Alltag in der Notbetreuung: „Nur 5 Kinder und so wenig Ansteckungsgefahr wie möglich“

Um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, sind seit mehreren Wochen deutschlandweit die Kitas geschlossen. Sie bieten nur eine Notbetreuung an, die meisten Eltern müssen ihre Kinder zu Hause betreuen. Für die Kinder eine schwierige Situation, für uns Eltern eine echte Herausforderung. Aber was bedeutet die lange Schließungszeit eigentlich für die Erzieher? Und was für die Kitas selbst? Wir haben mit einer Erzieherin und einer Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit gesprochen.

So liebevoll kümmern sich Kitas und Erzieher in der Corona-Krise

Kurz vor Ostern standen meine Kinder und ich auf dem Balkon und haben gewartet. Mit sehnsüchtigen Blicken haben die Zwei die Straße entlang geschaut und immer wieder gefragt: „Wann kommt sie denn?“ „Sie“, das war die Erzieherin meines Sohnes, die sich auf den Weg gemacht hat, um allen Kindern aus ihrer Gruppe ein kleines Ostergeschenk vorbeizubringen. Die Freude der Kinder war riesig, und ich war wirklich gerührt.

Wie viele Erzieher und auch die Kitas selbst sich während der Schließungszeit um die Kleinen kümmern, ist wirklich unglaublich toll. Viele Kitas versorgen die Eltern mit Ideen, wie sie die Kinder zuhause beschäftigen können. Es gibt Vorschläge für Spiele, Geschichten, Bewegungs- und Musikangebote und auch Anregungen für das tägliche Mittagessen. Zusätzlich bieten viele regelmäßige Video-Telefonate an. Vom täglichen Morgenkreis über ein wöchentliches Online-Treffen, bis hin zu persönlichen Gesprächen mit einzelnen Kindern über Facetime, WhatsApp und Co.

Viele Erzieher geben wirklich alles, um mit den Kindern in Kontakt zu bleiben, und ihnen die schwierige Situation zu erleichtern. Aber wie sieht es bei ihnen selbst aus? Wie hat sich ihr Arbeitsalltag verändert? Und wie fühlt es sich an, in der Notbetreuung zu arbeiten?

Steffi (echter Name ist uns bekannt) arbeitet als Erzieherin im Elementarbereich einer Kita und hat uns einige Fragen zum Thema Kita-Schließung beantwortet.

1. Liebe Steffi, wie siehst Du die Entscheidung der Regierung, Kitas bis auf weiteres geschlossen zu lassen?

„Es ist ja eine reine Vorsichtsmaßnahme. Wir müssen uns an die Vorschriften halten, und um uns und unsere Mitmenschen zu schützen, sind diese Maßnahmen leider notwendig, und wir müssen sie akzeptieren.“

2. Was bedeutet es für Dich, dass aktuell nur eine Notbetreuung in der Kita angeboten wird – wie hat sich Dein Job dadurch verändert?

„Unsere Aktivitäten und Angebote haben sich durch Corona und die Notbetreuung sehr verändert. Der ‚normale‘ Betrieb läuft jetzt völlig anders. Wir betreuen die Kinder in der Notgruppe mit der Anweisung, dass nicht mehr als fünf Kinder in einer Gruppe sein dürfen. Wenn an einem Tag mehr Kinder für die Notbetreuung angemeldet sind, müssen wir sie also in mehrere Kleingruppen aufteilen, um die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten.“

3. Wie ist die Betreuung geregelt, wechselt ihr euch unter den Kollegen ab?

„Derzeit wechseln wir uns wöchentlich ab. Am Anfang waren nur zwei Kollegen pro Woche im Einsatz, inzwischen sind es vier.“

4. Wie groß ist die Angst vor einer Ansteckung – und wie schützt Ihr Euch davor?

„Ich persönlich habe keine Angst, mich anzustecken. Mein Fokus liegt voll und ganz auf den Kindern. Die Kleinen merken natürlich, dass sich einiges verändert hat. Deshalb sollten wir meiner Meinung nach so professionell und ausgeglichen sein wie nur möglich, um sie nicht noch mehr zu verunsichern.“

5. Wie gehen denn die Kinder in der Notbetreuung mit der Situation um? Für sie ist es ja auch ungewohnt, dass nur so wenige Kinder da sind. Verhalten sie sich anders?

„Die Kinder merken natürlich, dass sich der Kita-Alltag verändert hat, aber nicht unbedingt im negativen Sinne. In der Notbetreuung haben sie im Moment unsere volle Aufmerksamkeit. Wir können uns voll und ganz auf die einzelnen Kinder konzentrieren und Angebote individuell auf die Kinder anpassen.“

6. Versucht ihr, auch mit den Kindern in Kontakt zu bleiben, die zu Hause bleiben müssen? Und wenn ja, wie?

„Ja, auf jeden Fall. Ich finde das extrem wichtig, dass man in Kontakt bleibt. Wir machen zum Beispiel mit unserer Gruppe einmal pro Woche einen Video-Anruf, an dem alle Kinder teilnehmen können, die Lust haben. Außerdem spreche ich regelmäßig per Facetime mit den Kindern, die es möchten. Sie können mir dann alles erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt.

Meine Kollegen der Krippe haben an Ostern kleine Videos aufgenommen und an die Eltern verschickt. Außerdem sind sie zu allen Kindern nach Hause gefahren und haben eine kleine Überraschung vorbeigebracht.“

7. Aktuell ist im Gespräch, die Kitas erst nach den Sommerferien wieder zu öffnen. Wie siehst Du das bzw. wie ist Deine Meinung dazu? Was würde eine so lange Schließungszeit für Euch als Erzieher bedeuten?

„Wenn es keine andere Lösung gibt, und die Maßnahme notwendig ist, um uns alle zu schützen, dann ist das leider so. Wie für viele andere Menschen auch würde dadurch auf uns Erzieher eine Menge Arbeit zukommen. Wir müssten viele Kinder wieder neu eingewöhnen.“

8. Es werden fast jeden Monat neue Kinder in der Kita eingewöhnt. Das ist ja aktuell nicht möglich. Das heißt, theoretisch hättet ihr im August bis zu 6 Eingewöhnungen pro Gruppe gleichzeitig. Ist das überhaupt machbar?

„Darüber machen wir uns tatsächlich aktuell auch schon einige Gedanken. Wir müssen auf jeden Fall darauf vorbereitet sein. Bis es soweit ist, werden wir uns sicherlich noch zusammensetzen und Strategien für eine Lösung entwickeln. Ich denke allerdings, wenn wir es im Vorfeld besprechen und planen und dabei alle Erzieher, Springer usw. mit einbeziehen, dann werden wir es schaffen.“

9. Wir könnte der Einstieg nach der langen Pause aussehen?

„Zuerst müssen wir in den Gruppen die alltägliche Struktur wieder herstellen. Die Kinder müssen sich neu an den Tag in der Kita gewöhnen und natürlich auch an uns. Zusammen müssen wir einiges aufarbeiten und die Erinnerungen der Kinder auffrischen. Wir sind aber darauf vorbereitet und sehr zuversichtlich.“

10. Werden viele Kinder eine komplett neue Eingewöhnung brauchen?

„Ich denke, dass es einige Kinder geben wird, die eine neue Eingewöhnung brauchen. Vor allem die Kinder, die noch nicht allzu lange in einer Gruppe waren. Wir werden mit sehr viel Sensibilität und Ruhe an die neuen Eingewöhnungen herangehen.“

11. Es gibt auch viele Kinder, die theoretisch während der Schließungszeit die Gruppe wechseln müssten. Zum Beispiel zu den Älteren oder in die Vorschule. Ist das eine zusätzliche Belastung für die Kinder? Oder macht es nach einer so langen Zeit keinen Unterschied?

„Es ist schwierig, von außen zu beurteilen, inwieweit sich die Kinder auf den Wechsel schon vorbereitet haben. Ich finde es eher schwierig für die gesamte Gruppe, wenn plötzlich einige Kinder schon ‚zur Vorschule gewechselt‘ sind, und wir keinen richtigen Abschied feiern konnten. Ich würde all diese besonderen Erlebnisse wie Geburtstage, Abschiede, Wechsel in eine neue Gruppe oder Kita nachholen und gemeinsam mit den Kindern vorbereiten.“

12. Wäre es denn theoretisch möglich, dass die Kinder trotzdem für eine gewisse Zeit in „ihre“ Gruppen zurück gehen?

„Wir wissen leider alle nicht, wie lange die Corona-Krise noch anhält, und wie lange es dauert, bis die Kitas ihren Normalbetrieb wieder aufnehmen können. Wenn es soweit ist, legen wir unseren Fokus ganz auf die Kinder. Es ist wichtig, dass sie verstehen, was passiert, auf Veränderungen vorbereitet werden, und ihre Bezugserzieherin sie dabei begleitet.“

Vielen Dank, liebe Steffi, für deine Einschätzung.

Auch für die Kitas selbst hat sich durch Corona einiges geändert.

Wir haben mit Katrin Geyer, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Elbkinder Vereinigung Hamburger Kitas, gesprochen:

1. Liebe Frau Geyer, wie viele Kinder nutzen aktuell hier in Hamburg die Notbetreuung?

„In Hamburg gibt es viele Kita-Träger, bei denen die Notbetreuung in unterschiedlichem Umfang genutzt wird. Bei den Elbkindern waren es mit Stand vom 23. April 9 %.“

2. Bekommen die Erzieher/innen in der Zeit ihr Gehalt normal weitergezahlt? Und ist Kurzarbeit ein Thema?

„Unsere Mitarbeitenden sind zum Teil in der Betreuung eingesetzt. Andere arbeiten zu Hause und erledigen Aufgaben der so genannten mittelbaren Pädagogik, stehen aber auf Abruf für die Betreuung der Kinder bereit. Deshalb bekommen sie auch ihre Gehälter normal weiter.“

3. Was bedeutet es für die Kitas, dass die Eltern während der Schließungszeit keine Gebühren zahlen müssen? Gibt es finanzielle Unterstützung für die Kitas?

„Während die Kitas geschlossen sind, entfallen zwar die Elternbeiträge, aber die zuständige Behörde für Arbeit Soziales, Familie und Integration (BASFI) hat allen Kita-Trägern zugesichert, dass die Stadt Hamburg diese Beträge übernimmt und auch für alle weiterhin laufenden Kosten aufkommt.

Damit bleiben also auch die Kitas der Elbkinder, Hamburgs größtem Kita-Träger, bis auf weiteres durchfinanziert. Das bedeutet, dass auch unsere Fachkräfte bezahlt werden. Im Vordergrund steht für die Behörde, dass das System der Kindertagesbetreuung in der gegenwärtigen Situation keinen Schaden nimmt und nach der Krise sofort alle Betreuungskapazitäten zur Verfügung stehen.“

4. Es ist aktuell die Rede davon, die Kitas vielleicht erst nach den Sommerferien wieder zu öffnen. Bis dahin haben sich einige Eingewöhnungen angestaut, und auch viele der Kinder, die jetzt schon die Kita besuchen, werden wieder eine Eingewöhnungsphase brauchen. Außerdem würden einige Kinder normalerweise während der Schließungszeit die Gruppe wechseln. Das bedeutet, im schlimmsten Fall würden sie ihre alte Gruppe gar nicht mehr besuchen. Wie könnte eine Lösung aussehen, um die Kinder nicht zusätzlich noch mehr zu belasten?

„Für das sukzessive Hochfahren der Kitas entwickeln wir Abläufe, bei denen sowohl die hygienischen Anforderungen beachtet werden, als auch die pädagogisch notwendige Qualität gesichert ist. Seien Sie sicher, dass wir dabei auch die Fragen der (Wieder-)Eingewöhnung und den Wert von Vertrautheit und Beziehungen eng im Blick haben. Wir arbeiten sehr daran, dass sich Kinder und Eltern in unseren Kitas so wohlfühlen, wie sie es gewöhnt sind.“

Vielen Dank, liebe Frau Geyer, für diesen kurzen Einblick.

Wie  gehen eure Kinder damit um, dass sie so lange nicht in die Kita dürfen?

Vermissen sie es sehr, oder genießen sie eher die Zeit zuhause? Erzählt doch mal!

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Ich liebe den Hafen, fotografiere gern, gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Social Media und Texte ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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Kommentare

  1. Wir haben ein Haus mit kleinem Garten, wir haben uns ziemlich früh mit der Nachbar-Familie zusammen getan, damit die Kinder zumindest je einen Spielkameraden haben, ich bin in Elternzeit, so dass wir uns nicht zwischen Kindern und Arbeit zerreißen müssen. Optimale Bedingungen also. Und meine Kinder leiden. Sie vermissen die Kita, ja. Vor allem aber brauchen sie die Herausforderung zum Lernen, zum Ausprobieren und über-sich-hinaus-wachsen, die nur andere Kinder ihnen bieten können. Sie sind so unselbständig geworden und teilweise richtig aggressiv und traurig. Dabei waren sie nach der Geburt des Babies so toll „groß“ geworden, waren beide so stolz großer Bruder und große Schwester zu sein… Jetzt haben wir hier drei Babies, die allesamt den ganzen Tag unzufrieden sind. Von den geschlauchten Eltern ganz zu schweigen. Und ich weiß natürlich dass es anderen viel schlechter geht, dass wir absoluten Luxus hier haben, und uns glücklich schätzen können dass es „nur“ Corona ist (und nicht etwa Ebola oder Krieg). Aber kennt Ihr das, wenn Euch diese Erkenntnis, dass es ja noch viel schlimmer sein könnte, so garnicht weiter hilft?

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