Klettverschluss-Eltern sorgen gerade für Diskussionen. Aber wo endet liebevolle Begleitung – und wo beginnt Überbehütung?
Kuscheln, begleiten, da sein – genau so stellen sich viele von uns gutes Elternsein vor. Gerade in einer Welt, die sich oft laut, unsicher und überfordernd anfühlt, wollen wir unsere Kinder schützen, auffangen und ihnen Halt geben. Nähe ist etwas Wunderschönes. Doch was passiert, wenn sie zu viel wird?
Für Eltern, deren Fürsorge irgendwann nicht mehr stärkt, sondern einengt, gibt es inzwischen einen eigenen Begriff: Klettverschluss-Eltern.
Liebevoll gemeint, kann aber problematisch sein
Der Ausdruck beschreibt Mütter und Väter, die ihren Kindern emotional und körperlich kaum Raum lassen, sich selbst zu erleben. Sie sind ständig da, greifen früh ein, sprechen für ihr Kind, lösen Konflikte sofort und behalten ihren Nachwuchs immer im Blick. Was liebevoll gemeint ist, kann langfristig problematisch werden.
Wie die Frankfurter Rundschau berichtet, gehen Klettverschluss-Eltern sogar noch einen Schritt weiter als klassische Helikopter-Eltern. Die Erziehungswissenschaftlerin Renate Zimmer bringt es auf den Punkt: Der Begriff passe sehr gut auf Eltern, „die ihre Kinder psychisch und physisch festhalten und ihnen nicht den notwendigen Freiraum geben“. Während Helikopter-Eltern über ihren Kindern kreisen, „kleben“ Klettverschluss-Eltern regelrecht an ihnen.
Klettverschlusseltern und elterliches Kontrollbedürfnis
Ein Beispiel dafür zeigt sich im sogenannten Streifradius von Kindern. Früher war es normal, dass Kinder alleine zur Schule gingen oder Freunde in der Nachbarschaft besuchten. Heute, so Zimmer, bewege sich selbst bei Achtjährigen der Radius oft unter 300 Metern. Natürlich spielen Verkehr, Stadtplanung und Sicherheitsbedenken eine Rolle – doch auch elterliches Kontrollbedürfnis trage dazu bei.
Das Problem daran: Kindern geht wichtige Selbstständigkeit verloren. Wenn sie nicht mehr allein zum Freund oder zum Bäcker dürfen, sammeln sie kaum Erfahrungen, die ihnen zeigen: Ich schaffe das. Laut Zimmer ist genau dieses Erleben von Selbstwirksamkeit entscheidend dafür, dass Kinder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln.
Deutliche Warnsignale erkennen
Kinder, die sehr eng geführt werden, haben später häufig Schwierigkeiten, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Sie suchen ständig nach Bestätigung, zeigen wenig Eigeninitiative und haben Angst vor Neuem. Ein deutliches Warnsignal ist laut Zimmer sogenanntes Vermeidungsverhalten: Kinder trauen sich neue Situationen nicht zu, weil sie nicht gelernt haben, Herausforderungen selbst zu bewältigen. Das könne sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen – in Schule, Ausbildung und Beruf.
Auch andere Expertinnen sehen ähnliche Muster. Die Erziehungstrainerin Kristene Geering nennt Kinder, die nicht alleine spielen können, ständig nach Anweisungen fragen oder panisch reagieren, wenn Mama oder Papa nicht sofort erreichbar sind. Gleichzeitig leide oft auch das Wohlbefinden der Eltern selbst: Dauerhafte Verantwortung und ständige Alarmbereitschaft könnten zu Überforderung und sogar zu einem Eltern-Burn-out führen.
Das könnt ihr sofort dagegen tun
Die gute Nachricht: Laut Renate Zimmer können Eltern bewusst gegensteuern, indem sie ihren Kindern wieder mehr zutrauen. Kleine Schritte reichen oft schon aus – etwa ein kurzer Weg allein, kleine Aufgaben im Alltag oder Verabredungen ohne elterliche Dauerbegleitung. Solche Erfahrungen stärken Kinder nachhaltig.
Und vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke für Mamas: Nähe bleibt wichtig. Aber echte Stärke entsteht oft dort, wo wir einen Schritt zurückgehen – und unseren Kindern erlauben, einen nach vorn zu machen.
