„Trotz Fehlgeburten: Ich bin über 40 – und wünsche mir noch ein Baby“

Über 40 — das ist heutzutage doch kein Alter?! Leider manchmal doch, wenn es um die Erfüllung eines sehnlichen Kinderwunsches geht. Unsere Echte Mama Betty (43) berichtet von inneren Kämpfen, bitteren Erfahrungen und leiser Hoffnung…

„Als sich bei mir der Zweitkinderwunsch meldete…

…war unsere Tochter anderthalb (und ich 37) Jahre alt. Ich sehnte mich danach, noch einmal ein Baby in den Armen zu halten. Wünschte mir, dass all die wunderbaren ersten Male nicht zugleich auch die letzten Male wären. Was gibt es Schöneres, als einem kleinen Menschen dabei zuzusehen, wie er sich entwickelt. Ihn als Steigbügelhalter ins Leben zu begleiten? Außerdem dachte ich daran, wie glücklich ich selbst darüber bin, einen Bruder zu haben.

Ich weiß, dass es keine Garantie für Geschwisterliebe gibt, aber ich selbst habe in meinem Bruder einen heiß geliebten Verbündeten gehabt. Über die (nicht wenigen) Macken unserer Eltern kann ich mit keinem so gut reden wie mit ihm. Und jetzt, wo unsere Eltern älter und die Sorgen um sie größer werden, bin ich froh, dass ich mir die Verantwortung teilen kann.

Ich schaue auf den leeren Platz an unserem Vierertisch und bin mir sicher: Da fehlt noch jemand. Nicht missverstehen: Meine Tochter soll ganz sicher nicht das Gefühl bekommen, dass sie allein nicht ausreicht. Deshalb will ich nicht sagen, dass wir durch noch ein Kind „vollständig“ würden, aber sicher gäbe es dann noch viel mehr Liebe in unserem Leben.

Und dann haben wir es einfach noch mal versucht

Mein Mann wollte anfangs kein zweites Kind, aber ich habe den Gedanken nie aus dem Kopf bekommen und wurde trauriger, je deutlicher sich das Zeitfenster schloss, in dem eine Schwangerschaft wahrscheinlich war. Dann vor einem Jahr geschah ein „Wunder“: Mein Mann lenkte ein. Da war ich 42. Natürlich kannte ich die Risiken – theoretisch. Aber ich war so fit und die erste Schwangerschaft so gut gelaufen, dass ich mir keine Sorgen gemacht habe. Als der Schwangerschaftstest nach dem zweiten Versuch direkt positiv war, war ich deshalb nicht einmal überrascht. Und nachdem ich den Herzschlag gesehen habe, dachte ich, dass nun alles in trockenen Tüchern wäre. Ganz schön naiv.

Fehlgeburt? Reine Routinesache für meine Ärztin

In der siebten Woche fand meine Frauenärztin keinen Herzschlag mehr. Missed Abortion. Der Abgang wurde mit Medikamenten eingeleitet. Meine Frauenärztin sah die Sache pragmatisch: Ich solle es direkt nochmal versuchen. Es sei schon ein tolles Zeichen, dass ich in meinem Alter überhaupt so problemlos schwanger geworden sei. Mich hingegen traf die Diagnose – obwohl ich die Statistiken kannte – als unerwarteter Schlag in die Magengrube, bzw. in die Gebärmutter. Dieses kleine Wesen war für mich kein bloßer Zellhaufen gewesen, sondern jemand, auf den ich mich wahnsinnig gefreut hatte. Wie konnte es sich ohne das kleinste Zeichen verabschiedet haben?

Doch nachdem ich aus meinem Loch gekrochen war, wollte ich es tatsächlich noch einmal probieren. Wie groß war schon die Wahrscheinlichkeit, dass ich überhaupt noch mal schwanger werde – und es dann wieder schiefgeht? Zu meiner Überraschung hielt ich wieder genauso schnell einen positiven Test in der Hand. Diesmal war ich aber vorsichtiger, wollte mir nicht einmal einen Mutterpass ausstellen lassen, um es nicht Schwarz auf Weiß zu sehen, falls wieder etwas schief geht. Doch die Frauenärztin steckte mit ihrer Zuversicht an. Ich feierte den neuen Herzschlag mit einem Mutterpass – bis es der siebten Woche wieder hieß: Missed Abortion.

Was tue ich meiner Familie an, wenn ich es nochmal probiere?

Wieder war ich am Boden zerstört, brauchte mindestens zwei Monate, um überhaupt darüber nachzudenken, was ich jetzt fühle und will. Doch dann war sie plötzlich wieder da, diese tiefe Sehnsucht. Vielleicht weil meine Tochter nun bald sieben Jahre alt wird, mich immer weniger braucht und ich die innige Zeit mit meinem Kind vermisse. Ja, vielleicht spielen auch die Hormone eine Rolle. Männer suchen sich in der Midlife-Crisis eine Jüngere, Frauen mobilisieren ihre letzten Eizellenreserven? Mag sein, dass die Biologie meine Gefühle manipuliert, damit ich nochmal alles gebe für die Vermehrung. Aber gibt es überhaupt „gute“ und total vernünftige Gründe für ein Kind? Ist es nicht am Ende immer ein „egoistischer“ Wunsch – die eigene tiefe Sehnsucht nach einem Baby?

Ich kann nicht aufgeben, will aber auch nicht die „Verrückte“ sein, die nach zig weiteren Fehlgeburten ihren geschundenen Körper hasst und dennoch keinen Schlussstrich zieht. Meinem Mann hatte ich nach der ersten Fehlgeburt gesagt: „Nur noch ein Versuch. Dann ist’s ein Zeichen und ich komme zur Ruhe.“ Ich habe wirklich daran geglaubt. Leider kam es anders. Ist es vermessen, jetzt noch zu hoffen? Was ist mit den Risiken? Was tue ich meiner Familie an, wenn mir oder dem Baby etwas passiert? Aber was, wenn ich andernfalls mein wunderbares zweites Kind verpasse, das möglich gewesen wäre – nun aber niemals existieren wird. Es ist meine letzte Chance, das weiß ich – aber soll/kann/darf ich sie überhaupt ergreifen?“

Danke, liebe Betty, für deine echte und ehrliche Geschichte. Was meint ihr? Ist man irgendwann zu alt um Kinder zu bekommen? Oder sollte man seiner Hoffnung und Sehnsucht folgen. Habt ihr selbst vielleicht sogar Ähnliches durchgemacht?

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

Alle Artikel

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
1 Kommentar
Beliebteste
NeuesteÄlteste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
1
0
Tausch dich dazu mit anderen Mamas aus!x
()
x