Namensforscher Knud Bielefeld: „Es werden immer mehr ungewöhnliche Vornamen vergeben“

Jedes Jahr werden sie mit Spannung erwartet. Die Listen mit den beliebtesten Babynamen des letzten Jahres. Während einige Eltern voller Vorfreude nachschauen, ob es der Name ihres Kindes in die Top 10 geschafft hat, drücken andere fest die Daumen, dass sie ihren Lieblingsnamen nicht in der Liste finden. Einer der Herausgeber dieser Listen ist Namensforscher Knud Bielefeld. Seine Top 10 sorgen auch bei uns jedes Jahr wieder für Diskussionen – und die ein oder andere Überraschung.

Wie die jährlichen Listen der beliebtesten Babynamen zustande kommen, welche Trends es in den letzten Jahren bei der Namenswahl gab, und welche Tipps der Namensforscher für werdende Eltern hat – das alles und viel mehr hat Knud Bielefeld uns im Interview verraten.

„Ich bin nicht der Meinung, dass man seine Kreativität unbedingt bei der Namensfindung ausleben muss.“

Als wir einen Namen für unseren Sohn gesucht haben, habe ich einen meiner Favoriten nur schweren Herzens von der Liste gestrichen. Den Namen „Ben“ fand ich einfach schon immer toll. Aber mich hat es abgeschreckt, dass er in den Jahren davor auf der Liste der beliebtesten Jungennamen immer ganz vorn mit dabei war. Die Vorstellung, dass sich auf dem Spielplatz später drei Kinder umdrehen, wenn ich ihn rufe, fand ich nicht wirklich toll.

Dabei ging es uns eigentlich gar nicht darum, einen möglichst originellen und einzigartigen Namen zu finden. Aber ein bisschen individueller durfte er schon sein. Und damit waren wir offenbar nicht allein. Denn wenn man sich in unserer Community umschaut, legen immer mehr Eltern Wert darauf, ihren Kindern einen besonderen Namen zu geben.

Das ist auch für Namensforscher Knud Bielefeld einer der größten Trends in den letzten Jahren. Die Top-Listen der beliebtesten Babynamen veröffentlicht der regelmäßig auf seiner Seite beliebte-vornamen.de. Was er uns sonst noch zum Thema verraten hat, und welche Babynamen es seiner Meinung nach in den nächsten Jahren ganz nach vorn schaffen, lest ihr hier:

1. Lieber Herr Bielefeld, Sie sind Wirtschaftsinformatiker und erstellen jedes Jahr eine Liste mit den beliebtesten Babynamen in Deutschland. Woher kommt Ihr Interesse an Vornamen und wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Datenbank anzulegen?

„Woher der Anstoß kam, mich überhaupt mit Vornamen zu beschäftigen, weiß ich nicht mehr. Mir war aber aufgefallen, dass mein Vorname Knud verhältnismäßig selten war im Gegensatz zu Namen wir Thomas, Michael und Stefan, die in meinem Alter sehr häufig sind. Weil aber für Deutschland kaum brauchbare Informationen verfügbar waren, welche Vornamen häufig und welche selten sind, habe ich selbst entsprechende Daten gesammelt und für jeden Geburtsjahrgang seit 1890 Vornamen-Hitlisten ermittelt.“

2. Woher bekommen Sie die Daten bzw. welche Daten werten Sie dafür aus?

„Für die aktuellen Babynamen-Hitlisten werte ich einerseits die Babygalerien von Geburtskliniken aus, andererseits die Vornamenlisten von Standesämtern.

3. Von wie vielen Geburtskliniken in Deutschland bekommen Sie denn die Meldungen, und wie viele Daten werten sie jährlich aus?

„Für den Jahrgang 2021 habe ich Geburtsmeldungen von mehr als 600 Geburtskliniken und Standesämtern erfasst. So kann ich die Vornamen von mehr als 40 Prozent aller in Deutschland geborenen Babys auswerten.“

4. Wie lange brauchen Sie für die Auswertung?

„Die Sammlung und Aufbereitung läuft über das ganze Jahr, dabei stoppe ich keine Bearbeitungszeit. Die aktuelle Hitliste ist dann dank vorbereiteter Skripte in Sekundenschnelle ausgewertet.“

5. Welche Trends konnten Sie als Namensforscher in den letzten Jahren beobachten?

„Ein großer Trend ist die Individualisierung – es werden immer mehr ungewöhnliche Vornamen vergeben. Immer beliebter wird es, Kurz- und Koseformen von etablierten Namen als amtlichen Namen eintragen zu lassen. Im Trend sind einerseits Retronamen, also Vornamen, die vor hundert Jahren schon beliebt waren und jetzt wieder aufgegriffen werden, andererseits internationale Vornamen, besonders skandinavische und englische.

6. Gibt es dabei regionale Unterschiede? Welche Vornamen mögen Eltern im Norden, Süden, Osten, Westen aktuell?

„Im Osten sind englische Vornamen und Retronamen besonders beliebt. Im Norden kommen skandinavische und friesische Vornamen relativ häufig vor. Im Süden halten sich Vornamen länger in den Hitlisten, die anderswo schon aus der Mode gekommen sind. Im Westen tauchen Vornamen mit arabischer oder türkischer Herkunft relativ häufig in den Vornamenhitlisten auf.“

7. Wodurch werden Eltern bei ihrer Namenssuche beeinflusst?

„Durch die ganze Welt und noch viel mehr.“

8. Können Sie sagen, worauf Eltern bei der Namenssuche am meisten Wert legen?

„Für die meisten Eltern ist es am wichtigsten, dass der Name gut klingt.“

9. Warum kommen einige Namen immer wieder in Mode?

„Kommen sie das? Darüber weiß ich nichts.“

10. Woran liegt es, dass einige Vornamen automatisch negativ besetzt sind? Woher kommen die Klischées bzw. Vorurteile? (z. B. Jaqueline, Kevin …)

„Das wüsste ich auch gern.“

11. Warum legen (zumindest gefühlt) immer mehr Eltern Wert auf einen ganz besonderen, möglichst außergewöhnlichen Vornamen? Und tun sie ihrem Kind damit einen Gefallen?

„In einigen Kreisen gilt es als verpönt, einen gebräuchlichen Vornamen zu vergeben, weil die Eltern dann als unkreativ gelten. Einige Eltern sind der Meinung, dass nur ein besonderer Vorname der Individualität des Kindes gerecht wird.

Ich bin nicht der Meinung, dass man seine Kreativität unbedingt bei der Namensfindung ausleben muss. Es geht dabei weniger um die Bedürfnisse der Eltern, sondern um die des Kindes, denn das muss sein ganzes Leben lang mit dem Vornamen zurechtkommen.

Trotzdem gibt es auch außergewöhnliche Vornamen, die mir gefallen. Meine Beschäftigung wäre ja sehr langweilig, wenn es keine neuen Vornamen mehr geben würde.“

12. Welche Tipps geben Sie werdenden Eltern für die Namenssuche? Worauf sollten sie bei der Auswahl des Vornamens unbedingt achten?

„Ich empfehle, die gängige Rechtschreibung zu wählen und ungewöhnliche Schreibweisen zu vermeiden. Es macht einen bekannten Vornamen nicht zu einem besonderen Vornamen, nur weil er anders geschrieben wird. Dafür erschwert so ein Vorname das Leben der namenstragenden Person.

Aus praktischen Gründen sollte man unbedingt davon absehen, Sonderzeichen zu verwenden, die auf den deutschen Tastaturen nicht ohne Weiteres getippt werden können.

13. Worauf kommt es bei Geschwister- oder Zwillingsnamen an?

„Bei der Vergabe von Geschwisternamen sollte man darauf achten, dass ein gewisses Gleichgewicht herrscht und nicht einerseits sehr außergewöhnliche Vornamen, andererseits sehr bekannte Namen ausgewählt werden. Auch sollten alle Geschwister gleich viele Vornamen bekommen.“

14. Welche NoGos gibt es aus Ihrer Sicht bei der Namenssuche?

„In einigen Familien bekommt traditionell der erste Sohn denselben Rufnamen wie der Vater. Das ist extrem unpraktisch und deshalb rate ich davon ab.“

15. Welches war der verrückteste (abgelehnte oder zugelassene) Vorname, den Sie bisher gehört haben?

„Da möchte ich keinen Namen herausstellen. Hinter jedem Namen steckt ein Mensch.“

16. Ihre Prognose: Welche Babynamen werden es in den nächsten Jahren in die Top 10 schaffen und warum?

„Ich kann mir vorstellen, dass Theo und Liam, sowie Mathilda und Clara demnächst in den Top 10 auftauchen. Für diese Prognose habe ich analysiert, wie stark der Aufwärtstrend der aufstrebenden Vornamen ist. Ich kann aber nicht vorhersehen, ob aktuelle Ereignisse und neue Namensvorbilder zu einer Trendumkehr führen.“

Vielen Dank für das Interview!

Dann sind wir gespannt, ob Knud Bielefeld mit dieser Prognose richtig liegt!

Jetzt wollen wir es natürlich wissen: Worauf habt ihr bei der Namenswahl für euer Kind bzw. eure Kinder besonderen Wert gelegt? Für welche Namen habt ihr euch entschieden? Und gab es auch NoGos bei eurer Auswahl? Verratet uns eure Meinung in den Kommentaren –

wir freuen uns!
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Unser Interviewpartner: Namensforscher Knud Bielfeld

Namensforscher Knud Bielefeld

Namensforscher Knud Bielefeld

Knud Bielefeld ist einer der bekanntesten Namensforscher in Deutschland. Seit 1996 wertet er regelmäßig Geburtsmeldungen aus ganz Deutschland aus und erstellt daraus eine Liste mit den aktuell beliebtesten Babynamen. Auf seiner Internetseite beliebte-vornamen.de veröffentlicht der Namensexperte jedes Jahr die Top-Liste, dabei gehen die Top 100 sogar bis ins Jahr 1890 zurück. Bei den aktuelleren Hitlisten bekommt ihr außerdem Infos zu regionalen Unterschieden, den beliebtesten Erst- und Zweitnamen, sowie eine Statistik zu den häufigsten Anfangsbuchstaben.

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern.

Seit 2015 sind wir Eltern einer zauberhaften Tochter. Zwei Jahre später kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und unsere Familie war komplett. Zusammen sind die beiden ein unschlagbares Team, das sich nur allzu gern gegen Mama und Papa verbündet.

Abgesehen von meiner Familie liebe ich den Hafen, fotografiere gern und gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für SEO und Social Media ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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Trine
Trine
1 Jahr zuvor

Wirklich ein sehr interessantes Interview, das Respekt gegenüber Namen und Menschen zeigt. Im Großen und Ganzen kann ich nur zustimmen. Allerdings gehöre ich zu den Menschen, die schon an Mangel an Kreativität der Eltern denkt, wenn ich zum 10. Mal Noah höre oder so. Bei meinem Sohn habe ich den Mittelweg gewählt. In Deutschland nur selten, aber leicht zu sprechen und schreiben. Mir war es wichtig, keinen Namen meiner Generation zu nehmen, da ich sonst immer an Leute aus der Schulzeit denke.

Elena
Elena
1 Jahr zuvor
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Der Vorname unseres Sohnes fängt mit dem 1. Buchstaben des Vornamens der Mama an. Der Vorname der Tochter fängt mit dem 1. Buchstaben des Papas an. Beide Vornamen wurden aus den Vornamens-Buchstaben ihrer Eltern zu neuen Vornamen zusammen gesetzt.
Kinder Initialen sind also auch gleich Elterninitialen. Beim Unterschreiben sieht das ziemlich harmonisch aus. Im Autokennzeichen haben wir diese Buchstaben auch bekommen. Allgemein sehen wir zusammen viele Vorteile durch diese Namenswahl.

Magdalena
Magdalena
1 Jahr zuvor

Bei 4 Kinder stand vor Geburt fest bzw schon lange vor Zeugung wie sie mal heißen .Nur beim 1 Kind musste ich den vorgesehenen Namen(auch vorher schon bekannt)umändern, da Schwägerin den schon vor uns genommen hat.Der Name ist aber ähnlich wie der vorher ausgesuchte.

Magdalena
Magdalena
1 Jahr zuvor

Des mit den Namen den ersten Sohn geben ,fand ich Anfang der 90er ok, würde ich nie mehr machen.Namen von erster Tochter stand schon 13 Jahre vorher fest.Sohn Nr 2 hat ein Namen ,der auch net oft gibt hier in Umkreis. Tochter Nr 2 hat Mann ausgesucht ,auch kein weiters Kind mit diesen Namen in Umkreis und Tochter Nr 3 heißt wie meine Mutter ,also ein Namen der in den 30er gängig war und daher kein Kind mit diesen Namen im weiten Umkreis.Deutschlandweit grad 7x vergeben ,aba da anders geschriebn.Es sind bei alle ganz normale deutsche Vornamen.Meine Kinder sind eh was besonders und brauchen daher kein Namen, den keiner richtig aussprechen ,geschweige schreiben kann.

Jenny
Jenny
1 Jahr zuvor

Bei den Namen unserer 4 Kinder war uns die Bedeutung sehr wichtig. Zudem konnte uns wollte ich keinen Namen wählen, den ich schon einmal bei einem anderen Kind gehört hatte.
Unsere Babys bekamen auch alle erst nach 3 bis 10 Tagen ihren Vornamen, den wir von einer Liste mit mindestens 10 Vorschlägen auswählten. Ich wollte den neuen Menschen immer erst kennen lernen, bevor ich mich entscheide.

Anje Leichsenring-Dinter
Anje Leichsenring-Dinter
1 Jahr zuvor
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Ich habe mich erst für den Namen meiner Jungs entschieden,als ich sie das erste Mal gesehen haben. Weil ich so ein außergewöhnlichen Vornamen habe, wollte ich ein Name,der bekannt ist.

Anne Weickardt
Anne Weickardt
1 Jahr zuvor

Liebes Team,

Ich habe euch vor kurzem geschrieben, dass mein Sohn Taro heißt und ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass es ein Name sein soll, den nicht jedes dritte Kind hat. Ich habe den Namen Taro ausgewählt, weil ich den Namen seit meiner Kindheit kenne und ich mein Herz aufgeht, wenn ich ihn höre und ich bin sehr froh, dass nicht viele Kinder in Deutschland so heißen. Warum ich immer in der Liste geschaut habe, verstehe ich jetzt auch nicht mehr, eigentlich soll ich froh sein, wenn ich ihn nicht finde. Ich liebe dieses Namen. Kurz, einfach zu schreiben und es ist kein Doppelname. Moderne Namen haben mich nie interessiert.

Beste Grüße, Anne Weickardt 🙂