Echte Mama Geschichten

Sternenkind: „Mein Kind starb kurz vor der Geburt, dabei schien alles normal.“

Foto: Bigstock

Wie schrecklich muss es sich anfühlen, sein Baby zu verlieren – zu einer Zeit, in der die Geburt schon kurz bevor steht? Unsere Echte Mama Anne aus Beierfeld hat uns erzählt, wie sie diesen Schicksalsschlag er- und überlebt hat – und wie sie sich von ihrem Sternenkind verabschiedet hat.

Die Entscheidung, ein Kind zu haben, ist von großer Tragweite.
Denn man beschließt für alle Zeit, dass das eigene Herz außerhalb des eigenen Körpers herumläuft.
Elizabeth Stone

Dieses Zitat passt genau zu meiner Sternenkind-Geschichte.

Wir wünschten uns schon lange ein zweites Kind. Nach einer frühen Fehlgeburt probierten wir lange Zeit vergeblich, schwanger zu werden. Besonders schwierig war es in dieser Zeit, dass viele Paare um uns herum schwanger wurden.

Irgendwann rechneten wir gar nicht mehr damit, dass es klappen könnte und distanzierten uns ein Stück von unserem Kinderwunsch – ganz weg war er natürlich nicht. Aber ich schlug beruflich neue Wege ein und wollte mich darauf konzentrieren.

Und dann passierte es. Ich wurde schwanger. Zu einem ungünstigen Zeitpunkt, aber die Freude war riesengroß. Ich hatte eine Ausbildung zur Erzieherin begonnen und befand mich gerade im 1. Praktikum – das auch noch in der Krippe. Das Praktikum konnte ich trotzdem fortsetzen, allerdings bei den älteren Kindern.

Die Schwangerschaft nahm nach anfänglichen leichten Blutungen einen positiven Verlauf. Bis auf die üblichen Wehwehchen ging es mir gut. Wir freuten uns so sehr auf unseren kleinen Jungen. Alles schien perfekt. Kurz nach den Sommerferien sollte er ankommen. Mit der Ausbildung wollte ich dann ein Jahr pausieren.

Im Juli 2017 verbrachten wir noch einen tollen Familienurlaub. Als wir wieder zu Hause waren, liefen die Vorbereitungen für unseren kleinen Schatz auf Hochtouren. Es war schon fast alles fertig.

Mt unserer kleinen Tochter verbrachten wir noch einen tollen Urlaub zu dritt. (Symbolbild) Unsplash / Leo Rivas Micoud

An einem Montag war ich nochmal bei meiner Frauenärztin, um einen Abstrich machen zu lassen. Alles war perfekt, unser Engel lag auch schon in der richtigen Startposition. Das freute uns besonderes, nach dem seine Schwester 2010 per Kaiserschnitt geholt werden musste. Der Grund für die OP war eine Beckenendlage, sie lag mit dem Kopf nach oben.

Am nächsten Tag hatte ich einen Termin zur Geburtsplanung im Klinikum Erlabrunn. Dieser Tag begann wie immer, ich verabschiedete meinen Mann zur Arbeit und brachte mein Kind in den Kindergarten. Ich frühstückte, machte ein wenig Hausarbeit und ging dann duschen. Unter der Dusche wurde mir plötzlich übel und schwindlig. Ich konnte mich aber noch auf den Beinen halten, duschte zu Ende und legte mich dann hin. Ich verspürte einen Druck nach unten auf mein Becken, dachte mir aber nichts dabei, außer dass es Wehen sein könnten. Immerhin war ich an diesem Tag genau 38+0. Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn beinahe hätte ich meinen Termin verpasst.

Also machte ich mich auf den Weg ins Krankenhaus. Der Druck war immer noch da, ich strich mir aber über den Bauch und redete mir ein, dass alles gut sei. Am Kreißsaal angekommen, öffnete mir eine sehr nette Hebamme die Türe, Verena hieß sie. Es folgte die Begrüßung, sie nahm mir den Mutterpass ab und wollte das CTG anlegen. Was sie auch tat. Der Alptraum jeder werdenden Mutter: Sie fand keine Herztöne. Sie probierte es weiter, in allen möglichen Positionen und versuchte mich zu beruhigen, dass es an Lage des Kindes liegen könnte und sowas schon mal vorkommt. Ein wenig halfen ihre Worte und ich dachte noch nichts Schlimmes.

Als sie dann immer noch keine Herztöne fand, schickte mich Verena zum Ultraschall. Ich kam zu einer netten jungen Ärztin. Diese machte dann den Ultraschall, der gefühlt ewig dauerte. Dabei redete sie kaum mit mir, scheinbar wusste sie schon, was los war, traute es sich aber nicht zu sagen. Ich begann nur langsam zu realisieren, was hier geschah. Die Ärztin holte einen Kollegen hinzu, der brachte mir dann wenig schonend bei: ,Da ist nichts mehr. Oh Gott, was ist das heut nur für ein Tag, schon die Zweite…` Scheinbar ereilte noch einer Familie ein ähnliches Schicksal.

Nun realisierte ich es langsam. Mein Baby war tot, in meinem Bauch. Ich konnte nicht einmal weinen, ich stand unter Schock. Um mich herum standen Ärzte, Schwestern und die Hebamme Verena, die mich in den Arm nahm. Schließlich wurde besprochen, wie es weitergeht. Ich rief zuerst meinen Mann an und bat ihn schnell herzukommen. Er ahnte es schon am Telefon und fragte, ob etwas Schlimmes passiert ist. Ich antwortete nur: ,Ja, ganz schlimm…“, dann konnte ich nicht weiter reden.

Ich bekam ein Einzelzimmer auf der Frauenstation. Als mein Mann dann da war, nahm er mich in die Arme und ich sagte ihm, dass unser Baby tot sei. Später wurden wir gefragt, wie wir entbinden möchten. Uns wurde versichert, dass eine normale Geburt trotzdem möglich sei und da wir es so vorgesehen hatten, wollten wir das auch so durchführen. Uns wurde gesagt, dass das sehr lange dauern kann. Dann wurde die Geburt mit Gel eingeleitet. Bis abends tat sich nicht viel. Ich schickte meinen Mann nach Hause, er musste ja unsere Hunde versorgen. Unsere Tochter Leni war inzwischen bei meinen Eltern, wo sie auch über Nacht blieb. Mein Mann überbrachte meinen Eltern diese Hiobsbotschaft, wie und wann wir es Leni sagen sollten, wussten wir noch nicht. Auch weitere nahestehende Familienmitglieder wurden von meinem Mann über unser Sternenkind informiert. Ich konnte das nicht – ich wollte niemanden sehen und nichts hören. Aber es stellte sich heraus, dass es gut war, das meine Schwägerin involviert war. Einer Freundin von ihr war etwas ganz ähnliches passiert, somit war sie mit dem Thema Sternenkind vertraut. Sie vermittelte uns eine Sternenkindfotografin. Zuerst waren wir von der Idee abgeneigt, da wir niemand um uns haben wollten. Später waren wir dankbar dafür, denn die Bilder sind alles, was uns von unserem kleinem Mats bleibt. Das sind sehr wertvolle Erinnerungen und außerdem sind sie wunderschön geworden.

Es war nun schon spät abends, ich telefonierte mit meiner Mutti, als Leni schon im Bett war, ich wollte ja wissen wie es ihr geht und was sie mitbekommen hat. Natürlich hat sie einiges mitbekommen, das ließ sich nicht vermeiden. Meine Mutti weinte viel, sie wollte sich am liebsten auf den Weg zu mir machen, erst recht als sie merkte, dass es los ging. Ich sagte nur, ich muss schnell auflegen und verabschiedete mich. Meine Fruchtblase war aufgegangen und ich blutete stark. Ich klingelte nach einer Schwester, die mir dann geholfen hat. Dann ging alles ganz schnell. Ich konnte zum Glück noch meinen Mann anrufen und bat ihn, wieder schnell ins Krankenhaus zu kommen. Als er ankam, war ich schon im OP. Es musste wirklich alles schnell gehen.

Es dauerte ewig, bis nach der Einleitung etwas passierte… Foto: Bigstock

In dem Moment realisierte ich nicht, was mit mir geschah. Mein Mann erzählte mir später, was er mitbekommen hat. Er musste er vor dem OP warten. Dort rannte eine der beiden Hebammen nach Blutkonserven, es wurde geschrien, es musste schnell gehen. Ihm wurde Angst und Bange.

Eine andere Hebamme nahm ihn mit in den Kreißsaal. Dort sah er unseren kleinen Mats Johann, der um 21.43 Uhr still geboren wurde. Unser Sternenkind. Die Erstversorgung wurde durchgeführt: Wiegen, Messen, Hand -und Fußabdruck, Baden und zudem wurden ein paar erste Fotos gemacht.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich schon im Aufwachraum, mit Schmerzen und an sämtlichen Schläuchen. Ich wurde dann auf die Intensivstation verlegt, wo ich über Nacht bleiben sollte. Dort sagte mir dann endlich ein Arzt, was los war. Ich hatte  sehr viel Blut verloren, da sich die Plazenta gelöst hatte. Ich war noch total benommen, als dann mein Mann und die Hebamme das Zimmer betraten. Er strahlte und hatte unseren wunderschönen Sohn dabei. Ich war ebenfalls froh, die beiden zusehen, auch wenn ich es nur halb wahrgenommen habe. Die Hebamme sagte, dass der kleine Mats über Nacht in meinem Zimmer auf der Frauenstation bleibt und ich morgen früh dorthin zurück verlegt werde, wenn alles gut verläuft. Mein Mann verabschiedete sich liebevoll nach Hause und wollte morgen früh wiederkommen.

Der nächste Morgen war gekommen. Ich wurde zurück auf mein Zimmer gebracht. Mein Mann war auch schon da. Und auch unser kleiner Engel lag da, ganz friedlich in seinem Bettchen.

Da war er unser Mats Johann. So fertig und perfekt, er wog 4050g und war 52 cm groß. Und wunderschön. Wir verbrachten noch ein paar schöne Stunden mit unserem Sternenkind, wir durften uns soviel Zeit lassen, wie wir wollten. Wir wären zwar lieber für uns gewesen, aber als die Fotografin kam, war es dann doch sehr angenehm, sie war äußerst einfühlsam. Unserer Pfarrer besuchte uns ebenfalls noch an diesem Tag im Krankenhaus und segnete unseren kleinen Engel. Auch dies wurde von meiner Schwägerin in die Wege geleitet, wofür wir sehr dankbar waren. Die restlichen Stunden verbrachten wir dann mit ihm allein. Bis wir dann Abschied nahmen. Abschied für immer! Ich wusste nicht ob ich dafür bereit war.

Überhaupt ist es verdammt schwer aus dieser Lage heraus Entscheidungen zu treffen. Rückblickend würden wir vielleicht einiges anders machen. Viele Fragen tauchten auf: Wie geht es jetzt weiter? Einiges musste noch vom Krankenhaus aus in die Wege geleitet werden, unter anderem die Beerdigung. Hierbei wurden wir gut beraten. Meine Hebamme vermittelte einen Kontakt zu einem Bestattungshaus, die sich mit dem Thema Sternenkind auskannten.

Ich musste noch den Rest der Woche im Krankenhaus verbringen. Mein Mann versuchte, mich so oft es geht zu besuchen. Es war eine schreckliche Zeit, zu viel Zeit zum Nachdenken… Warum? Warum passiert das uns? Ein Sternenkind? Wir haben uns so sehr ein Kind gewünscht. Er hätte es so gut bei uns gehabt. Das ist nicht fair, andere wollen ihre Kinder nicht …. und so weiter.

Ich war heilfroh, als ich Sonntag nach Hause durfte. Zumindest war ich da nicht so alleine. Mein Mann und unsere Tochter waren da und brachten mich auf andere Gedanken. Wir hatten ja auch noch ihren Schulanfang vorzubereiten. Wir bekamen viel Unterstützung. Überhaupt fühlten wir uns sehr gesegnet in dieser Zeit. Auch wenn ich bis heute nicht weiß, wie wir diesem Spagat zwischen Trauer und Freude gemeistert haben. Aber für unsere Tochter war ihr Schulanfang einer ihrer schönsten Tage im Leben und das war es uns wert.

Eine Woche später fand dann die Beerdigung statt, wir bekamen auch hierbei viel Unterstützung und alles lief so ab, wie wir es uns vorgestellt hatten. Meine Freundin Veronika und ihr Mann gestalteten die Beisetzungsfeier musikalisch. Das bedeutete uns unendlich viel. Überhaupt hat sie viel in dieser Zeit für mich getan und war immer da. Auch noch heute ist sie immer da, wo einige sich schon abwandten. Allerdings hatten wir uns auch bewusst etwas zurückgezogen.

Man kann schon behaupten, dass wir die Wochen danach als gesegnet erlebten, wir wurden viel unterstützt und führten viele wertvolle Gespräche. Besonders mit meiner Hebamme, sie schenkte mir viel Kraft und Zuversicht in dieser Zeit. Auch mein Mann und ich sind aneinander gewachsen und wissen zu schätzen, was wir haben. Dennoch wiegt das alles natürlich die Tragik und Unfassbarkeit des Geschehenen nicht auf.

Und nun komme ich zum anfänglichen Zitat zurück. Ja, es reißt einem ein Stück Herz heraus, das lässt sich nicht leugnen. Man könnte daran verzweifeln oder gar verbittern. Aber das bin nicht ich… Nur gut, dass ich so ein großes Herz habe und immer noch so viel Liebe in mir trage.

Und dann ist da noch die Freude, die Freude auf ein Wiedersehen, wenn wir unseren Engel, unser Sternenkind, in die Arme schließen dürfen. Bis dahin tragen wir unseren kleinen Engel Mats Johann in unseren Herzen. Unser Sternenkind.“