Extrem viele Gewaltvorfälle in Kitas allein in NRW werfen beunruhigende Fragen auf – und zeigen zugleich, wie stark Kinder, Fachkräfte und Familien unter Druck stehen.
4.718 gemeldete Gewaltvorfälle in Kitas – allein in Nordrhein-Westfalen, in nur einem Jahr. Das ist kein abstrakter Wert, sondern eine Zahl, die viele Eltern gerade sehr schlucken lässt. Denn sie betrifft genau den Ort, an dem wir Kinder eigentlich sicher wissen wollen: Die Kita.
Gewaltanstieg in Kitas um beinahe 80 Prozent
Wie aus einer Anfrage der SPD-Landtagsfraktion an die NRW-Landesregierung hervorgeht, ist die Zahl der gemeldeten Fälle von sexueller, körperlicher und psychischer Gewalt in Kitas im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um rund 80 Prozent gestiegen, wie verschiedene Medien berichten.
2024 wurden noch 2.680 Fälle gemeldet, 2025 waren es bereits 4.718.
Gewalt in der Kita – was steckt hinter diesen Zahlen?
Ein genauer Blick zeigt: Der größte Teil der gemeldeten Vorfälle betrifft körperliche Gewalt. Insgesamt wurden 2025 3.565 körperliche Übergriffe registriert. Dabei wird unterschieden, ob die Gewalt von Erwachsenen oder von Kindern selbst ausgegangen ist.
Es handelt sich um 2.481 körperliche Übergriffe von Kindern untereinander und um 1.084 körperliche Übergriffe von Erwachsenen gegen Kinder. Die Gewalt unter Kindern hat sich im Vergleich zu 2024 nahezu verdoppelt. Noch erschreckender ist der Anstieg bei körperlicher Gewalt durch Erwachsene: Hier stiegen die Meldungen von 390 Fällen im Jahr 2024 auf 1.084 Fälle im Jahr 2025 – also fast eine Verdreifachung.
Wieso ist die Gewaltbereitschaft so rasant gestiegen?
Diese Frage stellen sich gerade viele Eltern. Die Antwort ist nicht eindeutig – und genau das macht die Situation so schwierig.
NRW-Familienministerin Verena Schäffer erklärt gegenüber dem WDR, die Zahlen seien auch ein Zeichen dafür, dass mehr Fälle ins sogenannte „Hellfeld“ rücken. Fachkräfte seien sensibler geworden, Meldewege klarer – Vorfälle würden heute häufiger dokumentiert als früher.
Seit Ende 2024 gibt es zudem ein neues digitales Meldetool, das es Kitas erleichtert, Ereignisse an die Landesjugendämter zu melden. Das kann erklären, warum Statistiken sprunghaft steigen.
Gleichzeitig betont Schäffer, dass man den Anstieg nicht relativieren dürfe. Politik und Gesellschaft müssten genauer hinschauen, um zu verstehen, warum Gewalt in Kitas zunimmt – oder zumindest sichtbarer wird.
Schutzkonzepte gibt es – aber reichen sie?
Ein Aspekt, den der WDR zusätzlich beleuchtet, ist die rechtliche Seite: Seit 2021 sind Schutzkonzepte gegen Gewalt für alle Kitas in NRW verpflichtend. Diese Konzepte müssen den Landesjugendämtern vorgelegt werden und werden überprüft, wenn es Hinweise auf Probleme gibt.
Außerdem gilt: Alle Vorfälle, die das Wohl von Kindern beeinträchtigen könnten, müssen gemeldet werden. Dazu zählen körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt – unabhängig davon, ob sie von Erwachsenen oder von Kindern ausgeht.
Dass trotzdem so viele Fälle gemeldet werden, zeigt: Schutzkonzepte allein verhindern Gewalt nicht automatisch. Sie sorgen aber dafür, dass Vorfälle nicht mehr unter den Teppich gekehrt werden.
Welche Formen von Gewalt kommen vor?
Eine vom WDR zitierte Studie der Universität Gießen im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, bei der bundesweit rund 20.000 Kitafachkräfte und -leitungen befragt wurden, gibt Einblick in mögliche Formen von Fehlverhalten durch Erwachsene.
Genannt werden unter anderem:
- Kinder beschämen oder ausgrenzen
- Angst machen oder Trost verweigern
- grobes Anfassen oder Zerren
- unzureichende Körperpflege
- Vernachlässigung der Aufsichtspflicht
Wichtig: Diese Studie bezieht sich ausschließlich auf Gewalt durch Fachkräfte, nicht unter Kindern. Sie zeigt aber, wie breit das Spektrum sein kann – und dass Gewalt nicht immer laut oder offensichtlich ist.
Personalmangel in Kitas als zentraler Faktor
Ein weiterer Punkt, den der WDR stärker in den Fokus rückt: die strukturelle Überlastung der Kitas. Der Landesgeschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in NRW, Michael Kutz, macht deutlich, dass die steigenden Gefährdungsfälle auch eine Folge von zu wenig und unzureichend qualifiziertem Personal seien.
Überlastete Fachkräfte, große Gruppen und sinkende Standards bei Ausbildung und Betreuung führten dazu, dass Situationen schneller eskalieren.
Was bedeuten all diese Zahlen für Eltern?
Auch wenn Statistiken nie das ganze Bild zeigen: Sie spiegeln wider, wie stark Kitas – und damit auch Familien – unter Druck stehen. Gewalt entsteht selten aus dem Nichts. Sie ist oft Ausdruck von Überforderung, fehlender Unterstützung und chronischem Stress – bei Kindern wie bei Erwachsenen.
Für Eltern heißt das vor allem:
- aufmerksam bleiben
- Veränderungen beim eigenen Kind ernst nehmen
- das Gespräch mit der Kita suchen
- und gleichzeitig die strukturellen Probleme nicht aus dem Blick verlieren
Die steigenden Zahlen zu Gewalt in Kitas sind beunruhigend. Sie erzählen aber nicht nur von Übergriffen, sondern auch von mehr Offenheit, besseren Meldewegen und wachsender Sensibilität. Entscheidend wird sein, ob aus diesen Erkenntnissen echte Konsequenzen folgen: bessere Personalschlüssel, mehr Unterstützung für Fachkräfte und ein Kinderschutz, der nicht nur auf dem Papier existiert.
Denn eines ist klar: Kitas müssen sichere Orte sein – für Kinder, Eltern und Fachkräfte gleichermaßen.



