Tics bei Kindern: Abgewöhnen oder abwarten?

Irgendwann fällt es Eltern das erste Mal auf: Diese Grimasse, dieses Räuspern oder Blinzeln. Komisch ist das irgendwie, was ihr Kind da macht… Und dann sehen sie es immer häufiger, haben das Gefühl, dass das Kind gar nicht mehr aufhören kann mit diesem Tic. Dazu kommt erschwerend, dass das Kind seine kurzen Bewegungen oder Geräusche häufig selbst gar nicht mitbekommt. Und nun? Kann man Tics bei Kindern abgewöhnen – oder gibt sich das von selbst? Das sagen Experten zum Thema:

Tics bei Kindern – was ist denn das eigentlich genau?

Zuerst einmal: Tics bei Kindern sind nichts Ungewöhnliches. Etwa 15 Prozent aller Kinder im Grundschulalter entwickeln diese immer wiederkehrenden Abläufe.

Meist sind das motorische Tics, wie

  • Blinzeln
  • Augenrollen

Es gibt aber auch Auffälligeres, wie

  • Stampfen
  • Beißen
  • Hüpfen

und „lautstärkere“ vokale Tics wie

  • Hüsteln
  • Räuspern
  • Pfeifen

Manche Kinder kombinieren mehrere Tics. Diese treten dann gleichzeitig auf oder wechseln sich phasenweise ab. Dr. Bastian Baumgartner, Kinderarzt und -neurologe am Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit Regens­burg, sagte gegenüber Baby und Familie, dass die meisten Betroffenen zwischen sechs und acht Jahre alt sind, manche diese Auffälligkeiten aber auch schon als Zwei- oder Dreijährige haben.

Experten grenzen die Tics von Angewohnheiten wie dem Fingernägelkauen ab. Denn ältere Kinder berichten, dass dem Tic ein Gefühl vorausgeht, wie beispielsweise ein Kribbeln in der Nase. Dieses lässt nach, wenn der Tic ausgeführt wird.

Und woher kommen diese Tics?

Das ist bisher nicht ganz klar. Es wird aber vermutet, dass Gene beteiligt sind. Denn wenn schon jemand aus seiner Familie einen Tic hat, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind einen Tic entwickelt.

Gegenüber dem Spiegel hat Helge Topka, Chefarzt der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie am Münchner Klinikum Bogenhausen, erklärt: „Bei einer Tic-Störung fehlt wahrscheinlich die optimale Abstimmung zwischen verschiedenen Hirnarealen, die Bewegungswunsch und -ausführung koordinieren.“ Forscher vermuten, dass die Nervenbahnen zwischen diesen Hirnregionen nicht in gleicher Geschwindigkeit reifen und so ein Ungleichgewicht bei der Bewegungssteuerung entsteht.

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Auffällig ist, dass besonders Ruhephasen wie Vorlesen, Fernsehen oder Müdigkeit die Tics auslösen können. Der Grund hierfür: Viele Kindergartenkinder haben echten Freizeitstress. Neben Sport, Musikkursen und jeder Menge Verabredungen haben sie viel zu wenig Zeit, sich einfach mal auf sich zu konzentrieren, in Ruhe zu spielen, zu faulenzen und ja, sich auch mal zu langweilen. Es gibt aber auch Kinder, die gerade in den stressigen Situationen mit Tics reagieren.

Was sollte ich tun, wenn mein Kind einen Tic hat?

Eltern sollten beobachten, in welcher Situation die Tics bei ihrem Kind auftreten. Und dann heißt es, diese Situation zu durchbrechen. Das kann akut durch Ablenkung und eben langfristig durch mehr Ruhephasen gelingen.

Experten empfehlen, das Kind in der Situation des Tics mit dem Handy zu filmen und dieses Video dem Kinderarzt zu zeigen. So kann der Arzt auf einen Blick sichergehen, dass es sich um einen Tic handelt und nicht etwa um Epilepsie. Denn in manchen Fällen könnten in dieser Frage Unsicherheiten entstehen. Aber der Experte sähe sofort, um was es sich handelt, denn „Tics unterscheiden sich zum Beispiel deutlich von epileptischen Anfällen, die in ihrem Erscheinen sehr konstant sind“, erklärt Dr. Baumgartner.

Sollte und kann man Tics bei Kindern abgewöhnen?

Eltern sollten erst einmal ganz entspannt abwarten. Die meisten Tics bei Kindern treten nur bis zu zwölf Wochen auf und verschwinden dann so schnell wieder, wie sie aufgetaucht sind. Denn wenn die beteiligten Nervenbahnen nachreifen, sind die Tics meist wieder passé. In dieser Zeit kann man den Tic einfach ignorieren und nicht zur Sprache kommen lassen. Denn es ist für Kinder – je nach Alter – wahnsinnig anstrengend oder gar unmöglich, diesen zu unterdrücken.

Es ist so eine Sache mit dem Abgewöhnen von Tics bei Kindern. Sie lassen sich leichter durchbrechen als abgewöhnen, etwa durch Ansprache oder Berührungen. Das stoppt den Tic oftmals.

Was gar nicht geht, sind Verbote. Eltern sollten ihren Kindern lieber signalisieren, dass der Tic ihrer Liebe keinen Abbruch tut und dass das Kind NICHT krank oder merkwürdig ist.

Und wenn der Tic nicht von alleine geht?

Halten Tics länger als zwölf Monate an, gelten sie als chronisch. Wenn der Tic andauert oder sich mit der Zeit noch weitere dazugesellen, sollten Eltern zum Kinderarzt gehen. Eventuell wird dann die Aktivität des Gehirns mit einem EEG gemessen, um Erkrankungen auszuschließen. Bleibt es bei der „Diagnose“ Tic-Störung, muss diese äußerst selten behandelt werden. Wie schon gesagt, meist hört der Tic von alleine auf. Nur etwa fünf Prozent der Erwachsenen haben eine Tic-Störung.

Auch, wenn das Kind in der Kita oder Schule gehänselt wird und sich das zum echten Problem entwickelt, sollten sich Eltern an ihren Kinderarzt oder einen Kinderneurologen wenden. Spiel- oder Verhaltenstherapien können hier helfen. Es gibt allerdings keinerlei Hinweise darauf, dass eine frühe Therapie den Verlauf einer Tic-Störung bessert.

Haben Tics etwas mit Tourette zu tun?

Nur etwa ein Prozent der Deutschen leidet unter dem Tourette-Syndrom. Eine Kombination motorischer und vokaler Tics, die vor dem 18. Lebensjahr auftreten, gelten als Tourette. Wichtig ist aber: Ein Tic in der Kindheit sagt absolut nichts über den weiteren Verlauf aus! Eltern müssen sich hier also keine Gedanken machen.

In den meisten Fällen ist es also nicht nötig, Tics bei Kindern abzugewöhnen oder sich Gedanken zu machen.

Es ist einfach eine vorrübergehende Auffälligkeit, die man „aussitzen“ kann.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer vierjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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