„Mama, warum bist du so traurig?“ – Depressive Eltern, verzweifelte Kinder

Laut lachend schaukelt Florian* auf dem Spielplatz, immer höher, während seine Mutter mit ihrem Handy Fotos von dem glücklichen Sechsjährigen macht. Sie möchte diese Szene festhalten, die so bis vor gar nicht all zu langer Zeit undenkbar gewesen wäre. Denn vor rund einem Jahr drohten Depressionen die Alleinerziehende zu verschlingen. Und auch Florian litt unglaublich.

Als psychisch gesunde Mama kann man sich kaum vorstellen, in eine Situation zu kommen, in der man sich nicht mehr um sein Kind kümmern kann. Dass man nicht mehr die Kraft aufbringt, seinem Kind etwas zu essen zu kochen oder es in den Arm zu nehmen. Dass es sich einsam fühlt, obwohl man da ist.

Aber eine Depression kann jeden treffen. Auch dich oder deine Freundin.

Florian versteht nicht, warum seine Mutter so traurig ist

Florian litt sehr unter der Erkrankung seiner Mama, die für ihn ganz schwer zu begreifen war. Eigentlich hat man doch Schnupfen oder Husten, wenn man den ganzen Tag im Bett liegt. Seine Mama war doch eigentlich „gesund“. Warum stand sie also nicht auf? Um zu duschen, in die Arbeit zu gehen und danach mit ihm auf den Spielplatz? Außerdem sprach sie wenig und schaute so traurig.

Ob es an ihm lag? Musste es ja. Papa war ja weg.

Vor lauter Kummer zog sich Florian immer mehr zurück. Hatte keine Lust, Freunde zu sehen. Seine Mutter machte keine Hausaufgaben mit ihm, seine Leistungen wurden schlechter. Mit niemandem sprach er über seine Mama. Das würde sie bestimmt nicht wollen, dachte er.

Florians Kinderseele wurde immer schwerer. Die Stimmung zuhause und die Probleme seiner Mutter belasteten ihn sehr. Er fühlte sich hilflos. Und unendlich allein.

Eine Depressionen der Eltern belastet die Kinderseele

Circa jeder fünfte erwachsene Deutsche erkrankt mindestens einmal im Leben an einer Depression. Die Depression gilt bei uns als Volkskrankheit. Schlimm genug. Dieses Gefühl, alles schwarz zu sehen und keine Hoffnung mehr im Leben zu haben, muss unerträglich sein. Doch auch für Kinder ist das fatal. Denn ihre Seele leidet immens darunter, wenn der Papa oder die Mama eine Depression hat.

Jungs schotten sich oft ab und ziehen sich eher zurück, Mädchen können in einer Hypersensibilität landen. Manche Kinder entwickeln auch ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Denn Eltern mit Depressionen können sich nicht normal um ihr Kind kümmern. Häufig hapert es schon an ganz alltäglichen Dingen – einkaufen, das Kind pünktlich abholen, abends kuscheln und vorlesen. Die Folge: Das Kind übernimmt die Elternrolle. Es versucht, stark zu sein und Verantwortung für einen Erwachsenen zu tragen, statt ausgelassen zu spielen und einfach Kind zu sein.

Je länger die Depression der Eltern dauert, desto schlimmer. Denn dann erhöht sich das Risiko, dass Kinder selbst auch einmal daran erkranken. Wir wünschen unseren und allen anderen Kindern nur das Beste der Welt. Auf keinen Fall wollen wir, dass sie sich in irgendeiner Weise quälen. Was tun? Wir können uns dafür einsetzen, dass das weniger häufig passiert. Indem wir die Arbeit des SOS-Kinderdorf unterstützen:

Das SOS-Kinderdorf stärkt Eltern und ihre Kinder in der Krise

Eines Abends wurde Florians Mutter klar, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Sie war seit Tagen nicht mehr aufgestanden, war ein Schatten ihrer selbst, und spürte die traurigen Blicke ihres kleinen Sohnes. Sie wusste, dass sie und Florian dringend Hilfe brauchen. Sie googelte im Internet, stieß auf die Angebote des SOS-Kinderdorfs, und rief die Notfallhotline an.

Bei einer Depression der Eltern bietet das SOS-Kinderdorf Hilfe mit seinen ambulanten und offenen Angeboten. Ziel ist es, Eltern so zu stärken, dass sie einen Weg aus ihrer Krise finden. Erziehungsberatungen und Familienhilfe begleiten Familien intensiv und langfristig in ihrem Alltag, um gemeinsam Lösungen für die Probleme zu finden.

Die SOS-Mitarbeiter sorgten dafür, dass Mutter und Sohn sofort Unterstützung bekamen: Der erste Schritt war, sie aus ihrer sozialen Isolation zu befreien. Beide gehen nun regelmäßig in eine Gruppe für Alleinerziehende im SOS-Familienzentrum. Hier haben sie Anschluss gefunden und gelernt, dass sie mit ihrer Situation nicht allein sind. Außerdem halfen die SOS-Mitarbeiter Florians Mama, endlich einen Therapieplatz zu finden. Auch eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen besucht sie jetzt regelmäßig. Inzwischen schafft sie es wieder öfter mit ihrem Sohn auch fröhliche Momente zu erleben.

Der kleine Florian hat beim SOS-Kinderdorf eine Spieltherapie begonnen. Hier lernt er, mit der Erkrankung seiner Mutter besser zurecht zu kommen und dass er nicht daran schuld ist, dass es ihr nicht gut geht. Damit der Sechsjährige wieder mehr Kontakt zu Gleichaltrigen bekommt, haben die SOS-Pädagogen sich außerdem um einen Platz für ihn im örtlichen Fußballverein gekümmert. Dort kann er herumtoben, bolzen und für ein paar Stunden in der Woche die Probleme vergessen.

Florians Mutter hat immer noch Tage, an denen sie besonders traurig ist, eine Depression geht leider nicht von heute auf morgen weg. Doch inzwischen können sie und auch ihr Sohn besser damit umgehen. „Das wird schon wieder“, sagt Florian ihr an solchen Tagen – und inzwischen glaubt seine Mutter ihm das.

Auch wir können etwas tun! 

Wir Eltern sind Zufluchtsort, Problemlöser, ihr Zuhause. Alles, was sie haben. Sie können nicht ohne uns und vor allem ohne unsere Liebe. Wie schlimm muss es für Florian gewesen sein, keinen Halt mehr gehabt zu haben? Und wie hart für seine Mutter, dass sie sich nicht mehr um den wichtigsten Menschen in ihrem Leben kümmern kann? Deswegen ist es so wichtig, dass Familien in einer ähnlichen Situation geholfen wird.

Vergesst nicht: Jede Familie kann in eine ähnliche Situation geraten. Vor einer Depression ist niemand geschützt. Auch wir nicht. Lasst uns zusammenhalten und gemeinsam kleine Hebel in Bewegung setzen, um allen Kindern eine ausgelassene, fröhliche Kindheit zu ermöglichen. Und betroffenen Müttern wieder ein richtiges Leben ohne Leid.

Wir können helfen. Indem wir die wichtige Arbeit des SOS-Kinderdorfs unterstützen.

*Name, Abbildung und biographische Details zum Schutz der betroffenen Personen geändert.

Jennifer Meerkamp

Als Kind der 80er habe ich Kinderkassetten geliebt. Schnell war mir klar: Karla Kolumna ist immer dort, wo was los ist. Deswegen wollte ich Journalistin werden. Tatsächlich habe ich über meinen Job schon viele tolle Menschen kennenlernen dürfen: Jetzt, als Mama eines 1,5-Jährigen, freue ich mich, heute Teil des Echte Mama Teams zu sein und über Kinder zu schreiben. Die sind nämlich genau so spannend wie Schauspieler und Politiker.

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