Gewalt im Kreißsaal: noch immer ein Tabu-Thema

Gewalt während der Geburt, ob psychisch oder physisch, ist ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft.

Nur die wenigsten Frauen sprechen über negative Erlebnisse im Kreißsaal. Und als Betroffene bleibt man leider sehr oft leidend und verstörrt zurück. Es herrscht der Irrglaube, dass jede Mutter Probleme und Missstände während der Geburt am besten gleich ‚vergessen‘ muss.

„Ist doch egal, hauptsache dein Baby ist jetzt da“, hört man dann von allen Seiten.

Dabei ist es so wichtig, dass man offen über traumatische Erfahrungen spricht. Nur so kann man die Erlebnisse verarbeiten. Und nur so kann sich in der Zukunft in den Kreißsälen etwas ändern.

Weltweit findet deswegen am 25. November der Roses Revolution Day statt. Dieser Tag setzt ein Zeichen gegen Gewalt in der Geburtshilfe und Geburtstrauma.

Frauen, die während ihrer Entbindung Respektlosigkeit oder Gewalt erfahren haben, können vor der Tür ihres Kreißsaales eine rosafarbene Rose ablegen. Wer mag, schreibt dem Personal einen Brief dazu. Fotos dieser Rose oder auch Geburtsberichte werden unter dem Hashtag #rosrev gepostet oder auf der Facebook-Seite der Initiative veröffentlicht.

Der Rose Revolution Day macht unzähligen Frauen Mut. Mut ihre Erfahrungen aufzuarbeiten und sich mit anderen Frauen auszutauschen.

Uns haben auch Frauen von ihren traumatischen Geburtserlebnissen erzählt. So wie Mama Sandy:

„Meine Tochter war ein absolutes Wunschkind, aber wenn ich an die Geburt zurückdenke, schaudert es mich.

Die Geburt war für mich so schlimm, dass ich danach beschlossen habe, kein weiteres Kind mehr zu kriegen.

Und ich bin bis heute bei meiner Entscheidung geblieben.

Ich will so etwas nie wieder durchmachen. Ich wurde zwar nicht körperlich angegriffen, aber seelisch. 

Ich hatte bereits Wochen vor dem errechneten Geburtstermin starke Schmerzen und auch Wehen. Es war sogar so heftig, mein Mann und ich zwei Mal ins Krankenhaus fahren mussten. Dort wurde ich aber beide Male zurück nach Hause geschickt.

In unserer Wohnung waren die Wehen dann teilweise so stark, dass ich mich kaum bewegen konnte. Ich habe nur noch gelitten.

Genau zwei Wochen vor dem Entbindungstermin kamen auch noch Blutungen dazu. Wieder ins Krankenhaus und wieder mussten wir zurück nach Hause fahren.

Als der Geburtstermin dann da war, war ich sehr erleichtert. Die Ärzte wollten die Geburt endlich einleiten.

Im Krankenhaus wurde ich untersucht, der Muttermund war 1 cm offen. Eine Ärztin legte mir ein Gel und ich musste zum CTG. Man sah beim CTG ganz deutlich die Wehen, die immer stärker wurden.

Und was sagte die Hebamme zu mir und meinem Mann? Sie meinte trocken, dass das jetzt noch locker fünf Tage so weiter gehen kann. Ich solle zurück auf die Station und mich ‚ausruhen‘.

Auf der Station wurden die Wehen immer schlimmer und die Abstände immer kürzer. Keine zwei Stunden nach der Gel-Behandlung weinte ich vor Schmerzen und war völlig verzweifelt.

Und die Hebamme meinte zu mir, ich solle mich nicht so anstellen, so schlimm kann es doch nicht sein.

Nach einer weiteren Stunde bekam ich regelrechte Panik. Wenn es noch schlimmer werden würde, wie sollte ich das nur bloß aushalten. Ich habe mich in diesem Moment für eine PDA entschieden.

Irgendwann kam ich dann in einen freien Kreißsaal. Die Wehen kamen zu diesem Zeitpunkt schon alle zwei Minuten.

Im Kreißsaal sagte die Hebamme noch zu mir, dass ich noch locker eine halbe Stunde hätte durchhalten können. Ich war total entsetzt.

Trotz neuem CTG und der Bestätigung meiner Wehen, nahm sie mich nicht ernst. Immer wieder sagte sie zu mir, ich solle mich nicht so anstellen.

Ich war am Ende meiner Kräfte und dabei völlig verängstigt.

Als sie mich untersuchte, wurde sie dann doch etwas kleinlauter. Mein Muttermund war bereits 6 cm auf.

Ich verlangte von ihr eine PDA, aber sie verneinte diese. Es würde noch lange dauern bis mein Baby auf die Welt kommen würde.

Zu allem Übel gab es dann auch noch ein Schichtwechsel der Hebammen.

Auch die neue Hebamme war nicht netter zu mir. Ich bekam Panik, dass ich die Geburt nicht schaffen würde und fühlte mich nicht ernst genommen.

Meinen Mann habe ich im Kreißsaal um Hilfe angefleht, aber was hätte er denn tun können?

Zum Glück kam dann eine Ärztin, die mich untersuchte. Sie bestätigte mir, dass mein Baby bald kommen würde. Aber sie sagte auch, dass es für eine PDA jetzt viel zu spät sei. Na bravo. Mir wurde kurzerhand ein Schmerzmittel verabreicht. Aber die Ärztin und auch die Hebammen verließen anschließend den Raum.

Ich lag also im Kreißsaal, nur mein Mann war bei mir, und dachte plötzlich, dass ich ganz dringend auf die Toilette müsste.

Mein Mann holte zur Sicherheit Hebamme. Die ihn noch einmal darauf Aufmerksam machten musste, dass gerade ein Schichtwechsel stattfindet.

Ich weinte und schrie vor Schmerzen und Angst. Die Presswehen fingen an und wieder hat mir vorher keiner geglaubt.

Nur 2-3 Presswehen später wurde mein größtes Glück geboren.

Meine Tochter kam um 19:07 Uhr mit 4270 Gramm und 54 cm auf die Welt.

Für mich waren die Erlebnisse während der Geburt psychische Gewalt. Ob Hebammen oder Ärzte, niemand ist auf mich eingegangen oder hat sich näher mit mir beschäftigt.

Ich frage mich immer noch, wie so etwas passieren konnte. Und ob ich ein Einzelfall bin.

Wahrscheinlich leider nicht…“

Mehr Infos zum Roses Revolution Day, und wie du ein Zeichen gegen Gewalt in der Geburtshilfe setzen kannst, bekommst du hier >>>

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern.

Seit 2015 sind wir Eltern einer zauberhaften Tochter. Zwei Jahre später kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und unsere Familie war komplett. Zusammen sind die beiden ein unschlagbares Team, das sich nur allzu gern gegen Mama und Papa verbündet.

Abgesehen von meiner Familie liebe ich den Hafen, fotografiere gern und gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für SEO und Social Media ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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