„Noch heute bekomme ich Panik, wenn einer der beiden losschreit.”

„Als ich meinen Partner kennenlernte, war ich gerade ein Jahr geschieden. Aus Verunsicherung und langem ‚Ich weiß nicht, was ich will‘, wurde eine liebevolle Beziehung. Doch ein halbes Jahr, nachdem wir uns kennenlernten, brach der Kontakt seinerseits ab. Ich dachte, ‚na toll, wieder ein Griff ins Klo‘. Aber es stellte sich heraus, dass er Zeit für sich brauchte, denn sein Zwillingssohn war mit anderthalb Jahren an Leukämie in seinen Armen verstorben.

Als er sich wieder meldete, vergoss ich Tränen.

Obwohl ich nie eine Bindung zu Kindern hatte und ich die Zwillinge nicht kannte, hatte ich auf einmal ein nie dagewesenes Gefühl. Nämlich das Gefühl, wie es sein muss, als Elternteil ein Kind zu verlieren. Ich bin Krankenschwester und mir sagte eine Patientin ein Jahr später, dass ich eine wundervolle Mama wäre. Das alles ließ den Kinderwunsch in mir wachsen.

Also versuchten mein Partner und ich unser Glück. Es dauerte nicht lange und ich war schwanger. Wir freuten uns sehr. Bei der zweiten Untersuchung beim Gynäkologen war mein Partner dabei, durfte aber wegen Corona nicht mit rein und wartete unten. Die Ärztin schmunzelte, guckte mich an und sagte: ‚Doppeltes Glück, sie bekommen Zwillinge.‘

Ich war geschockt, verängstigt und wusste nicht, wo oben und unten ist.

Ich weinte, weil ich Angst vor der Reaktion meines Partners hatte. Als ich es ihm sagte, drehte er sich um und musste kurz für sich sein. Ich war traurig, denn er nahm mich nicht in den Arm und freute sich auch nicht. Ich sagte ihm, dass es ein Zeichen seines Sohnes ist, ‚Er schenkt dir nochmal das Glück.‘ Wir versuchten das Beste aus unseren Gefühlen zu machen.

Doch schon in der Schwangerschaft merkte ich, dass nicht nur mein Partner Schwierigkeiten hatte, eine Bindung aufzubauen, auch seine Eltern hatten kein Interesse daran. Zu schwer war es, es anzunehmen, dass nochmal Zwillingsenkel kommen. Die Geburt war der reinste Horror für mich, nach ewigen Unterbrechungen bei der Einleitung (wegen Notfällen), habe ich mich entschieden, einen Kaiserschnitt zu machen. Bei der Anästhesie wurde dann was getroffen, ich hatte Gefühlsstörungen in Oberschenkel, Schulterbereich und Füßen.

Als wir dann zuhause waren, wurde alles noch schlimmer.

Mein Partner war drei Monate in Elternzeit und musste dann wieder arbeiten. Ich war auf mich alleine gestellt, hatte keine Unterstützung und dabei noch sechs Monate lang Schreikinder. Dann wurde ich auch noch an beiden Füßen operiert und bat deswegen seine Mutter unter Tränen, ob sie helfen kann. Sie meinte aber nur, dass sie mir zwar helfen wolle, aber dass ich dafür zweimal die Woche zu ihr kommen müsse.

Ich war nervlich am Ende, saß vor Erschöpfung auf dem Boden und weinte. Mit den Kindern irgendwo hinzufahren war in der Situation undenkbar für mich. Ich merke heute noch, nach anderthalb Jahren, dass ich Panik bekomme, sobald einer der beiden losschreit. Ich konnte die ganze Zeit über keine Bindung aufbauen zu den beiden, für mich galt nur DURCHHALTEN. Ich hatte mir doch einfach nur ein Kind gewünscht, das ich hüten und beschützen könnte.

Ich wollte immer da sein, wenn etwas ist, es beruhigen oder bei mir einschlafen lassen.

Mit Zwillingen ist das unmöglich –und das zerriss mich. Ich sah mich als schlechte Mutter, die nicht für ihre Kinder da sein konnte. Ich konnte keinem gerecht werden. Mutterliebe? Was ist das? Wie fühlt es sich an? Dann kam auch noch Corona und es gab keinen Austausch mit anderen Müttern, kein Verlassen der Wohnung. Denn selbst spazieren gehen war ein Horror, weil beide geschrien haben.

Also isolierte ich mich in der Wohnung, jeden Tag das gleiche. Ich war nervlich ein Wrack. Ich hatte irgendwann so ein schlechtes Selbstbild, dass ich begann, mich selbst zu hassen. Mein Partner wendete sich von mir ab, weil er mich nicht mehr erkannte.

Inzwischen sind anderthalb Jahre um, langsam geht es bergauf.

Vor ungefähr drei Monaten begann ich, Mutterliebe zu spüren. Nun ist mir bewusst: Ich liebe die beiden über alles und würde sie niemals hergeben. Dennoch sitzen die Wunden tief und vor allem die Erschöpfung. Unsere Situation ist nicht einfach, denn die Beziehung zu meinem Partner leidet immer noch.

Es dreht sich alles um die Kinder und wir haben keine Auszeit, keine Zeit für uns als Paar. Mein Mann entfernt sich von mir und zeigt sich mir gegenüber gleichgültig. Die Schwiegereltern habe ich zuletzt Weihnachten 2020 gesehen. Der Kontakt ist inzwischen abgebrochen.

Ich vermute, dass mein Mann den Tod seines Sohnes nicht verkraftet.

Er hat auch nie eine Trauerbewältigung oder Ähnliches gemacht. Aber das ist typisch Mann, er will es mit sich alleine ausmachen. Unsere Mädels liebt er zwar abgöttisch, ich habe aber das Gefühl, dass er sich nicht richtig drauf einlassen kann.

Trotzdem kann ich heute sagen, ich habe es geschafft und die schlimmste Zeit mit zwei Schreibabys überstanden! Und das nicht für mich, sondern für meine Kinder. Rückblickend erkenne ich, dass meine Liebe für sie immer da war, ich sie aber nicht wahrnehmen konnte.”


Liebe Mama (Name ist der Redaktion bekannt), vielen Dank, dass du uns deine Geschichte anvertraut hast. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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