Langeweile tut nicht nur deinem Kind gut, sondern auch dir!

Langeweile – was für ein magisches Wort! Für mich wäre es inzwischen längst zum Fremdwort geworden, wenn mich meine Tochter nicht beinahe täglich durch einen Ausruf daran erinnern würde:

„Mamaaaa, mir ist so laaaangweilig!“

Früher hat es mich immer ganz nervös gemacht, wenn ich bei meiner Tochter Symptome dieses faszinierenden Zustands festgestellt habe. Schnell habe ich mir überlegt, wie ich sie bespaßen kann, sei es mit einem Fingerpuppenspiel, Knetmasse oder einem Spaziergang zum Spielplatz, wo ich sie dann stundenlang anschaukelte, mir beim Wippen beinahe einen Muskelkrampf holte oder ihr Sandtörtchen buk, die sie mit großer Freude zerstörte.

Heute habe ich eine andere Sicht auf die Langeweile. Das hat eine Weile gedauert und ich habe mich oft als schlechte Mutter gefühlt, wenn ich meinem Kind nicht aktiv aus seinem Joch der Öde geholfen habe. Mit der Zeit stellte ich jedoch fest, dass es meist nicht länger als fünfzehn Minuten dauerte, bis meine damals vierjährige Tochter sich etwas ausgedacht hat, um sich zu beschäftigen. Heute mit fünfeinhalb Jahren geht es noch viel schneller und die „Laaangeweile“-Rufe werden immer seltener.

Zu Beginn wunderte ich mich, warum es plötzlich so still war und ich gar kein Quengeln nach Bespaßung mehr hörte. Wenn ich dann nachsehen ging, saß sie zum Beispiel in einem Haufen Bügelperlen in ihrem Zimmer, die sie nach Farben sortierte, oder sie schnitt akribisch Konfetti aus ihrem Bastelpapier oder braute im Bad einen Zaubertrank aus geriebener Kreide und Badeschaum.

Ich war beeindruckt von ihrer Kreativität und Konzentratonsfähigkeit.

Zugegeben, oft musste ich mich stark zusammenreißen, nicht loszuschimpfen, weil die Hälfte des Zaubertranks auf dem Badezimmerboden verteilt oder der Spielteppich mit Konfetti oder Bügelperlen übersäht war. Trotzdem war ich immer beeindruckt von ihrer Kreativität und Konzentrationsfähigkeit, sobald sie beim Spielen „auf sich allein gestellt“ ist – wenn auch manchmal erst im Nachhinein nach der Bewältigung des Chaos-Schocks.

Und genau das ist es, worauf ich gehofft hatte, weswegen ich meine Tochter eben NICHT aus Angst vor der Langeweile für drei Nachmittagskurse angemeldet habe und was inzwischen sogar in zahlreichen Studien bestätigt wurde: Langeweile löst bei Kindern einen unglaublichen Erfindergeist aus!

Kinder, die eine durchorganisierte Woche mit diversen Hobbys und Vereinsaktionen haben, müssen sich selten mit Langeweile auseinandersetzen. Dabei finde ich, sollte Langeweile selbst zum Hobby erklärt werden, denn unsere Kinder lernen währenddessen eine ganze Menge: Wenn die Langeweile kaum auszuhalten ist, motiviert sie unsere Kinder, selbst einen Weg finden, etwas an ihrer Situation zu ändern. Sie lässt unsere Kinder außerdem wahrnehmen, wie unterschiedlich sich Zeit anfühlen kann. Und sie lehrt sie, wie sie ganz aus sich heraus eine schöpferische Kreativität entstehen lassen können. So gewinnen Kinder aus der Langeweile heraus rasant an Selbständigkeit.

 

Junge spielt mit Bechern und Wasser

Kinder, die sich auch mal selbst beschäftigen müssen, haben oft kreative Ideen.
Foto: Bigstock

Langeweile macht auch Erwachsene kreativer

Übrigens kann Langeweile auch uns Erwachsenen zu mehr Kreativität verhelfen. Ja, ich weiß, ihr fragt euch sicher, wovon ich spreche, denn welche Mama kommt schon in den Genuss des Nichts-zu-tun-habens? Doch es gibt verschiedene Formen von Langeweile, eine davon ausgelöst von monotonen, anspruchslosen Aufgaben. Und die kennen wir doch alle, wenn wir an den täglichen Haushalt denken, oder?

Doch nochmal von vorn: Langeweile macht also auch Erwachsene kreativer? Darauf lässt zumindest eine Studie unter der Leitung von Benjamin Baird und Jonathan Schooler an der University of California in Santa Barbara schließen.

  • Sie gaben einer Gruppe von 135 Studenten die Aufgabe, sich für verschiedene Alltagsgegenstände wie zum Beispiel einen Ziegelstein oder ein Streichholz möglichst viele Einsatzmöglichkeiten auszudenken. Dazu hatten sie zwei Minuten Zeit.
  • Im Anschluss daran wurde ein Teil der Gruppe mit einer sehr komplexen Aufgabe beschäftigt, eine zweite Teilgruppe setze die erste Aufgabe fort, eine dritte Teilgruppe machte eine kurze Pause und eine vierte Teilgruppe bekam eine wenig anspruchsvolle, langweilige Aufgabe.
  • Nach 12 Minuten sollten alle auch diese zweite Tätigkeit abbrechen und sich wieder der ersten Aufgabe zuwenden. Zunächst wurden ihnen dazu erneut dieselben Alltagsgegenstände vorgelegt wie zu Beginn, danach kamen weitere, neue Gegenstände hinzu.

Es zeigte sich, dass diejenigen Studenten, welche die langweilige Zwischenaufgabe bekommen hatten, in der letzten Aufgabe mit Abstand die besten Ergebnisse erzielten. Allerdings nur bei den Gegenständen, die sie schon aus der allerersten Aufgabe kannten.

Die Studienleiter erklären dies so, dass sie während der langweiligen zweiten Aufgabe Zeit hatten, ihre Gedanken schweifen zu lassen und unterbewusst die erste Aufgabe weiterbearbeiteten. In diesem Zustand des „Tagträumens“ nämlich, so vermuten die Wissenschaftler, vernetzen sich gleich mehrere verschiedene Bereiche des Gehirns, was ihrer Theorie zufolge zu einem verstärkt kreativen Denken führt.

Ein Hoch auf das Bügeln und weg mit dem schlechten Gewissen!

In diesem Sinne sollten wir also das Bügeln, Aufräumen und Wäschefalten nochmal aus einem neuen Blickwinkel betrachten. Vielleicht verhilft es uns eines Tages ja zu kreativen Höchstleistungen im Job, bei der Kindererziehung oder auch nur zu neuen Ideen fürs Zuhause???

Auf jeden Fall können wir aber die Sorge, eine schlechte Mutter zu sein, wenn wir unser Kind absichtlich mit seiner Langeweile „kämpfen“ lassen, abschütteln und die „Laaangweile“-Rufe unserer Kinder getrost freudig als Ankündigung kreativer Entwicklungsschübe interpretieren.

Anna Moniz

Vor zwei Jahren hat es mich mit meinem Mann und unserer Tochter vom hohen Norden nach Niederbayern verschlagen. Hier arbeite ich als Autorin für Echte Mamas sowie als freie Texterin und PR-Beraterin. Die Turbulenzen des echten Mamalebens halten mich dabei täglich auf Trab und machen mich gleichzeitig zum glücklichsten Menschen aller Zeiten.

Alle Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.