Sternenkindfotos: Wenn ein Bild alles ist, was bleibt

Es ist ein grauer Tag im Dezember. Ich stehe vor meine Lieblingscafé und warte. Dabei habe ich ein etwas mulmiges Gefühl, weil ich so gar nicht weiß, was auf mich zukommt. Dann biegt meine Verabredung um die Ecke: Marleen, 41 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, ehrenamtliche Sternenkindfotografin. Die Begrüßung ist herzlich, wir suchen uns einen freien Tisch. „Fast hätte ich absagen müssen“, sagt sie mir, „denn es kam ein Alarm rein.“ Für ein paar Sekunden stockt mein Herz, als mir klar wird, was das bedeutet: Irgendwo in unserer Nähe ist vor wenigen Stunden ein Kind gestorben, irgendwo trauern genau in diesem Moment Eltern um ihr Baby. Ich muss kurz durchatmen.

Viele Eltern wünschen sich Fotos von ihrem Sternenkind

Wenn ein Alarm reinkommt, heißt das auch, dass die Eltern sich Fotos von ihrem Kind wünschen. Als Erinnerung und manchmal auch ein bisschen als Beweis. Dafür, dass es das Kind gibt. Dass es ein Familienmitglied ist. Und dass es existiert hat, auch wenn es nicht mehr da ist. Über ein Formular auf der Seite von dein-sternenkind.eu oder über eine Notruf-Hotline können betroffene Eltern die Fotografen kontaktieren. In den meisten Fällen übernehmen das Hebamme oder Ärztin aus dem Krankenhaus, wenn sie vom Wunsch der Eltern wissen. Selten sind es auch Familienangehörige, die den Alarm auslösen.

Marleen arbeitet als ehrenamtliche Sternenkindfotografin in Hamburg.
Foto: Marleen Schenk

Wenn die Eltern bereit sind, packt Marleen ihre Tasche

Seit etwas mehr als einem Jahr arbeitet Marleen für dein-sternenkind. Im Oktober 2017 hat sie sich registriert, im November hatte sie ihren ersten Einsatz. Was relativ sachlich klingt, ist mit vielen Emotionen verbunden – auch für die Fotografen. Wenn Marleens Handy einen Alarm anzeigt, kann sie entscheiden, ob sie ihn annimmt. Dann gibt sie den Kollegen in einem Forum Bescheid und ruft den Kontakt zurück. Wenn das Sternenkind schon auf der Welt ist, und die Eltern bereit sind, packt Marleen ihre Tasche.

Ein lichtstarkes Objektiv, Ersatzkleidung, Einschlagdeckchen, Lichter, Holzherzen, kleine Engel nimmt sie mit. Genau wie selbstgenähte „Seelentrösterchen“. Da sind kleine Puppen, die es paarweise gibt. So kann eine bei dem Sternenkind bleiben, die andere ist für die Eltern oder das Geschwisterkind. Meistens bekommt Marleen auch noch Blumen von einer benachbarten Floristin, dann macht sie sich auf den Weg ins Krankenhaus.

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„Trotz der Schmerzen und all der Trauer ist der Raum immer voller Liebe“

Sie meldet sich auf der Station und geht mit dem Pflegepersonal zum Zimmer, in dem die Eltern mit ihrem verstorbenen Kind sind. „Das ist die erste große Herausforderung“, sagt Marleen, „weil man in dem Moment in ganz viel Trauer und Schmerz eintaucht.“ Manchmal sind auch Wut und Unverständnis dabei. „Das ist in dem Moment der Sprung ins kalte Wasser, da muss man sich drauf einlassen.“

Genau wie auf die Widersprüchlichkeit der Trauersituation: „Auf der einen Seite begehst du eigentlich ein wunderbares Ereignis, denn die Frau hat ein Kind zur Welt gebracht. Die Geburt bleibt eine Geburt. Eine großartige Leistung, die nicht geschmälert werden soll. Auf der anderen Seite kondolierst du.“ Genau das spiegelt sich oft auch in den Emotionen der Eltern wieder: „Trotz der Schmerzen und all der Trauer ist der Raum immer voller Liebe“, erzählt Marleen.

Die kleine Lilly kam als Sternenkind zur Welt.
Foto: Marleen Schenk für Dein Sternenkind

Die Sternenkindfotografin wird zur Anwältin der Eltern

Während der Krankenhausalltag unerbittlich weitergeht, ist die Sternenkindfotografin in dem Moment nur für die Eltern da. Sie unterstützt sie bei ihren Wünschen und übernimmt die Kommunikation mit Schwestern und Ärzten. „Wenn du auf der Station nicht ausdrücklich sagen kannst, was du möchtest, dann wird dir auch nicht geholfen. Deshalb werden wir ein Stück weit ihre Anwälte und kümmern uns um ihre Wünsche.“

Bei einem Einsatz war die Mama mit Zwillingen schwanger, aber eins der Kinder ist im Bauch gestorben. Als die Kinder per Kaiserschnitt zur Welt kommen, ist das gesunde Baby so leicht, dass es sofort auf die Neonatologie verlegt wird. Die Mutter ist mit ihrer verstorbenen Tochter noch im Kreißsaal, als Marleen ankommt. Es gibt ein flüchtiges Foto der beiden Kinder aus dem OP, aber die Mama wünscht sich sehr noch ein schönes Foto. Sie hat den Arzt schon gefragt – er hält es nicht für notwendig.

Erst als Marleen die Hebamme um Unterstützung bittet und ihr erklärt, wie wichtig dieses Foto ist, klappt es. Sie fahren die Mama und ihr Sternenkind im Fahrstuhl zur Neonatologie, nehmen die gesunde Schwester aus dem Inkubator. Die Mama bekommt ein Bild, auf dem sie ihr beiden Töchter im Arm hält. Später wird sie Marleen sagen, dass genau dieses Bild für sie eines der wertvollsten Fotos ist.

Die Fotos sollen wertschätzend und schön werden

Wertvolle Erinnerungen für die Eltern zu schaffen, genau darum geht es der Sternenkindfotografin: „Ich sehe mich als Beobachter in der Situation. Ich möchte das Ganze nicht dokumentieren, das macht das Krankenhaus. Ich möchte die Stimmung und die Emotionen einfangen. Und ich möchte vor allen Dingen respektvolle und liebevolle Fotos machen. Ich bin in dem Moment kein Voyeur. Ich möchte niemandem seine Würde nehmen und schon gar nicht dem Sternenkind.

Lillys Mama Kati und ihre Oma Petra haben sich die Fotos als Erinnerung gewünscht.
Foto: Marleen Schenk für Dein Sternenkind

Es gibt einfach Situationen, in denen kommen Kinder zur Welt, die vom rein objektiven, ästhetischen Empfinden vielleicht äußerlich nicht perfekt. Aber für die Eltern sind sie es. Und meine Erfahrung ist, dass es an jedem Sternenkind immer irgendetwas gibt, das ganz zauberhaft ist und es wert ist, eingefangen zu werden. Und es hängt einfach nur von Deiner eigenen Haltung ab, dass die Fotos wertschätzend und schön werden. Darum geht es.“

500 Fotografen fotografieren 10 bis 20 Sternenkinder – jeden Tag

Darum geht es auch Marleens Kollegen: Rund 500 Fotografen sind bei dein-sternenkind registriert, 300 davon haben mindestens einen Einsatz im Jahr. Jeden Tag werden 10 bis 20 Sternenkinder in Deutschland und Österreich von ihnen fotografiert. Marleen hatte bisher 16 Einsätze im Hamburger Stadtgebiet.

An ihren ersten erinnert sie sich noch genau: „Mein erster Einsatz war in Abwesenheit der Eltern, zusammen mit einem Kollegen, der schon mehrere Einsätze hatte. Die Situation war entspannt und auch nicht zu vergleichen mit der Situation, wenn die Eltern dabei sind. Die verantwortliche Gynäkologin war dabei. Die Atmosphäre ist völlig anders und auch ein bisschen abstrakter, weil man das Ganze mit dem medizinischen Auge betrachten kann. Für meinen Kollegen war es auch gut, dass ich dabei war, weil es eine sehr frühe Woche war, die er bis dahin auch noch nicht fotografiert hatte. So konnten wir uns gegenseitig stützen.“

Schon immer ehrenamtlich engagiert

Hauptberuflich ist Marleen Veranstaltungskauffrau, aktuell arbeitet sie in Teilzeit in einer kleinen Werbeagentur mit Schwerpunkt Health und Medical. Parallel ist sie freiberuflich als Projektmanagerin unterwegs, fotografiert viel, betreut Künstler. Für 2019 ist Marleens Plan, einen kleinen Kindergarten zu eröffnen. Nebenbei hat die 41-Jährige sich schon immer ehrenamtlich engagiert: bei der AFS (Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen) als ausgebildete Stillberaterin oder im Fundraising beim Verein alleinerziehender Mütter und Väter. Die Leidenschaft für Gesundheitsthemen hat sie mit ihrer Tante gemeinsam, die in einem Verein für krebskranke Menschen und ihre Angehörigen aktiv ist.

Schon während der Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau hat Marleen erste Kontakte zum Kinderhospiz Sternenbrücke in Hamburg aufgenommen, weil sie gern dort gearbeitet hätte. Im Herbst 2017 war es dann schließlich ein Zeitungsartikel, der sie zu dein-sternenkind geführt hat. „Der Artikel hat mich so berührt, dass ich zumindest ein wertschätzendes Feedback geben wollte“, erzählt sie. „Ich habe einige meiner Fotos mitgeschickt, hätte aber nie gedacht, dass sie gut genug sind.“ Am nächsten Tag hatte sie das Aufnahmeformular als Sternenkindfotografin im Postfach.

Besonderes Geschenk für die Eltern der Sternenkinder

Mit ihrer Arbeit möchte Marleen den Eltern der Sternenkinder ein besonderes Geschenk machen. Aus der Demut und Dankbarkeit heraus, dass sie selbst zwei gesunde Kinder bekommen hat. Aber auch eine eigene Fehlgeburtsgeschichte hat zu ihrer Entscheidung beigetragen, weil sie aus Erfahrung weiß, wie wertvoll Erinnerungen sind. „Natürlich habe ich vor dem ersten Einsatz auch nicht gewusst, ob ich das wirklich packe“, sagt sie. „Aber ich musste es zumindest versuchen.“

Den Eltern von Sternenkindern bleiben oft nur die Fotos als Erinnerung.
Foto: Marleen Schenk für Dein Sternenkind

Manche Einsätze bringen die Fotografen an ihre Grenzen

Auch mit der Erfahrung, die Marleen inzwischen hat, gibt es immer noch Einsätze, die sie an ihre Grenzen bringen. Ein Beispiel ist ein 15-jähriger Junge, den eine Kollegin in Lübeck fotografiert hat. Als der Alarm auf Marleens Handy losgeht, sitzt sie zuhause auf dem Sofa – mit ihrem 15-jährigen Sohn. „Für mich war klar: Diesen Einsatz hätte ich nie allein übernehmen können. Das war in dem Moment meine eigene, persönliche Grenze. Das weiß ich auch, sollte so etwas noch einmal vorkommen, werde ich es nicht riskieren, über meine Grenze hinwegzugehen.“

Dass die Eltern älterer Kinder oder Teenager die Sternenkindfotografen kontaktieren, kommt eher selten vor. In der Regel werden sie angerufen, wenn Babys während der Schwangerschaft, kurz nach der Geburt oder auf der Neonatologie versterben. Oder wenn Eltern bei der Pränataldiagnostik erfahren, dass ihr Kind nicht lebensfähig ist. Das jüngste Baby, das Marleen fotografiert hat, starb in der 15. Schwangerschaftswoche, vorher wird es schwierig.

„Mir tut es gut, die Fotos nicht sofort anzuschauen“

Aber wie geht man mit diesen Emotionen um? Wie kann man nach einem Einsatz abschalten? Für Marleen einer der Gründe, warum sie mit der Bahn zu den Einsätzen fährt oder zu Fuß geht: „In der Regel bin ich sehr froh, dass ich ohne Auto unterwegs bin, weil ich ganz bei mir bleiben kann. Ich kann mich auch in einem vollen Bus oder einer vollen Bahn ganz in mich zurückziehen und noch einmal darüber nachdenken, was gerade passiert ist. Manchmal gehe ich auch einfach zu Fuß und mache noch mal eine Schleife extra. Und mir tut es gut, wenn ich mir die Fotos nicht sofort anschaue, sondern erst eine Nacht darüber schlafe.“

Trotzdem kann es vorkommen, dass ein Einsatz Spuren hinterlässt und die Emotionen über das normale Maß hinausgehen. Dann hilft das freundschaftliche Netzwerk von dein-sternenkind. Marleen weiß, dass sie einige Kollegen jederzeit anrufen kann. Außerdem wird die Organisation von einer Psychotherapeutin unterstützt, die ehrenamtlich Gruppen- oder Einzelgespräche anbietet.

Viele Eltern haben Angst, dass ihre Erinnerungen verblassen

Neben der emotionalen Belastung zieht Marleen aber viele auch positive Dinge aus ihrer Arbeit als Sternenkindfotografin: „Im Alltag relativiert sich unglaublich viel. Wenn man sich über Stress und Streitereien mit den Kindern ärgert, denkt man irgendwann, dass die Eltern der Sternenkinder sich all das wünschen würden.

Viele Eltern haben Angst, dass ihre Erinnerungen irgendwann verblassen.
Foto: Marleen Schenk für Dein Sternenkind

Auch die Dankbarkeit der Eltern gibt Marleen viel zurück. Viele haben Angst, dass ihre Erinnerungen mit der Zeit verblassen. Dass sie irgendwann nicht mehr wissen, wie ihr Kind ausgesehen hat. Es wird keine Geschichte auf dieser Erde haben. Keine Bilder im Familienalbum von Einschulung, Abitur oder Hochzeit. Die Familienfotos, die Marleen im Krankenhaus macht, sind die einzigen, die es jemals geben wird. Deshalb dürfen auch die Geschwisterkinder mit aufs Foto, die Oma oder die Tante oder die Cousine. Immer unter der Voraussetzung, dass die Eltern es auch möchten.

Letztendlich zeigt es, dass das Baby von allen als Familienmitglied akzeptiert wird. Und genau das ist für die Eltern ein ganz wichtiger Schritt. Denn mit diesem Foto haben sie den Beweis: Unser Kind hat existiert, und es bleibt unser Kind – auch wenn es nicht mehr da ist.

Die Eltern können die Fotos anschauen, wenn die dazu bereit sind

Wann die Eltern bereit sind, sich die Fotos anzuschauen, entscheiden sie ganz allein. „Einige haben schon nach zwei oder drei Tagen nachgefragt, andere nach drei Monaten, und einige melden sich gar nicht“, so Marleens Erfahrung. „Da werde ich jetzt noch mal das Krankenhaus kontaktieren und meine Kontaktdaten noch einmal weitergeben. Es kann natürlich sein, dass sie im Eifer des Gefechts die Nummer falsch abgesichert haben. Ich möchte den Eltern auf jeden Fall die Gelegenheit geben, die Fotos anzufordern.“

Die Rechte der Bilder liegen natürlich komplett bei den Eltern. Das heißt, sie können allein entscheiden, was sie damit machen möchten. Es muss auch niemand Angst haben, dass Fotos verloren gehen. Neben der Kopie, die die Eltern bekommen, liegt eine weitere beim Fotografen, und die dritte wird auf einem zentralen Server abgelegt, auf den nur der Initiator von dein-sternenkind.eu Zugriff hat. So können die Eltern sicher sein, dass sie die Fotos ihrer Sternenkinder jederzeit bekommen können, wenn sie soweit sind.

So können betroffene Eltern die Sternenkindfotografen kontaktieren:

1. dein-sternenkind.eu

Auf der Homepage der Organisation gibt es im Forum für Eltern ein Kontaktformular. Sobald es abgesendet wird, bekommen alle 15 Koordinatoren deutschlandweit innerhalb von Sekunden eine Nachricht. Ein Koordinator übernimmt die Anfrage und ruft innerhalb von zwei bis drei Minuten zurück. Dann sendet er eine Nachricht an alle Fotografen, die über eine App einen Alarm angezeigt bekommen.

2. Notruf-Hotline: +49 6257 918 500 9

Per Telefon sind die Sternenkindfotografen über eine Notruf-Hotline erreichbar. Falls sie einmal nicht besetzt ist, läuft ein Anrufbeantworter. Sobald eine Nachricht aufgesprochen wird, erhalten die Koordinatoren ebenfalls innerhalb weniger Sekunden eine Benachrichtigung.

Sollte die Nummer einmal nicht erreichbar sein, können Betroffene im Ausnahmefall auch diese Nummer anrufen: 0160 995 839 88

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