Roses Revolution Day: „Press‘ stärker, sonst kommt die Saugglocke!”

Margit wollte die Geburt ihres Sohnes als einen selbstbestimmten, kraftvollen Moment erleben – doch stattdessen wurde sie zu einem Erlebnis, das sie bis heute verfolgt. Erst Monate später begriff sie, dass das, was im Kreißsaal passiert war, nicht einfach „eine schwere Geburt“ war, sondern Gewalt. Der Roses Revolution Day am 25. November erinnert jedes Jahr an genau solche Erfahrungen – und gibt Frauen wie Margit die Möglichkeit, endlich gehört zu werden. Heute erzählt sie ihre Geschichte, damit andere wissen: Sie sind nicht allein.

„Als an diesem Morgen die ersten leisen Vorboten der Geburt einsetzten, spürte ich sofort: Heute wird der Tag sein. Bis zum Nachmittag wurden die Wehen regelmäßiger – und weil ich unglaublichen Hunger hatte, kochte ich mir erst einmal eine Bolognese.

Ich wollte gestärkt ins Krankenhaus fahren.

Dort angekommen, waren alle freundlich. Man stellte die üblichen Fragen – ‚Wie geht’s dir? Wie oft kommen die Wehen?‘ – aber ich merkte, dass enorm viel Betrieb herrschte. Nach CTG und der ersten Untersuchung stand fest, dass wir bleiben würden.

Doch bevor für uns ein Zimmer frei war, mussten wir etwa drei Stunden im gut gefüllten Wartezimmer warten. Die Wehen wurden stärker, und die Situation wurde immer unangenehmer. Trotzdem saßen wir weiter dort.

Als wir endlich ein Familienzimmer bekamen, blieben wir keine zwanzig Minuten.

Ich konnte nicht mehr. Als wir zurück in den Kreißsaal gingen, sah man mich ungläubig an – niemand erwartete, dass es so schnell gehen würde.

Im Kreißsaal bekam ich Lachgas. Man sagte mir, ich könne es nehmen, wenn ich es brauchte. Also hing ich die ganze Zeit an der Maske – ich dachte, viel hilft viel. Dass ich sie einfach hätte absetzen dürfen, begriff ich erst viel später, als die Hebamme bemerkte, wie ‚weggetreten‘ ich war.

Die Hebamme selbst war einfühlsam, aber sie musste an zwei Orten gleichzeitig sein.

Vieles mussten wir allein durchstehen. Anfangs fühlte ich mich noch beteiligt, konnte Wünsche äußern. Ich wollte gern in die Wanne – aber ich merkte sofort, dass das nicht in ihren Ablauf passte. Lange blieb ich nicht dort, die Herztöne würden absacken, hieß es. Man könne das im Bett besser überwachen. Also wechselte ich auf den Rücken und blieb dort.

Später lernte ich: die ungünstigste Position, aber für das Personal praktisch. Einiges verschwimmt in meiner Erinnerung. Ich fühlte mich, als würde ich neben mir stehen oder in Watte liegen.

Als mein Sohn ‚feststeckte‘ und seine Herztöne absackten, holte die Hebamme eine Ärztin dazu.

Niemand erwähnte das Wort Kristeller. Erst viel später stieß ich auf diesen Begriff. Man sagte nur, dass man dem Baby helfen müsse weiterzukommen – und dass es schmerzhaft werden könnte. Ich stand total neben mir, als der umstrittene Kristeller-Handgriff dann bei mir durchgeführt wurde.

Nach der Geburt wurde mir nichts erklärt. Keine Hebamme, keine Ärztin sprach mit mir über das, was passiert war. Erst Wochen und Monate später, über Instagram-Accounts und eigene Recherche, verstand ich, was da eigentlich passiert war: Im Wartezimmer während stärkster Wehen sitzen – nicht okay. Kristeller-Handgriff – nicht okay. Permanent Lachgas – nicht okay.

Druck machen mit Sätzen wie: „Pressen Sie stärker, sonst holen wir die Saugglocke“ – nicht okay. An der Nabelschnur ziehen – nicht okay. Dammschnitt als Dammriss dokumentieren – nicht okay.

Emotional ging es mir schlecht.

Ich weinte viel, fühlte mich völlig überfordert – wahrscheinlich war es eine kleine Wochenbettdepression, auch wenn ich das erst heute so benennen kann. Von außen sah das niemand. Sobald die Haustür hinter mir ins Schloss fiel, war ich allein mit einem Schreibaby, einer Geburt, die mich überrollt hatte, und all den aufgestauten Gefühlen.

Mein Frauenarzt bestätigte später, dass das Krankenhaus den Dammschnitt als Dammriss vermerkt hatte – offenbar kein Einzelfall. In meinem Geburtsbericht fehlte sowohl der Schnitt als auch der Kristeller-Handgriff.

Heute, einige Jahre später, geht es uns gut.

Und doch frage ich mich oft, ob die hektische Geburt Spuren in meinem Sohn hinterlassen hat – beispielsweise seine tief sitzenden Probleme mit dem Loslassen.

Der Roses Revolution Day bedeutet mir viel. Er erinnert mich an die Geburt – aber nicht so, wie ein Geburtstag erinnert. Sondern an das, was Frauen im Kreißsaal erleben. Viele Mütter können unmittelbar nach der Geburt gar nicht einordnen, was passiert ist. Sie brauchen eine Stimme.

Anderen Eltern würde ich gerne sagen:

Sprich. Mit deiner Hebamme, mit Vertrauenspersonen, mit Fachleuten. Verstecke nichts. Und fordere immer deinen vollständigen Geburtsbericht an – jederzeit, mit CTG und allem. Viele wissen nicht einmal, dass das möglich ist.”

Liebe Margit, vielen Dank, dass wir deine Geschichte erzählen durften. Wir wünschen dir alles Liebe für die Zukunft!

Kommentar von Hebamme Maike Wentz: Was können Frauen präventiv tun

Unter der Geburt ist es manchmal schwer, sich Gehör zu verschaffen. Entscheidungen müssen oft sehr schnell getroffen werden. Umso wichtiger ist eine gute Vorbereitung – für die Gebärende und für die Begleitperson. Ein Geburtsplan oder ein ausführliches Geburtsgespräch mit der Klinik im Vorfeld kann sehr viel Sicherheit geben.

Wenn die Frau selbst in der Situation nichts sagen kann, sollte die Begleitperson unbedingt ihre Stimme sein: nachfragen, wenn etwas unklar ist, und jede Entscheidung absichern. Grundsätzlich gilt unter der Geburt: Die Frau entscheidet – das Team berät und empfiehlt, was medizinisch notwendig ist. Notsituationen sind davon selbstverständlich ausgenommen. Aber idealerweise sitzen alle in einem Boot.

Der Kristeller-Handgriff ist ein sehr umstrittener, aber nicht verbotener Eingriff.

Dabei wird Druck auf den oberen Rand der Gebärmutter ausgeübt, um die Austreibungsphase zu beschleunigen. Er ist nur in klaren Notsituationen zu rechtfertigen, etwa bei akuter Gefährdung des Kindes. In solchen Fällen sollte es immer eine Teamentscheidung sein. Und: Auch wenn es schnell gehen muss, ist die Kommunikation mit der Gebärenden das Allerwichtigste – kurz, klar und direkt.

Oft kann man versuchen, den Kristeller-Handgriff durch Positionswechsel, effektives Mitschieben oder den Einsatz einer Saugglocke zu vermeiden. Wichtig ist, dass er eine Notfallmaßnahme bleibt.

Gewalt unter der Geburt – ob körperlich, emotional oder durch nicht-einvernehmliche Eingriffe – kann tiefgreifende Folgen haben.

Mütter können eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln, Schwierigkeiten in der Bindung zu ihrem Kind erleben oder das Vertrauen in andere verlieren. Häufig entstehen stärkere Geburtsverletzungen, und der Einstieg in die Stillbeziehung fällt schwerer.

Auch Kinder können betroffen sein: frühkindliche Entwicklungsstörungen oder langfristig eine höhere Stresssensibilität sind mögliche Folgen. Das sind Beispiele – und es ist nie zu spät, Hilfe zu suchen. Psychologische Unterstützung wie Traumatherapie und eine enge Hebammenbetreuung können Mutter und Kind helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Wissen gibt Sicherheit.

Deshalb ist es wichtig, sich frühzeitig über mögliche Interventionen und Alternativen zu informieren. Geburtsvorbereitungskurse und Gespräche mit der Hebamme sind dafür wertvoll. Klare Wünsche zu formulieren ist hilfreich – gleichzeitig sollten sie flexibel bleiben. Themen können sein: Schmerzumgang, Geburtspositionen, Umgang mit Dammschnitt. Auch die Vorbereitung mit der Begleitperson ist wichtig, zum Beispiel durch ein Codewort für Situationen, in denen man eine Intervention nicht möchte.

Den vollständigen Geburtsbericht kann man jederzeit schriftlich anfordern. Am besten liest man ihn gemeinsam mit der Hebamme durch und fragt bei Unklarheiten unbedingt nach.Und das Wichtigste: Eine schwierige Geburt bedeutet nicht, dass man versagt hat. Jede Mama leistet Unglaubliches – und kann sehr stolz auf sich sein.

Vielen Dank, liebe Maike, für deine Einordnung.

Maike Wentz ist seit 36 Jahren Hebamme und selbst dreifache Mama. Bei Instagram spricht sie als @onlinehebamme_ über Schwangerschaft, Babyzeit & Schlaf gelassener meistern.


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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und übe mich als Patentante (des süßesten kleinen Mädchens der Welt, versteht sich). Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert. Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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Sophie
Sophie
2 Tage zuvor

Und nicht vergessen: ein ohne Zustimmung oder unnötig gesetzter Schnitt, etc. ist eine strafbare gefährliche Körperverletzung, Paragrafen 223, 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB. Das kann angezeigt und strafrechtlich verfolgt werden. Vielleicht würde dann an den Zuständen etwas passieren