Mein Kind braucht im Grundschulalter noch Windeln – was jetzt?

„Meine Tochter ist sechs Jahre alt und tagsüber schon lange trocken, aber das große Geschäft muss sie trotzdem noch in der Windel machen. Anatomisch ist alles in Ordnung, sie spürt, wann sie muss. Ich weiß nicht mehr weiter.” Diese Nachricht einer verzweifelten Mama erreichte uns kürzlich auf Facebook. Sie ist mit diesem Problem nicht alleine, trotzdem schämen sich viele Eltern, offen darüber zu sprechen, dass ihre Kinder noch nicht ohne Windel können.

Kinder, die zur Einschulung noch Windeln benötigen?

Zuletzt gab es zum Beispiel aus der Schweiz Meldungen, dass Kinder in der Primarschule (Grundschule) noch auf Windeln angewiesen sind. Dazu muss man wissen, dass die Kinder dort mit vier Jahren eingeschult werden. In diesem Alter kann es natürlich ab und zu vorkommen, dass die Kleinen noch Windeln brauchen, aber in letzter Zeit nimmt die Zahl der Schüler zu, die noch nicht „trocken” sind und die auch in den folgenden Jahren auf Windeln angewiesen sind. Wir haben HIER darüber berichtet.

Wir haben das Thema deswegen mit einer Expertin besprochen: Frau Dr. Dagmar Brandi, Kinder- und Jugendärztin sowie Psychotherapeutin, spricht mit uns über mögliche Gründe für spätes Trockenwerden und weiß Rat für Eltern, die mit der Situation überfordert sind.

Sollten Kinder selbst entscheiden, wann sie keine Windel mehr benötigen?

Laut Frau Dr. Brandi liegt die Wahrheit irgendwie dazwischen, doch mit 5 Jahren sind fast alle Kinder tags und nachts zuverlässig trocken und sauber. „Das Trocken- und Sauberwerden kommt meist ganz von selbst. Ihr Kind zeigt Ihnen, wann es so weit ist. Im Verlauf des zweiten und dritten Lebensjahres gibt es erste Hinweise.”

Woran Eltern erkennen, dass ihr Kind bereit ist für den nächsten Schritt? „Die meisten Kinder interessieren sich mit zwei Jahren so intensiv für ihren Körper und seine Ausscheidungen, dass sie bereit sind, etwas darüber lernen zu wollen. Das dauert ab dem Zeitpunkt meist um die 10 Monate. Mit drei Jahren sind die meisten Kinder dann tagsüber trocken.”

Was hält die Expertin vom „Töpfchentraining”?

„Der heutige Stand der Wissenschaft ist, dass das Ergebnis „das Kind ist trocken und sauber“ von vielerlei individuellen Faktoren abhängt und dass ein frühes um den ersten Geburtstag herum „Töpfchentraining“ den Prozess kaum abkürzt. Verzichten Eltern allerdings darauf, ihrem Kind gewisse Entwicklungsanreize zu geben, kann es sein, dass der richtige Zeitpunkt verpasst werden kann.

Dann kommt spätestens der Druck, die Windel loszuwerden mit der Einschulung, damit das Kind nicht ausgelacht wird. Doch Druck bei diesem Thema führt meist zum Gegenteil des gewünschten Effekts.”

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Anreize zu setzen?

„Je nach Umfeld ein bisschen früher oder ein wenig später, fördern die Eltern die Selbständigkeit ihrer Kinder auch in diesem Bereich, indem sie ihnen helfen, die großen Kinder und Erwachsenen nachzuahmen und indem sie sie bei Erfolg loben oder andere Entwicklungsanreize anbieten. Das ein ‚bisschen früher oder später‘ liegt daran, wie das Klima ist, ob eine Wachmaschine vorhanden ist, ob es Windeln zu kaufen gibt und wie bereit die Gruppe ist, ein noch nicht trockenes oder sauberes Kind aufzunehmen.

Der Wille allein genügt da aber nicht! Auf den Zeitpunkt, wann es wirklich gelingt, windelfrei zu sein, können die Eltern nur bedingt Einfluss nehmen. In erster Linie ist dafür nämlich eine körperliche Reifung erforderlich, die zudem familiäre Wurzeln haben kann.”

Was ist die Voraussetzung für die körperliche Reifung?

„Wenn es ein Kleinkind geschafft hat, frei laufen zu können, übt es diese neue Errungenschaft überall ein und trainiert damit nicht nur seine Beinmuskulatur und sein Gleichgewicht, sondern auch seine Rumpfmuskulatur und den Beckenboden. Hier verlaufen kompliziert angeordnet Muskelstränge, die beim aufrechten Gang die Blase und den Darm und viele andere Bauchorgane an Ort und Stelle halten. Es entwickelt sich ein fein abgestimmtes Miteinander von Halten und Loslassen, welches sowohl unwillkürlich wie auch bewusst geschieht.”

Wie Eltern Impulse zum Trockenwerden geben können

„Wenn die Blase voll gelaufen ist, spürt das Kind den Druck und wird unruhig. Aufmerksame Eltern bemerken das und benennen es zum Beispiel, indem sie sagen: ‚Kann das sein, dass du Pipi machen möchtest?‘ Sie helfen dem Kind, sich freizumachen und sich in der Hocke zu entspannen und zu warten, ob ein Tröpfchen kommt. Das loben sie dann.

Von dieser ersten Erfahrung, bis zur bewussten Kontrolle des Schließmuskels am Tag, vergehen viele Wochen. Das Kind macht die Erfahrung, dass es sich ‚erleichtert‘ hat. Ganz besonders wichtig sind ein bequemer Sitz und die Ansprache.

Beim Trockenwerden geht um die Entwicklung von Selbstständigkeit.

Jeder Fortschritt in Richtung Autonomie kann aber beim Kind noch einmal ein erhöhtes Bindungsbedürfnis hervorrufen. Wenn Eltern ermutigend begleiten und für Entspannung sorgen, helfen sie ihrem Kind. Wenn sie Druck ausüben, verkrampft es sich und dies kann den Entwicklungsprozess verlängern. Je sicherer sich das Kind fühlt, um so besser kann es ‚loslassen‘.

Für trockene Nächte sollte nach 18.00 Uhr nur noch ganz wenig getrunken werden. Das ist für Kinder, die lange gestillt wurden oder nachts noch die Flasche bekommen, ein riesiges Problem.”

Tipps von der Expertin: Das Kind auf dem Weg zum Sauberwerden unterstützen

  • Achte auf die ersten Hinweise deines Kindes, dass es langsam bereit ist, sauber zu werden.
  • Übe mit ihm spielerisch den Toilettengang ein, und zeige ihm Schritt für Schritt, was es tun muss, um erfolgreich auf die Toilette zu gehen: Wie man die Hose aufmacht und herunterzieht, sich richtig auf die Toilettenbrille setzt und dann erst Wasser lässt.
  • Lobe Dein Kind für jeden Schritt auf dem Weg, trocken und sauber zu werden.
  • Bleibe möglichst gelassen und schimpfe nicht, wenn einmal etwas schief geht. Das gehört dazu.
  • Achte darauf, dass der Toilettengang nicht zum „Stress“ wird, und übe keinen Druck aus, indem du zum Beispiel ständig nachfragst.
  • Nutze Hilfen wie Toilettenaufsatz oder Töpfchen.

Hilfreiche Rituale, um das Kind beim Trockenwerden zu unterstützen

„Meist gehen Kinder nach dem Aufstehen und den Mahlzeiten auf das Töpfchen oder den Klositz und bleiben, bis ein Tröpfchen kommt. Regelmäßiges Trinken ist wichtig. In der Nacht wird ein Stoff nicht gebildet, der den Urin konzentriert. Wenn es gar nicht mit dem Trockenwerden klappen sollte, kann es sein, dass dieser Stoff nicht ausreichend vorhanden ist. Da könnte ein Kinderkalender mit Sonnen für trockene Nächte motivieren. Wenn es nicht klappt, ist schimpfen oder beschämen verboten.

Scham ist ein schwieriges Gefühl. Es entsteht im Alter von zwei Jahren, also ausgerechnet, wenn Kinder die Erfahrung machen, dass sie nicht ausreichend Kontrolle über ihre Körper haben.
Erfolgserlebnisse hingegen helfen! Wichtig kann bequeme Kleidung sein, ein genialer Toilettenaufsatz, Bilderbücher zum Thema Klo.”

Was kann dahinterstecken, wenn Kinder sich nicht von der Windel trennen wollen?

Ein Grund für die Windelbegeisterung kann die Neugierde der Kinder sein, wie Frau Dr. Brandi erklärt: „Für die Kinder kann es aufregend sein, zu sehen was aus ihrem Bauch kommt. Sie wollen es ungern mit der Klospülung vernichten. Um das zu verhindern, lassen manche Kinder sich eine Windel anziehen, um dann selbstständig die Windel mit dem wertvollen Inhalt zur Mülltonne zu bringen. Irgendwie erinnert es an einen Geburtsakt. Interessanterweise machen das Kinder gern, die gerade selbst ein Geschwisterchen bekommen haben.”

Doch womöglich fühlt sich das Kind auf der Toilette einfach nicht wohl: „Viele Kinder sitzen ungern auf der Toilette. Daher sollten Eltern einen Toilettensitz mit viel Gemütlichkeit und Unterhaltung anbieten. Je entspannter desto besser. Jede Anspannung stört das komplizierte Muskelspiel zwischen An- und Abspannung. Nach zu viel Zusammenkneifen lieber mal eine Pause machen!”

Doch auch Ängste oder Schmerzen könnten der Grund sein

„Manche Kinder haben Angst, das große Geschäft zu machen, weil sie schon mal eine kleine Verletzung an der Afterschleimhaut hatten, die richtig schmerzte. Da kann ein Kinderarzt helfen: er sucht die Schleimhaut ab, macht ein Ultraschall und gibt Medikamente zum Weichermachen des Stuhls. Ein Kind, das länger einkotet, kann auch Erlebnisse schlecht verarbeitet haben und benötigt dann fachliche Hilfe. Das Hauptproblem ist zu großer Druck.

Auch sonst muss man mit kleinen Rückfällen rechnen. Dann bitte sofort den Druck rausnehmen! Und regelmäßige entspannte Toilettenbesuche einplanen. Auch Kinder, die schon richtig trocken sind, können noch mal kleine Rückfälle haben. Irgendwann klappt es dann bestimmt. Bloß nicht mit anderen vergleichen! Wir sind eben sehr unterschiedlich und das Gras wächst bekanntlich nicht schneller, wenn man daran zieht.”

Vielen Dank an unsere Expertin, Frau Dr. Dagmar Brandi, für ihre fachliche Einordnung!
Frau Dr. Dagmar Brandi.

Frau Dr. Dagmar Brandi

Dr. Dagmar Brandi ist Kinder- und Jugendärztin sowie Psychotherapeutin. Sie unterstützt Eltern außerdem mit entwicklungspsychologischen Beratungen und ist Teil der Babyambulanz „Von Anfang an”.

Lena Krause
Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und übe mich als Patentante (des süßesten kleinen Mädchens der Welt, versteht sich). Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert. Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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