Warum werden Kinderschänder nicht härter bestraft?

Aktuell vergeht kein Tag ohne neue Meldungen über vermisste Kinder, gesprengte Pädophile-Ringe oder Einzeltäter, die sich an Kindern vergehen. Die Texte zu lesen, ist oft nur schwer zu ertragen. Aber als wären die Taten an sich nicht schon schlimm genug, gibt es etwas, dass mich zusätzlich richtig wütend macht. Denn die Strafen, die die Täter für das bekommen, was sie den Kindern antun, sind ein Witz – und zwar ein verdammt schlechter.

Lehrer missbraucht seinen Sohn – und bekommt Bewährungsstrafe

Der aktuellste Fall: Ein 37-jähriger Gymnasiallehrer aus Niedersachsen, der laut bild.de verheiratet ist und zwei Kinder (!) hat, hat gestanden, vor fünf Jahren seinen damals ZWEIJÄHRIGEN Sohn sexuell missbraucht zu haben. Außerdem besaß er knapp 30.000 (!) Dateien, die den Missbrauch von Kindern zeigen.

Im Jahr 2019 hat das Amtsgericht Stadthagen den Mann verurteilt: Zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Das muss man sich mal vorstellen! Nicht einmal 2,5 Jahre dafür, was er seinem eigenen, zweijährigen Sohn angetan hat. Aber damit nicht genug: Der Anwalt (wer bitte vertritt eigentlich freiwillig Kinderschänder?) des Täters ging in Berufung. Schließlich habe sein Mandant gestanden und unterziehe sich einer medikamentösen Therapie. Das Ende vom Lied: Das Landgericht Bückeburg gab dem Angeklagten Recht – und verurteile ihn stattdessen zu zwei Jahren AUF BEWÄHRUNG. Das heißt, er darf weiterhin sein Leben führen, sich frei bewegen, muss sich lediglich von Spielplätzen fernhalten und eine Therapie machen.

Wo bitte leben wir denn hier?

Ein „Vater“ missbraucht seinen eigenen Sohn, der gerade mal zwei Jahre alt ist – und bekommt allen Ernstes eine Bewährungsstrafe? Gestanden hat er übrigens nur, weil er durch den Hinweis eines amerikanischen Geheimdienstes aufgeflogen war. Sein Anwalt hatte auch damit argumentiert, dass die Familie seines Mandanten zerstört sei, er seinen Job als Lehrer (!) und auch seinen Beamtenstatus verloren habe. Ja – und? Sollen wir deshalb etwa auch noch Mitleid haben? Wer denkt denn bitte an das Kind, dem so etwas Schreckliches angetan wurde, und das auch noch durch den eigenen Vater?

Wie kann es sein, dass der Besitz von Kinderpornos nur ein „Vergehen“ ist und kein „Verbrechen“?

Da kommen wir auch schon zum nächsten Punkt, der mich maßlos aufregt. Laut Strafgesetzbuch wird der Besitz von kinderpornographischem Material nämlich immer noch als „Vergehen“ eingestuft und nicht als „Verbrechen“. Entschuldigung, aber ein „Vergehen“ ist es für mich, wenn jemand im Halteverbot parkt oder eine Wimperntusche mitgehen lässt. Das würde übrigens auch die Definition vermuten lassen. Laut anwalt.org handelt es sich bei einem Vergehen nämlich um „eine Straftat minderschwerer Natur…, welche eine nicht allzu hohe Freiheitsstrafe zur Folge hat oder aber eine Geldstrafe nach sich zieht“. Minderschwerer Natur? Da fällt mir wirklich nichts mehr zu ein.

Die Höchststrafe für en Besitz von Kinderpornografie sind übrigens drei Jahre. Zum Vergleich: Bei Ladendiebstahl können die Täter für bis zu fünf Jahre hinter Gitter kommen. Für Steuerhinterziehung in schweren Fällen sind es bis zu 10 Jahre. Und auch das Strafmaß für Einbrüche wurde vor einiger Zeit auf mindestens ein Jahr erhöht. Das neue Gesetz soll Menschen „in ihren eigenen vier Wänden so gut wie möglich“ schützen. Und was ist bitte dem Schutz derjenigen, die selbst keine Chance haben, sich zu schützen? Warum zählt das Wohl eines Kindes weniger als das eines Erwachsenen, bei dem eingebrochen wird? Wo bleibt da bitte die Verhältnismäßigkeit!

Wie kann es sein, dass es so viele Wiederholungstäter gibt?

Die viel zu niedrigen Strafen lassen mich zu einem Punkt kommen, der damit direkt zusammenhängt. Denn sowohl der Hauptverdächtige im „Fall Maddie“ als auch der Haupttäter des widerlichen Pädophilenrings in Münster waren vorbestraft. Mehrfach. Und zwar nicht wegen irgendwelcher „kleinerer“ Delikte.

Christian B., der aktuell im Verdacht steht, die kleine Maddie McCann entführt und getötet zu haben, wurde 1994 zum ersten Mal wegen „Missbrauchs eines Kindes“ sowie „Vornahme sexueller Handlungen vor einem Kind“ zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt, wie Spiegel Online berichtet. Die Strafe soll er demnach nicht einmal komplett abgesessen haben.

Im Jahr 2013 wurde er erneut verurteilt: wegen „sexuellen Missbrauchs eines Kindes in Tateinheit mit Sich-Verschaffen und Besitz kinderpornografischer Schriften“. Das Strafmaß dieses Mal: ein Jahr und drei Monate. Im Jahr 2005 vergewaltigte der Mann eine 72-jährige Amerikanerin und raubte sie aus. Bis ihm die Tat nachgewiesen werden konnte, vergingen allerdings mehr als zehn Jahre. In der Zwischenzeit, im Jahr 2007, verschwand die kleine Maddie spurlos – die Ermittler vermuten jetzt, dass Christian B. auch mit dem Verschwinden der Dreijährigen zu tun hat. Außerdem wurde der Mann scheinbar wegen diverser anderer Straftaten verurteilt, darunter Körperverletzung, schwerer Diebstahl und Trunkenheit am Steuer.

Wenn ich das alles lese, stellt sich mir allerdings die Frage:

Wieso war der Täter überhaupt auf freiem Fuß bzw. stand nicht einmal unter Beobachtung?

Da wird jemand verurteilt, weil er ein Kind missbraucht hat, muss nicht einmal die komplette Strafe von zwei Jahren absitzen, die sowieso ein Witz ist. Und niemand kommt auf die Idee, dass er das vielleicht wieder tun könnte? Einige Jahre später TUT er es dann wieder. Und kommt mit einer noch niedrigeren Strafe davon. Wieder hinterfragt niemand, ob er vielleicht noch mehr Kinder missbraucht hat.

Wieso um alles in der Welt sperrt man solche Perverslinge nicht länger weg? Warum können sie nach kürzester Zeit ihr Leben weiterleben, während die Kinder ihr Leben lang unter den Folgen leiden müssen? Weshalb können sie ihren kranken Neigungen weiter nachgehen, und es wird nicht einmal im Wiederholungsfall härter durchgegriffen? Und vor allem: Wie viele Kinder hätte man retten können, wenn Typen wie Christian B. unter ständiger Beobachtung stehen würden. Und vielleicht zu einer medikamentösen Behandlung verdonnert werden, die ihren Sexualtrieb unterdrückt? Entschuldigung, aber da kommt mir wirklich alles hoch.

Das gleiche gilt für den Mistkerl, den die Polizei als Kopf des Pädophilenrings in Münster geschnappt hat

Auch er war zweifach vorbestraft, weil er Kinderpornos besessen und verbreitet hatte. Beide Urteile wurden zur Bewährung ausgesetzt. Einfach unfassbar. Auch das Jugendamt hat von diesen Strafen gewusst. Und sah trotzdem keinen Grund, den Stiefsohn des Mannes aus der Familie zu nehmen – oder sie zumindest weiterhin zu beobachten. Die Folge für den damals Vierjährigen: Ein sechs Jahre andauerndes Martyrium, das erst jetzt mit der Festnahme des Stiefvaters beendet wurde.

Und warum das alles? Weil die Strafen für den Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie ein Witz sind – genauso wie die für sexuellen Missbrauch. Wie bild.de berichtet, gab es im Jahr 2018 insgesamt 464 Verurteilungen wegen „schwerem sexuellen Kindesmissbrauch“. 143 Täter wurden zu sechs Monaten bis zu zwei Jahren verurteilt. Und als ob das den Opfern gegenüber nicht Hohn genug wäre, wurden insgesamt 97,7 % der Strafen zur Bewährung ausgesetzt.

Für die betroffenen Kinder gibt es auch keine Bewährung!

Sie leiden für den Rest ihres Lebens unter den psychischen Folgen der sexuellen Misshandlungen. Wie eine Kinderseele so etwas verarbeiten soll? Ich weiß es beim besten Willen nicht. Was ein Kind denkt, wenn es der Person, die ihm das angetan hat, plötzlich auf der Straße gegenübersteht, weil die Strafe ja nur zur Bewährung ausgesetzt wurde? Darüber denkt scheinbar niemand nach. Wie muss ein Kind sich fühlen, wenn es später feststellt, dass der Täter mit einer Mini-Strafe davongekommen ist, obwohl es selbst sich immer noch mit den Erinnerungen quält?

Schon lange gibt es die Forderung, die Strafen für Kindesmissbrauch drastisch zu erhöhen

Passiert ist bisher – nichts. Denn obwohl immer mehr Politiker sich für eine deutliche Verschärfung der Mindest- und Höchststrafen einsetzen, weigert sich Bundesjustizministerin Christine Lambrecht bisher standhaft, den Status von Kindesmissbrauch von „Vergehen“ auf „Verbrechen“ zu ändern. Warum bitte? Laut bild.de hat ein Sprecher der Ministerin gesagt, dass Gerichte dann „auf Straftaten mit einem nur geringen Unrechtsgehalt nicht angemessen reagieren“ könnten. Heißt übersetzt: Wenn ein 13-Jähriger eine 14-Jährige küsst, wäre das vom Gesetz her dann automatisch auch ein Verbrechen.

Allerdings gibt es bei so einem Gesetz auch immer die Möglichkeit, Ausnahmen zu definieren und den zuständigen Richtern Spielraum zu lassen. Das bedeutet, sie können selbst entscheiden, ob in einem Fall wirklich ein Missbrauch vorliegt, oder ob der einzige Straftatbestand darin liegt, dass einer der Beteiligten noch nicht 14 Jahre alt ist. Und ganz ehrlich: Das kann doch nicht wirklich der Grund dafür sein, dass Menschen, die Kinder sexuell missbrauchen, mit einer lachhaften Strafe davonkommen!

Die Täter werden geschützt – die Opfer müssen doppelt leiden

Das ist leider aktuell hier bei uns in Deutschland bittere Realität. Denn die betroffenen Kinder müssen nicht nur den Missbrauch verarbeiten. Sie müssen auch damit leben, dass die Täter nach kürzester Zeit in ihr „normales“ Leben zurückkehren können. Und nicht nur das: Bei einem Prozess müssen die Kinder all ihr Leiden noch einmal durchleben, wenn sie gegen ihren Peiniger aussagen müssen.

Ein Fall, der mich wirklich schockiert hat, ist der von Marvin aus Duisburg. Der Junge wurde mit 13 entführt und erst fast drei Jahre später gefunden – in einem Schrank in der Wohnung des Mannes, der ihn während der gesamten Zeit sexuell missbraucht haben soll. Die Anwälte des Jungen wollten erreichen, dass er seine Aussage machen darf, ohne dabei seinem Peiniger gegenüber zu sitzen. Und was tat die Staatsanwältin? Forderte für die Entscheidung ein Attest, dass Marvin auch wirklich seelische Verletzungen erlitten habe. Ist das zu fassen? Der Junge wurde nach fast DREI Jahren in einem SCHRANK gefunden. Natürlich ist er verdammt noch mal traumatisiert. Warum muss man ihn zusätzlich mit der Angst quälen, dem Täter in die Augen schauen zu müssen?

Nicht zuletzt regt es mich auf, dass Kindesmissbrauch verjähren kann. Das heißt, wenn der Täter seine Spuren geschickt genug verwischen kann und erst später geschnappt wird, hat er Glück – und seine Opfer haben Pech gehabt. Mal wieder.

Das kann doch so einfach nicht weitergehen!

Bisher habe ich überall nur von Forderungen gelesen, härter gegen Missbrauch von Kindern vorzugehen. Das ist immerhin ein Anfang, aber jetzt sollen doch bitte Taten folgen – und zwar schnell! Und damit meine ich nicht, statt einem dann zwei Jahre auf Bewährung auszusetzen. Die Täter gehören hinter Schloss und Riegel, und zwar ihr Leben lang. Wenn das nicht möglich ist, soll man sie doch bitte für den Rest ihres Lebens überwachen oder zumindest regelmäßig kontrollieren. Damit sie keine Chance haben, ihren kranken Trieben noch einmal nachzugehen. Damit kein Kind Angst haben muss, ihnen draußen über den Weg zu laufen. Und damit sie nicht noch mehr Kindern das antun können, was ihre Opfer schon durchmachen müssen.

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Ich liebe den Hafen, fotografiere gern, gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Social Media und Texte ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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