Social Freezing: Eizellen einfrieren – so kann es dir helfen

Die meisten von uns spüren ihn früher oder später: den Wunsch nach einem Kind. Aber nicht immer lässt sich der Wunsch auch sofort in die Tat umsetzen. Manchmal ist es aus unterschiedlichen Gründen gerade einfach nicht möglich, ein Baby zu bekommen. Weil die Situation es nicht zulässt oder der richtige Partner fehlt. Wenn es dir auch so geht, kann Social Freezing helfen. Was das ist, und wie genau es funktioniert, erklären wir dir hier.

Außerdem hat Expertin Lia Grünhage, die Gründerin von Avery Fertility, uns die wichtigen Fragen zum Thema Social Freezing im Interview beantwortet.

1. Was ist Social Freezing?

Kurz gesagt versteht man unter Social Freezing das Einfrieren von Eizellen, um sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufzutauen und zu befruchten. Wenn du also weißt, dass du ein Kind haben möchtest, nur eben noch nicht jetzt, kannst du auf diese Weise junge und sehr fruchtbare Eizellen für den richtigen Zeitpunkt aufbewahren.

Dafür werden dir die Eizellen nach einer Hormonbehandlung in einem kleinen Eingriff entnommen und mit flüssigem Stickstoff bei -196 Grad schockgefroren. Dadurch werden sie konserviert, und ihre Qualität bleibt erhalten. Das heißt, die Eizellen sind auch zehn Jahre später noch genauso fruchtbar wie am Tag der Entnahme.

Der Name Social Freezing kommt daher, dass die Konservierung der Eizellen soziale Gründe hat und keine medizinischen (Medical Freezing). Es gibt dir die Möglichkeit, den Zeitpunkt, an dem du schwanger werden möchtest, selbst zu bestimmen. Und zwar unabhängig davon, dass die Fruchtbarkeit bei uns Frauen schon ab dem 30. Geburtstag stetig abnimmt. Eine Garantie für die Schwangerschaft, ist das Social Freezing allerdings nicht.

2. Wie wichtig ist das Thema für Frauen in der heutigen Zeit?

Wir werden generell immer später Eltern. Durchschnittlich bekommen wir Frauen mit 30 unser erstes Kind. Gleichzeitig ist das Alter unserer Eizellen einer der häufigsten Gründe, warum es mit dem Kinderwunsch nicht klappt. Hättest du gewusst, dass fast jede dritte Frau zwischen 35 und 39 schon als unfruchtbar gilt?

Kein Wunder also, dass wir uns so oft verrückt machen, wenn es um das Thema Kinderwunsch geht. Wir hören unsere biologische Uhr ticken und haben Angst, den richtigen Zeitpunkt zu verpassen. Dabei hat jede Frau ihre eigenen Gründe und Pläne, die Einfluss auf genau diesen richtigen Zeitpunkt haben.

Es kann sein, dass du dich einfach noch nicht bereit fühlst, Single bist oder dir vielleicht nicht sicher bist, ob dein jetziger Partner wirklich der richtige ist. Oder du wünschst dir mehrere Kinder, bist aber schon Anfang 30. Vielleicht möchtest du auch erst eine gewisse finanzielle Sicherheit schaffen, bevor du ein Kind bekommst. Oder im Job vorankommen, um eine gute Basis für eine Familie zu schaffen. Gerade wir Frauen müssen uns in diesem Fall oft anhören, wir würden „die Familie für die Karriere opfern“ – dabei ist das völliger Quatsch. Wir möchten nur einfach selbst bestimmen, wann wir bereit sind, um ein Baby zu bekommen. Und genau dabei kann Social Freezing uns helfen.

3. Aufklärung zum Thema Fruchtbarkeit ist wichtig

Dass es ab Mitte 30 leider schon schwierig werden kann, schwanger zu werden, weiß auch Lia Grünhage: „Die erste Freundin aus unserem Freundeskreis war 34, als sie sich ein Baby gewünscht hat. Leider hat es lange nicht geklappt. Irgendwann haben sie es über mehrere Zyklen mit einer künstlichen Befruchtung (IVF) versucht, und ich habe mitbekommen, wie unglaublich groß der Leidensdruck war“, erzählt Lia.

„Danach ist mir aufgefallen, dass ich selbst und auch meine Freunde sich keine Gedanken darüber machen. Die meisten haben gesagt, ja, ich möchte auf jeden Fall Kinder haben, aber das kommt schon irgendwann. Niemand setzt sich damit auseinander, ob unsere Körper mitspielen, und was es bedeutet, wenn es dann eben nicht klappt.

Genau das möchte Lia Grünhage ändern, und aus ihrer persönlichen Geschichte ist die Idee zu Avery Fertility entstanden. Die Online-Beratung informiert und unterstützt Frauen bei allen Fragen rund um die Themen Fruchtbarkeit und Social Freezing. Und möchte dann bei Interessen den Kontakt zu einem Kinderwunschzentrum in ganz Deutschland vermitteln.

„Festzustellen, wie wenig wir eigentlich über unsere Fruchtbarkeit wissen, hat mich sehr beschäftigt“, erklärt Lia. „Deshalb ist mit der Aufklärungsgedanke so wichtig. Das muss gar nicht dazu führen, dass jede Frau sich dafür entscheidet, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Ich kann mich auch bewusst dafür entscheiden, dass ich dann früher Kinder haben möchte. Aber ich finde es absolut erstrebenswert, dass wir uns einfach viel früher und vor allem bewusst mit unserer Fruchtbarkeit auseinandersetzen. Oder ich informiere mich über Social Freezing und die Möglichkeiten, die es mir bietet.“

4. Ist Social Freezing für jede Frau geeignet?

Das lässt sich so pauschal leider nicht sagen: „Grundsätzlich ist vor der Behandlung immer ein individueller Check in einem Kinderwunschzentrum notwendig“, so Lia Grünhage. „Die ärztliche Einschätzung ist wichtig, um den Gesundheitszustand und auch die Fruchtbarkeit der Frau festzustellen.“ Bestimmte Medikamente können zum Beispiel ein Grund sein, um mit der Behandlung zu warten.

5. Warum sollte ich meine Eizellen einfrieren lassen?

Wie gesagt werden wir immer später Eltern. Allerdings passen sich unsere Körper nicht an diese Entwicklung an. Ab 30 nimmt unsere Fruchtbarkeit langsam ab, ab 35 sogar stark. Gleichzeitig verändert sich unsere Lebensplanung. Wir möchten erst eine Ausbildung machen, vielleicht studieren und natürlich den richtigen Partner finden.

Lia Grünhage kennt noch einen anderen guten Grund: „Die New York University (NYU) hat eine Umfrage unter Frauen durchgeführt, die sich für Social Freezing entschieden haben. Mehr als 60 % haben gesagt, dass sie sich befreit fühlen, weil sie nicht mehr ständig das Ticken der biologischen Uhr im Kopf haben, und das Thema Familienplanung mit weniger Druck angehen können.“

6. Wie viele Eizellen werden eingefroren?

„Einige Ärzte sagen, man sollte so viele Eizellen nehmen, wie man alt ist. Allerdings sieht man in einer Studie, dass bei mehr als 20 Eizellen die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Schwangerschaft nicht mehr wesentlich höher wird. Idealerweise sollten es also zwischen 15 und 20 Eizellen sein.

Wie viele Eizellen pro Zyklus entnommen werden können, hängt auch vom Alter der Frau ab. „Vor der Behandlung werden über einen Bluttest und Ultraschall die Fruchtbarkeit einer Frau eingeschätzt.“, erklärt Lia. „Das geht über das so genannte Anti-Müller-Hormon. Danach kann der Arzt eine Prognose abgeben, wie viele Zyklen die Frau ungefähr braucht, um eine bestimmte Anzahl von Eizellen entnehmen zu können.“

Letztendlich ist es aber auch eine persönliche Entscheidung. Wenn dein Körper nach einem Zyklus zum Beispiel acht Eizellen produziert hat, kannst du auch sagen, dass dir das ausreicht. Oder du lässt sie dir entnehmen und setzt die Behandlung fort.

Lia Grünhage (links) hat Wiebke im Interview alle Fragen zum Thema Social Freezing beantwortet.

Lia Grünhage (links) hat Wiebke im Interview alle Fragen zum Thema Social Freezing beantwortet.
Foto: Echte Mamas

7. Was ist das beste Alter für Social Freezing?

„Aus medizinischer Sicht ist das beste Alter zwischen 25 und Anfang 30, gut machbar auch noch mit Mitte 30“, erklärt Lia Grünhage. „Ab 35 wird es leider schon schwieriger. Denn unsere Fruchtbarkeit nimmt schon ab dem 30. Lebensjahr ab, ab dem 35. dann deutlich schneller.“

Jünger als 25 solltest du übrigens möglichst auch nicht sein. Zum einen ändert sich die Lebensplanung in diesem Alter häufig noch. Zum anderen ist bei sehr jungen Frauen das Risiko möglicher Nebenwirkungen höher.

8. Wie lange können die Eizellen eingefroren bleiben?

So lange, bis du sie brauchst: „Die Eizellen können zeitlich unbegrenzt gelagert werden“, so Lia Grünhage. „Da sie in flüssigem Stickstoff gelagert werden, altern sie nach dem Einfrieren nicht. Deshalb haben sie so gesehen kein Verfallsdatum. Allerdings muss vor dem Einsetzen in die Gebärmutter gemeinsam mit einem Arzt und abhängig vom Alter bzw. der Gesundheit der Frau entschieden werden, ob eine künstliche Befruchtung Sinn macht.“

9. Haben aufgetaute Eizellen wirklich die gleiche Qualität wie zum Zeitpunkt des Einfrierens?

Kurz gesagt: ja. Die Eizelle bleibt so jung, wie sie entnommen wurde. Auch nach mehreren Jahren ist sie noch genauso frisch und fruchtbar wie am Tag der Entnahme.

10. Was passiert mit Eizellen, die nicht zum Einsatz kommen?

Wenn eine Frau sicher ist, dass sie sich die Eizellen nicht mehr einsetzen lassen möchte, und sie nicht weiter gelagert werden sollen, werden sie entsorgt. Denn eine Eizellenspende ist Deutschland gesetzlich verboten.

11. Ich interessiere mich für Social Freezing – und jetzt?

Wenn du wissen möchtest, ob Social Freezing für dich in Frage kommt, kannst du dich direkt in einem Kinderwunschzentrum informieren. Falls es dir lieber ist, wenn es erst einmal etwas unverbindlicher bleibt, gibt es auch online viele Informationen.

Lia Grünhages Firma Avery Fertility bietet zum Beispiel die Möglichkeit, über ein Formular auf der Website eine Telefonnummer und Termine, an denen du erreichbar bist, einzugeben. Ein Experte ruft dich zurück, klärt alle deine Fragen und begleitet Dich während Deines gesamten Prozesses. Bei Interesse vereinbart er einen Termin in einem Kinderwunschzentrum für dich.

Wenn du einen Termin vereinbart hast, geht es so weiter:

  1. Im Kinderwunschzentrum findet ein Beratungsgespräch statt, bei dem über eine Blutuntersuchung und einen Ultraschall deine Fruchtbarkeit getestet wird. Außerdem klärt ein Arzt dich über alles genau auf.
  2. Als nächstes gibt es einen Termin, um die Ergebnisse zu besprechen
  3. Wenn du dich für die Behandlung entscheidest, spritzt du dir ab dem zweiten Zyklustag für etwa zehn Tage lang täglich Hormone. In manchen Kinderwunschzentren kann man dafür auch vorbeikommen. Die Hormone sorgen dafür, dass mehr als nur eine Eizelle pro Zyklus heranreift.
  4. Währenddessen gibt es zwei oder drei Kontrolltermine, bei denen geschaut wird, wie die Follikel reifen.
  5. Sobald die Follikel eine bestimmte Größe erreicht haben, wird mit weiteren Hormonen der Eisprung ausgelöst
  6. 36 Stunden später werden dir die Eizellen in einem kleinen Eingriff entnommen

12. Wie läuft der Eingriff beim Social Freezing ab?

„Der Eingriff dauert in den meisten Fällen nur 5 bis 15 Minuten“, erklärt Lia Grünhage. „Du wirst dafür sediert, wie zum Beispiel bei einer Magen-Darm-Spiegelung. Danach darfst du wieder nach Hause, solltest dich aber ausruhen und keine großen Aktivitäten planen.“ Bis zum Einfrieren der Eizellen sind nur wenige Schritte notwendig:

  1. Du bekommst eine leichte Sedierung.
  2. Der Arzt führt eine Nadel vaginal ein und kontrolliert das Ganze über den Ultraschall.
  3. Mit der Nadel punktiert er die Eierstöcke und zieht die Eizellen heraus.
  4. Direkt danach werden die Eizellen untersucht und alle gesunden Eizellen eingefroren und in Stickstofftanks eingelagert.

Wenn du irgendwann entscheidest, dass du schwanger werden möchtest, werden drei bis fünf Eizellen aufgetaut und befruchtet. Dabei wird eine spezielle Form der künstlichen Befruchtung genutzt und das Sperma mit Hilfe einer Nadel direkt in die Eizelle injiziert (ICSI). Wenn die Befruchtung erfolgreich war, wird dir die Eizelle wieder eingesetzt.

Bei der klassischen In-vitro Fertilisation (IVF) wird die Eizelle mit der Samenzelle zusammen in eine Schale gegeben. Das Spermium sucht sich dann selbst seinen Weg in die Eizelle. Das ist beim Social Freezing nicht möglich. Allerdings erhöht der Weg mit der Spritze die Wahrscheinlichkeit, dass es mit der Befruchtung klappt.

13. Hat Social Freezing Nebenwirkungen?

„Die European Society of Human Reproduction and Embryology schätzt das Social Freezing als ‘risikoarme Behandlung’ ein“, so Lia Grünhage. „Es gibt zwei Nebenwirkungen, die auftreten können, allerdings liegt das Risiko bei beiden deutlich unter einem Prozent. Zum einen kann es zu einer ovariellen Überstimulation kommen. Das bedeutet, dass zu viele Eizellen heranreifen, was durch Wassereinlagerungen im Bauch auch für die angrenzenden Organe gefährlich werden kann. Deshalb sollte man nicht zu jung mit der Behandlung starten, weil sich das Risiko dann erhöht.

Zum anderen kann es passieren, dass während des Eingriffs mit der Nadel andere Organe punktiert werden. Wie gesagt ist das Risiko für beides aber sehr gering.“

14. Was kostet es, wenn ich meine Eizellen einfrieren lassen möchte?

Im Gegensatz zum Medical Freezing, für das 2019 beschlossen wurde, dass es von den Krankenkassen übernommen wird,, ist Social Freezing eine Selbstzahlerleistung. Die Kosten sind von Kinderwunschzentrum zu Kinderwunschzentrum verschieden.

„Ein guter Richtwert sind 3.500 bis 4.000 Euro, es kann aber auch mehr oder weniger werden“, so Lia. Der Preis ist abhängig von der medizinischen Leistung des Arztes und den Hormonen, die du bekommst. Wenn deine Fruchtbarkeitswerte niedrig sind, brauchst du zum Beispiel mehr Medikamente als bei höheren Werten.

Preise im Internet beziehen sich oft nur auf den Eingriff und das Einfrieren der Eizellen. Die Kosten für die Medikamente werden dabei nicht berücksichtigt.

Dazu kommen jährliche Kosten von etwa 300 bis 350 € für die Lagerung der eingefrorenen Eizellen.

Übrigens: Die erste Beratung, um deine Fruchtbarkeit zu ermitteln, und dich über die Möglichkeiten bei einem späteren Kinderwunsch zu informieren, wird von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen.

15. Wie hoch sind die Erfolgschancen, dass ich mit Social Freezing schwanger werde?

Wie bei so gut wie allen Methoden, um schwanger zu werden, bietet auch das Social Freezing dir leider keine 100 %ige Garantie. Allerdings gibt es eine Studie der European Society of Human Reproduction and Embryology, in der genau aufgeschlüsselt wird, wann deine Chancen auf eine Schwangerschaft wie hoch sind.

„Wenn du unter 35 bist, und dir 20 Eizellen entnommen werden, dann liegt die Wahrscheinlichkeit bei 90 %, dass  es zu einer erfolgreichen Schwangerschaft kommt“, fasst Lia Grünhage zusammen.„Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass du mit 20 Eizellen mehrere Befruchtungszyklen machen kannst. Die 90 % gelten also nicht für die erste Befruchtung, sondern man taut immer drei bis fünf Eizellen auf, dann werden sie befruchtet, dann eingesetzt. Wenn man nur zehn Eizellen entnimmt, liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 70 %.

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Ich liebe den Hafen, fotografiere gern, gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Social Media und Texte ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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