeit, in der wir noch zusammenlebten? Ich kann ihn nicht alleine mit unseren Töchtern lassen. Doch er kann die Trennung nicht akzeptieren und hat sogar einen Anwaltstermin ausgemacht, um den Umgang zu klären, und zwar so, dass ich nicht bei den Umgangsterminen dabei bin.

Das ist seine Rache für meinen Weg zum Unterhaltstitel.

Meiner Großen merke ich zwar an, dass ihr die Trennung vom Vater schwerfällt, aber andererseits merke ich auch, dass es ihr insgesamt besser geht. Die gemeinsamen Mahlzeiten ohne Papa, der dauernd ausgerastet ist, sind viel entspannter. Mit zwei kleinen Kindern ist es zwar manchmal etwas herausfordernd am Tisch, aber besser so als mit dem Kindsvater. Auch Einschlafen und Anziehen morgens vor der Kita laufen nun viel ruhiger ab.

Meine Große kann sich besser entfalten, weiß aber auch wo die Grenzen sind. Ich lasse sie viel helfen und wir schlafen im Familienbett. Mir ist es wichtig, dass meine Kinder engen Kontakt zu mir haben. Schlimm sind für mich die Schuldgefühle: Dass ich die Familie zerstörte, den Kindern den Vater nahm, meine Ältere von einer Gewaltsituation in die nächste brachte, ohne dass ich es wollte. Es tut mir so leid für sie.

Deswegen kämpfe ich heute umso entschlossener für meine Kinder.

Ich möchte ihnen ein schönes Zuhause bieten, eine gemütliche Höhle. Und sie sollen sich entfalten können – ohne Druck und Last. Ich mache im Winter eine Mutter-Kind-Kur und ich habe ein Coaching durchgeführt. Ich wählte eines, bei dem negative Emotionen und die Herzmauer gelöst werden. Das kann ich jedem nur empfehlen!

In wenigen Woche ziehe ich mit meinen Kindern in eine neue Wohnung. Meine Jüngste kommt im Sommer in die Krippe und ich fange im Herbst nach der Elternzeit wieder an zu arbeiten. Nach wie vor habe ich keinen Kontakt zu meiner Mutter.

Mit meiner jetzigen Erfahrung rate ich allen Frauen, die sich in einer gewaltvollen Beziehung befinden, so schnell wie möglich die Reißleine zu ziehen und sich Hilfe zu suchen.

Man muss und kann so eine Situation nicht alleine lösen. Es hilft schon, sich Menschen zu öffnen, denen man vertrauen kann. Außerdem ist es wichtig, Beweise zu sammeln: Fotos, Screenshots (zum Beispiel vom Chatverlauf) und Gesprächsprotokolle mit Zeit und Datum. Mir hat auch der Verein ‚Weisser Ring‘ immens geholfen, dort wurde mir finanzielle Unterstützung zugesichert.

Betroffene sollten sich unbedingt einen gewissen Plan machen. Gerade Narzissten kann man nicht einfach so verlassen. Ich finde folgendes Buch dazu sehr gut: ‚Raus aus der narzisstischen Beziehung‘ von Katja Demming (Affiliate Link). Es gibt aber noch viel mehr Literatur, auch die Bücher von Dr. med. Pablo Hagemeyer sind sehr gut.

Ich glaube inzwischen, dass mein Weg so sein sollte.

Alles ist vorherbestimmt und jede Prüfung, die wir gestellt bekommen, schaffen wir auch. Natürlich fällt man auch mal in ein Loch, das ist völlig normal. Trotzdem weiß ich heute, dass es das Richtige war, zu gehen. Ich baue mir jetzt mein Selbstbewusstsein auf und übernehme Verantwortung für mein Leben.

Mit meiner Geschichte möchte ich Frauen ermutigen, ihren Partner zu verlassen, wenn sie Ähnliches erleben. Nicht nur den Kindern, sondern auch sich selbst zuliebe. Die Wunden kann man nur selbst heilen, kein Mensch kann es einem abnehmen. Man kann sich als Paar auch nicht gegenseitig heilen, jeder muss es für sich tun.

Es ist ein langer schmerzhafter Prozess, aber danach geht man gestärkt raus.

Liebe Frauen, liebe Mamas, auch alleinerziehend schafft ihr diesen Weg! Auch ich wollte aufgeben, hatte sogar Suizidgedanken… Es ist ein Auf und Ab der Gefühle, ein langer Weg, aber es lohnt sich! Die eigene Freiheit ist so wichtig und ihr seid nicht allein. Hört nicht auf andere, sondern auf euch und euer Bauchgefühl. Denn ihr seid der schützende Hafen für eure Kinder, wenn die See rau ist.

Fühlt euch alle gedrückt!”


Liebe Mama (Name ist der Redaktion bekannt), vielen Dank, dass du uns deine Geschichte anvertraut hast. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

Echte Geschichten protokollieren die geschilderten persönlichen Erfahrungen von Müttern aus unserer Community.

WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
Hast Du etwas Ähnliches erlebt oder eine ganz andere Geschichte, die Du mit uns und vielen anderen Mamas teilen magst? Dann melde Dich gern! Ganz egal, ob Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Mamaleben, besonders schön, ergreifend, traurig, spannend oder ermutigend – ich freue mich auf Deine Nachricht an [email protected]

Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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