„Ich liebe meine Kinder doch nicht weniger, nur weil ich sage, dass ich nicht mehr kann!“

Nach acht Wochen im Homeoffice mit paralleler Kinderbetreuung gehen viele Eltern auf dem Zahnfleisch – ich auch. Ich fühle mich permanent gestresst, bin extrem dünnhäutig und könnte bei jedem Piep losheulen. Dabei ist es nicht nur Corona, das mich mürbe macht. Es sind auch nicht allein die geschlossenen Kitas und der Spagat zwischen Kinderbetreuung und Homeoffice. Das Schlimmste sind die Sprüche und Bemerkungen, die man sich anhören muss, wenn man zugibt, dass man einfach nicht mehr kann. „Du wolltest Kinder, also hör auf zu jammern“, ist da noch der Harmloseste. Und trotzdem trifft er mich. Warum haben wir Mamas scheinbar nicht das Recht, zu sagen, wenn uns alles zu viel wird?

Warum nehmen sich andere das Recht heraus, deshalb die Liebe zu meinen Kindern anzuzweifeln?

Seit mehr als zwei Monaten sind die Kitas inzwischen geschlossen. Genauso lange arbeiten mein Mann und ich schon zuhause. Und versuchen, den Spagat zwischen Kinderbetreuung, Arbeit und Haushalt irgendwie hinzubekommen. Dabei trifft es „irgendwie“ ganz gut, denn ich habe das Gefühl, dass ich unmöglich allem gerecht werden kann. Entweder vernachlässige ich (gefühlt) meine Kinder, oder der Job leidet. Alles zu schaffen, ist einfach unmöglich. Dafür müsste der Tag mindestens ein paar Stunden mehr haben.

Deshalb fühle ich mich die meiste Zeit des Tages schlecht, sitze abends bis Mitternacht am Rechner – und bin morgens hundemüde. Und das seit acht langen Wochen.

Ganz ehrlich: Das schlaucht ganz schön – und langsam kann ich einfach nicht mehr

Meine Tochter ist gerade 5 geworden. Am Anfang hat sie die Zeit mit Mama und Papa genossen. Aber nach zwei Wochen hatte sie Sehnsucht nach ihren Freunden und der Kita. Zum Glück kann sie viel mit ihrem kleinen Bruder spielen. Aber selbst das funktioniert natürlich nicht über Stunden. Ich merke, dass sie sehr launisch wird, und das ist ja auch kein Wunder. Meine 5-Jährige sitzt zuhause, schaut mich mit großen Augen an und sagt mir, dass sie traurig ist. Sogar der kleine Bruder hat das schon gesagt – und der ist noch nicht einmal drei.

Dabei können wir noch froh sein, dass unsere Kinder „nur“ in die Kita gehen und noch nicht zur Schule. Meine Freundin sitzt täglich mehrere Stunden mit ihrer Tochter an den Hausaufgaben. Wie sie das zusätzlich auch noch schafft? Ich habe keine Ahnung.

Auch unsere Wohnung versinkt langsam im Chaos. Aber wisst ihr was? Das ist mir egal.

Ich weiß, dass viele Eltern gerade auf dem Zahnfleisch gehen. Aber es laut zu sagen, das trauen sich die wenigsten

Aus gutem Grund: Denn nicht nur der Stress und das schlechte Gewissen lassen mich langsam verzweifeln. Dazu muss ich mir auch noch Sprüche anhören wie „Dann darfst du keine Kinder bekommen, wenn dich das so stresst!“ oder „Wieso bist du denn dann überhaupt Mutter geworden, wenn du die Kinder doch nur abschieben willst?“

Ganz ehrlich, was soll das bitte? Warum wird direkt meine Fähigkeit, Mutter zu sein, in Frage gestellt, wenn ich sage, dass ich müde bin? Es wird oft so dargestellt, als ob es der einzige Job einer Mutter sei, sich „nur“ um ihre Kinder zu kümmern. Abgesehen davon, dass das alleine schon ein Vollzeit-Job wäre, haben wir einfach so viel mehr auf unserer to-Do-Liste. Auch schon ohne Corona, aber jetzt natürlich besonders. Doch scheinbar kann man keine „gute Mutter“ sein, wenn man sich rausnimmt, auch mal Schwäche zu zeigen. Sobald man zugibt, dass man einfach müde und ausgelaugt ist, hagelt es von allen Seiten Kritik.

Und wisst ihr, was das Schlimmste daran ist?

Die meisten dieser Kommentare kommen von anderen Müttern

Nicht von Männern oder älteren Menschen, die vielleicht inzwischen vergessen haben, wie das Leben mit kleinen Kindern ist. Sondern von Müttern, die doch eigentlich genau wissen müssten, wie anstrengend der Alltag mit zwei kleinen Kindern sein kann, auch ohne Homeoffice. Und von kinderlosen Frauen.

In vielen Fällen sind die Kommentare vermutlich gar nicht so böse gemeint, wie sie rüberkommen. Aber wenn man selbst an seiner Belastungsgrenze angekommen ist, ist genau so ein Spruch manchmal einfach das Bisschen zu viel.

Selbst in unserer Community – also einer Gemeinschaft von Müttern! – habe ich in den letzten Wochen häufig solche Kommentare gelesen. Wenn eine Mama sich einfach mal ausweinen wollte, weil sie völlig fertig ist mit den Nerven, musste sie Antworten lesen wie:

„Das ist doch toll, soviel Zeit mit seinen Kindern zu verbringen. Was beschwerst du dich denn darüber?!“

Ja, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen ist toll. Und die meisten von uns würden sich im Normalfall wohl wünschen, dass sie öfter die Möglichkeit dazu hätten. Aber jetzt ist eben nicht der Normalfall. Und nein, wenn man gleichzeitig arbeiten muss, ist das eben nicht „Zeit mit den Kindern verbringen“. Stattdessen hat man beim Puzzlen immer im Hinterkopf, was man noch alles für die Arbeit schaffen oder im Haushalt erledigen muss. Und das schlechte Gewissen wird zum ständigen Begleiter.

Als ob das nicht schon genug wäre, muss man sich dann auch noch fragen lassen, warum man denn Kinder bekommen hätte, wenn man sie doch scheinbar nur als Last ansieht.

Ihr könnt mir glauben, meine Kinder sind alles für mich – nur keine Last

Und trotzdem kann ich nicht mehr. Weil es einfach anstrengend ist, wenn man sie die ganze Zeit um sich hat, aber gleichzeitig 38 andere Dinge erledigen muss. Wenn man versucht, sich auf das Lieblingsspiel zu konzentrieren, während man im Kopf parallel die Uhr ticken hört. Wenn man genau weiß, das gemeinsame Kneten führt dazu, dass man abends noch eine Stunde länger am Rechner sitzt. Das ist definitiv nicht das, was ich unter „gemeinsamer Zeit“ verstehe.

Sehr beliebt ist übrigens auch die Frage, warum man denn überhaupt arbeiten würde, früher wären die Kinder schließlich auch erst später in den Kindergarten gegangen. Am liebsten mit dem Nachsatz „Und ICH habe es auch hinbekommen.“ Die Antwort darauf ist relativ einfach: Weil wir das Geld zum Leben brauchen. Und weil früher einfach vieles komplett anders war.

Normalerweise würden mich all diese Fragen kalt lassen

Vielleicht müsste ich sogar ein bisschen darüber grinsen. Aber im Moment ist leider nichts normal, seit acht Wochen nicht mehr. Und deshalb treffen mich Sätze wie „Kinder brauchen ihre Mutter, wieso magst du denn nicht mit ihnen spielen?“ aktuell besonders. Denn es hat absolut nichts damit zu tun, dass ich nicht mehr mit meinen Kindern spielen „mag“ – es ist gerade einfach nicht anders möglich.

Ich könnte noch so viele Fragen und Ratschläge mehr aufzählen. Aber im Grunde möchte ich nur auf eine Sache hinaus:

Warum ist es immer wieder derselbe Kampf?

Warum muss ich mich dafür rechtfertigen, am Ende meiner Kräfte zu sein, nur weil ich Mutter bin? Jeder andere hat doch auch das Recht dazu, warum wir Mütter nicht? Und viel wichtiger: Warum machen wir uns gegenseitig noch zusätzlich das Leben schwer? Dieser ständige Kampf von Müttern gegen Mütter ist doch eigentlich sowas von unnötig. Mamas, die arbeiten, verurteilen Mamas, die zuhause bleiben, und umgekehrt. Warum? Frauen ohne Kinder schießen gegen Mamas. Wozu?

Nur weil eine Situation für den einen kein Problem ist, heißt das nicht, dass das für alle anderen auch so sein muss. Und nein, das ist kein Zeichen von Schwäche. Und schon gar kein Zeichen dafür, dass man seine Kinder nicht „genug“ liebt, oder sie besser nicht hätte bekommen sollen. Es geht hier nicht darum, wer die „bessere“ Mutter ist. Und es muss auch niemand beweisen, wie toll er (oder sie) alles geregelt bekommt. Zuzugeben, dass man am Ende seiner Kräfte ist, ist kein Zeichen von Schwäche – auch nicht bei uns Mamas.

Anstatt die Leistung anderer Mütter klein zu reden, sollten wir uns gegenseitig unterstützen. Und zwar nicht nur während der Corona-Zeit

Denn schließlich sitzen wir alle in einem Boot. Wir wissen genau, wie anstrengend das Leben mit Kindern sein kann – obwohl wir unsere Kleinen über alles lieben. Es tut so gut, dass nicht nur zu wissen, sondern es auch mal zu hören. Zu hören, dass es anderen Mamas auch so geht, und wir nicht allein sind mit unseren Sorgen. Dass auch andere Mütter an ihre Belastungsgrenze kommen und am Ende ihrer Kräfte sind. Und dass es auch in anderen Familien manchmal einfach nicht reicht, sein Bestes zu geben.

Neulich habe ich einer Freundin geschrieben, dass ich einfach nicht mehr kann und hoffe, dass die Kitas bald wieder öffnen. Sie hat mir geantwortet, dass es ihr genauso geht, und sie auch am Ende ihrer Kräfte ist. Und wisst ihr was? Das hat wirklich gutgetan.

Also, bevor ihr beim nächsten Mal jemanden verurteilt oder ihm erzählt, was bei euch alles besser läuft: Denkt doch bitte einmal darüber nach, ob es nicht auch anders geht. Es würde uns allen soviel helfen, wenn wir uns gegenseitig unterstützen, anstatt uns das Leben zusätzlich noch schwerer zu machen. Am Ende ist nämlich keine Mutter perfekt – und das müssen wir auch gar nicht sein. Denn schließlich sind wir alle nur Menschen.

Und an alle Mamas, die auch gerade an der aktuellen Situation verzweifeln: Haltet durch! Ihr gebt alle euer Bestes, und ihr seid toll so, wie ihr seid! Lasst euch bitte von niemandem etwas anderes einreden.

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Ich liebe den Hafen, fotografiere gern, gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Social Media und Texte ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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