Narzisstische Mutter: „Ich habe mich oft in den Schlaf geweint.”

„Ich habe zum 36. Geburtstag eine Postkarte bekommen, auf der stand: ‚Wir haben Dich lieb.‘ Ich weiß noch, wie ich im Auto gesessen habe und in Tränen ausgebrochen bin. Das war das erste und vor allem einzige Mal, dass ich diesen Satz von meinen Eltern gehört habe. Es hat mich so nachhaltig mitgenommen, dass ich am nächsten Tag nicht arbeiten gehen konnte und nachts hohes Fieber bekam.

Als kleines Kind hatte ich eigentlich eine schöne Kindheit…

Ich wurde ins Bett gebracht, es wurde gekuschelt und auch vorgelesen, es wurden Spieleabende gemacht, immer frisch gekocht, es war ein schönes und lustiges Familienleben. Das alles hörte schlagartig auf, als ich größer wurde und meine eigene Persönlichkeit und einen eigenen Kopf entwickelte, in die Pubertät kam. Und vor allem nicht immer funktioniert habe. Schulfreunde vorgezogen habe. Oftmals hatte ich das Gefühl, Vorwürfe zu hören, weil ich anfing, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich hatte oft das Gefühl, lästig zu sein.

Ab einem Alter von 15, 16 schien meine Mutter mich außerdem als Konkurrenz wahrzunehmen. Ich bin sehr attraktiv und es wurde sich für meine emotionalen Belange schlichtweg nicht mehr interessiert, so als hätten meine Gefühle keine Daseinsberechtigung. Sie wurden ignoriert und negiert. Und das in einer Zeit, in der man Halt sucht und sich findet, Fragen hat.

Meine Mutter machte mich oft klein und wurde verbal gewalttätig.

Machtausübung, Kontrolle, fast schon Schikane und vor allem Abwehr und Kälte brachte sie mir entgegen. Ich wurde für vieles, was zuhause falsch lief, verantwortlich gemacht. ‚Du musst so sein und so nicht‘ und ‚wenn du nur so und so wärst‘. Sie sagte mir, dass ich nichts Liebes an mir hätte, wie könne man nur so sein wie ich. Ich wäre hässlich und widerlich. Es fielen auch Beleidigungen wie ‚Drecksmensch‘. Diese harten Worte richtete sie an einen jungen Menschen.

Bei den Schulaufgaben wurde nur mit Murren geholfen, ich wurde mit allen Bedürfnissen schlichtweg alleine gelassen. Zusätzlich stritten sich auch meine Eltern damals oft. An der Ehekrise gab meine Mutter mir ebenfalls die Schuld. Würde ich mich anständig benehmen, gäbe es diese nicht.

Ich hatte damals eine Freundin, die ein ganz enges und freundschaftliches Verhältnis zu ihrer Mama hatte.

Ich habe mir das auch so oft gewünscht. Die Mutter war immer da, hat zugehört, war warm, verständnisvoll und liebenswürdig, unterstützend und lustig und hat auch mir manchmal zugehört, so dass ich manchmal nicht mal mehr nach Hause gehen wollte. Oft kam es mir vor als stünde ich vor einer kalten, ablehnenden Wand. Ich habe nie verstanden, wieso das so war.

Ich war derartig von Zuhause verunsichert, dass ich auch in der Schule extrem schüchtern und in mich gekehrt war. Selbstverständlich bekam ich deswegen irgendwann auch in der Schule Probleme. Ich kam nicht mehr mit und ich dachte, ich sei zu dumm. Immerhin bekam ich Nachhilfeunterricht, aber das Rad drehte sich zuhause natürlich weiter…

Dort schlug mir Unverständnis entgegen und wenig Unterstützung.

Ein Lehrer hat damals meine Mutter angerufen, um sich zu erkundigen, was bei mir los sei. Ich höre heute noch, wie sie am Telefon über mich gesprochen hat.

Materiell gesehen ging es uns prächtig, mein Bruder und ich bekamen alles. Aber Respekt, Wärme, Verständnis, Unterstützung und Platz für persönliche Entwicklung und Freiraum gab es nie. Es fühlte sich immer so an als lebe man zwar in einer Familie, aber hätte doch keine. Ich war immer einsam und alleine. Intimsphäre gab es für mich auch keine. Mein Zimmer wurde ohne Anklopfen betreten und sich seitens meines Vaters über meine körperliche Entwicklung lustig gemacht.

Eine sexuelle Entwicklung wurde auch unterbunden, als sei dies was Schlimmes.

Ich habe Jahre gebraucht, um ansatzweise Sexualität genießen zu können. Es gab in meiner Familie keinen sexuellen Missbrauch, aber der emotionale Missbrauch hat auf allen Ebenen großen Schaden angerichtet.

Alles das, was man von seiner Mutter mit auf den Weg bekommen sollte, gab es bei uns nicht. Im Alter zwischen 15 und 17 Jahren habe ich mir oft gewünscht, zu sterben. Nie werde ich die Zeit vergessen, in der ich mich jede Nacht in den Schlaf geheult habe.

Die Atmosphäre, in der wir groß wurden, war total angespannt, stillschweigend, verdrängend, aggressiv.

Grundsätzlich schon und verbal auch. Täglich wurde es laut bei uns und ich habe mich immer weiter zurückgezogen, bis es sich irgendwann nach außen umkehrte und ich selbst aggressiv wurde. Also war ich wieder schuld.

Meine Mutter weinte irgendwann mal. Ich erinnere mich noch, da war ich elf Jahre alt. Ich fragte sie damals, warum sie weint und was ihr Problem ist. Die Antwort war: ‚Du bist mein Problem.‘ Das hat mich, da es gar keine weitere Erklärung gab, total verstört und diesen Satz habe ich nie vergessen.

Teilweise hatte ich das Gefühl, dass meine Eltern mich verachten und hassen.

Alles, was zuhause schief lief, projizierten sie auf mich. Auch mein Bruder wurde mir gegenüber irgendwann körperlich gewalttätig und es setzte oftmals Ohrfeigen, wenn meine Eltern nicht da waren. Nie hat sich jemand bei mir entschuldigt. Im Gegenteil, ich hatte es ja angeblich verdient. Der Gedanke, dass ich nicht genüge, dass ich nichts wert bin, hat mich auch noch als Erwachsene viele Jahre beschäftigt.

Rückblickend betrachtet, ist meine Mutter hoch toxisch und vor allem narzisstisch, lebt nur im Außen und ist drinnen ganz klein. Und mein Vater ist schlichtweg ignorant und schwach. Aber das Ganze hatte eben seine Folgen. Im Alter ist meine Mutter etwas gemäßigter, aber das Verhältnis ist kaputt.

Lange Zeit war ich identitätsgestört.

Ich habe mehrere Therapien machen müssen, um überhaupt klarzukommen im Leben. Ich wusste viele Jahre nicht, wer bin ich überhaupt. Ich bin beruflich weit unter meinen Möglichkeiten geblieben, weil ich viel Zeit zum Verarbeiten gebraucht habe und Energie gefehlt hat. Von der fehlenden Orientierung mal abgesehen. Dabei bin ich nachweislich überdurchschnittlich intelligent, habe studiert, so, wie es meine Eltern erwartet haben.

Mit 37 wurde ich ungeplant und ungewollt schwanger. Als ich meine Eltern angerufen habe, um es ihnen zu sagen, war das einzige, was meiner Mutter einfiel: ‚Oh nein, was das wieder kostet, darüber muss ich jetzt erstmal mit dem Papa reden.‘ Ich habe dann wütend gesagt, dass sie gefälligst mit mir sprechen soll. Sie hat einfach aufgelegt.

Ich habe mich dann für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden.

Heute, nach vielen toxischen Beziehungen, wie soll es auch anders sein, habe ich wenigstens eine glückliche Beziehung. Aber ich habe nie meine eigene Familie gründen können. Ich bin inzwischen über 40 und habe trotz allem noch Kontakt zu meinen Eltern.

Als ich 40 war, gab es noch mal einen Streit, bei dem mein Vater die Hand gegen mich erhob, was ich so unglaublich fand, dass ich ihn ebenfalls ohrfeigte und ihm sagte, dass ich ihn anzeigen werde, sollte das noch mal passieren und, dass es dann vorbei wäre mit dem Kontakt zu mir. Er hat mich angeschaut wie nach einem Weckruf und sich abgewendet. Seitdem hat es sich, vor allem durch die Anwesenheit meines Mannes, ein wenig beruhigt.

Bis heute ist unser Verhältnis kein freies und normales.

Oft habe ich mich gefragt, weshalb meine Mutter mich überhaupt bekommen hat. Wahrscheinlich, weil es für sie einfach dazugehört hat, zwei Kinder zu bekommen. In meinem Sinne war es jedenfalls nicht. Oftmals hatte ich als junge Erwachsene den Wunsch, nie geboren worden zu sein. Dass ich ein Mädchen war, war wohl irgendwie der Fehler, denn zu meinem Bruder war sie oft anders.

Ich habe häufig mit mir zu tun und bemerke heute noch, dass ich in vielerlei Situationen zwischenmenschlich zu kämpfen habe. Viele Traumata sind heute von mir bearbeitet und geheilt, aber dennoch hat es ein Leben lang einen Einfluss auf einen, wie das Verhältnis zur Mutter ist.”


Liebe Kathrin, vielen Dank, dass du uns deine Geschichte anvertraut hast. Wir wünschen dir alles Liebe für die Zukunft!

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg. Am liebsten erkunde ich mit ihm die vielen grünen Ecken der Stadt.

Auch wenn ich selbst keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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