Krebs mit 31: „Ich wollte endlich aus diesem Alptraum aufwachen“

Nina ist 31, als eine furchtbare Diagnose sie aus der Bahn wirft: Mit 31 Jahren stellen die Ärzte bei der Zweifach-Mama Gebärmutterhalskrebs fest. Sie muss eine große OP überstehen, dann folgen Chemotherapie und Bestrahlung. Ihre Erfahrungen hat Nina in einem Brief an ihre Kinder aufgeschrieben – und möchte damit anderen Frauen Mut machen.

Statt Blasenentzündung fand der Frauenarzt einen Tumor

Manchmal trifft einen das Leben aus heiterem Himmel. Völlig unvorbereitet und mit voller Wucht. So wie bei Nina (echter Name ist uns bekannt) aus unserer Community. Als die heute 32-Jährige vor einigen Monaten zum Arzt geht, denkt sie, dass sie eine Blasenentzündung hat. Kurze Zeit später ist plötzlich nichts mehr, wie es war. Denn der Arzt findet einen großen Tumor an ihrem Gebärmutterhals. Die Diagnose ist ein riesiger Schock! Aber Nina kämpft – für sich, ihren Mann und ihre beiden Kinder. Ihre Tochter Hannah ist 3 Jahre alt, ihr Sohn Finn inzwischen 1.

Nach all den Wochen zwischen Chemo, Bestrahlung, Hoffen und Bangen hat Nina den beiden einen emotionalen Brief geschrieben.

Und der soll auch anderen Frauen Mut machen:

„Liebe Hannah, lieber Finn,

manchmal schlägt das Leben zu. Unerwartet. Mit einem Vorschlaghammer und mit voller Wucht.

Wisst ihr, wie wichtig tiefe Wurzeln sind, die alles zusammenhalten? Und dass nach jedem Unwetter die Sonne wieder scheint? Dass wir Krisen brauchen? Sie bringen uns dazu, uns wieder zu fokussieren. Wir brauchen auch den Schmerz, denn er lehrt uns Dankbarkeit. Wir brauchen Herausforderungen und schlechte Erfahrungen – um herauszufinden, was wir wirklich vom Leben wollen.

Ihr zwei Lieben. Ich erzähle euch nun, welche Herausforderung wir in den letzten Monaten gemeinsam gemeistert haben. Ich bin mir nicht sicher, wie viel ihr davon tatsächlich mitbekommen und verstanden habt. Ihr seid noch so klein. Dennoch möchte ich euch mit auf den Weg geben, was ich aus dieser Zeit mitnehme.

Alles begann im März 2020. Ich ging zum Arzt, weil ich glaubte, eine Blasenentzündung zu haben. Stattdessen stellte der Frauenarzt eine sehr große, blumenkohlartige Zellwucherung vor meiner Gebärmutter fest. Ich sah an seinen Augen und seiner Körpersprache, wie beunruhigt er war. Zwei Tage später rief er mich an, um mir das Laborergebnis mitzuteilen: Krebs.

Während ihr mit Opa im Wohnzimmer gespielt habt, wurde um mich herum plötzlich alles dunkel.

Ich hörte nur noch einzelne Worte. Groß, bösartig, schnellwachsend. Nicht sicher, ob er schon gestreut hat. Große OP. Wir beendeten das Telefonat.

In Zeitlupe ging ich die Treppe nach unten. Im Flur kam mir euer Opa entgegen. Ihr zwei sprangt vergnügt umher und spieltet fangen. Finn hatte gerade ein paar Tage zuvor angefangen zu laufen. Ich erinnere mich, wie ich sagte: „Papa, ich habe Krebs“. Er nahm mich in den Arm, und dann konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Unfähig euren Papa anzurufen, bat ich euren Opa, das zu übernehmen.

Es war surreal, wie in einem Alptraum.

Sicher würde ich gleich aufwachen und feststellen, dass ich alles nur geträumt hatte. Krebs mit 31 Jahren. KREBS! Das konnte doch unmöglich wahr sein. Schon seit Jahren ging ich im halbjährlichen Turnus zu meinen Vorsorgeuntersuchungen. Schließlich kam euer Papa durch die Tür. Er nahm mich in die Arme und versuchte, mich zu trösten. Und dann kam eine gewaltige Maschinerie ins Rollen.

Nur fünf Tage nach der Diagnose stellte ich mich bei einem Spezialisten in der Uniklinik vor. Der Arzt untersuchte mich und erkannte den Ursprung der Wucherung im Gebärmutterhals. Gebärmutterhalskrebs, so lautete seine Diagnose. Wieder hörte ich nur Wortfetzen. Krebs. Schnellwachsend, aggressiv, groß. So schnell wie möglich OP.

Die große Operation – die Entfernung der Gebärmutter und 22 Lymphknoten sowie die Versetzung der Eileiter – wurde für zwei Tage später anberaumt.

Ich hatte Angst vor der OP.

Große Furcht davor, dass der Tumor bereits gestreut haben könnte. Ich hatte tatsächlich Todesangst, war mit den Nerven am Ende. Und dann würde ich auch noch an deinem ersten Geburtstag, lieber Finn, nicht da sein.

Die OP dauerte knapp vier Stunden und verlief ohne Komplikationen. Als ich aufwachte, stand der Arzt neben mir. Er verkündete, dass die Lymphknoten, Venen und auch das umliegende Gewebe tumorfrei waren. Ich war so erleichtert.

Die folgenden Tage im Krankenhaus waren vor allem von Schmerzen geprägt. Jede Bewegung war ein Kampf, dazu der Katheter und die Drainage. Verbissen kämpfte ich mich mehrmals am Tag aus dem Bett, um wieder in Bewegung zu kommen.

Ich wollte doch schnellstmöglich wieder fit sein – für euch.

Und dann war der große Tag gekommen, Finn, dein erster Geburtstag. Dein Papa und eure Großeltern haben sich sehr viel Mühe gegeben, mich teilhaben zu lassen. Unzählige Fotos und Videos erreichten mich, alle wichtigen Ereignisse wurden festgehalten:
Wie du mit ungeschickten Fingerchen versuchst, die Geschenke auszupacken. Wie du die Lippen spitzt und probierst, die Kerze auf deinem Kuchen auszupusten.

Es war unglaublich schwer für mich, dass ich an diesem besonderen Tag nicht bei dir sein durfte. Und noch schwerer wog der Gedanke, dass das Organ, das mir genau ein Jahr zuvor ein zweites, kerngesundes Wunder geschenkt hatte, mich das Leben hätte kosten können. Absurd und unwirklich. Ich war in einem Alptraum gefangen.

Ich wollte endlich aufwachen.

Nach Tagen im Krankenhaus kam ich endlich nach Hause. Ich war körperlich anwesend, konnte aber nicht so für euch da sein, wie ihr es gewohnt wart. Papa, die Omas und Opas kümmerten sich rührend um mich und um euch.

Etwa sieben Wochen später hatte ich mich einigermaßen von der OP erholt. Dann kam bereits der nächste Schlag: Ich sollte mich einer kombinierten Radio-Chemotherapie unterziehen. Nicht etwa, weil noch Tumorzellen übrig waren – sondern weil die Ärzte mir aufgrund meines noch jungen Alters dazu rieten, einen radikaleren Schritt zu wählen. Um auf Nummer sicher zu gehen, dass nicht doch irgendwo noch eine Krebszelle schläft und auf ihren ,großen Auftritt` wartet.

Fünf Mal Chemo, 25 Mal Bestrahlung. Ich ahnte bereits, dass dies kein Spaziergang sein würde.

Die Chemos und die Bestrahlungen hatten starke Nebenwirkungen. Ich kam mir vor, als würde ich neben mir stehen. Ich sah in den Spiegel, aber ich erkannte mich nicht. Ich war bleich, mir war übel, schwindelig, ich hatte keine Kraft. Von der einst energiegeladenen Person war im Spiegel nichts mehr zu sehen. Vom Bett ins Bad zu gehen, fühlte sich an wie ein Marathon. Der Alltag, sofern davon noch etwas übrig war, ein unvorstellbarer Kraftakt. Trotz allem riss ich mich zusammen. Ich wollte nicht, dass ihr seht, wie schlecht es mir wirklich geht. Ich wollte euch ein Gefühl von Normalität vermitteln.

Manchmal habe ich mich gefragt, wie ich das alles aushalte. Und dann habe ich weitergemacht.

Ihr seid beide noch so klein und habt meine ganze Aufmerksamkeit gefordert. Gleichzeitig habt ihr mir immer wieder neuen Mut und eure Energie geschenkt, um die Tortur zu meistern. Jedes ausgelassene Kichern, Rumtoben, jede Umarmung und jeder kleine Schmatzer gaben mir die Kraft, durchzuhalten.

Endlich war die Behandlung abgeschlossen. Es dauerte etwa zehn Tage, bis es mir langsam besser ging. Trotzdem war ich nicht in der Lage, in unser vorheriges Leben zurückzukehren. Ich fühlte mich schwach, ausgelaugt, am Ende meiner Kräfte. Deshalb entschieden wir, dass ich mich für drei Wochen in einer Reha-Klinik erholen sollte. Mit Sicherheit die beste Entscheidung für meine Gesundheit – allerdings musstet ihr schon wieder drei Wochen lang auf mich verzichten.

Es brach mir wieder einmal das Herz, als wir uns verabschiedeten.

Papa und ich waren am Ende unserer Kräfte, die Nerven zum Zerreißen gespannt. Wochenlang haben wir eine Achterbahn der Gefühle durchlebt. Wir haben versucht, stark für euch zu sein. Der Fels in der Brandung, der euch zeigt, dass ihr euch nicht zu sorgen braucht – und alles wieder gut wird.

Ihr seid so tapfer gewesen, all die vielen schweren Wochen hindurch – habt uns ertragen, wenn wir gereizt und bekümmert waren. Ihr habt es immer wieder geschafft, uns im richtigen Moment aufzumuntern.

Ihr seid so stark, ihr zwei großen Kleinen. Ihr wisst gar nicht, wie großartig ihr seid.

Wie viel Kraft und Lebensfreude ihr uns schenkt. Ich hoffe, euch wurde durch diese Erlebnisse nicht ein Stück eurer Unbeschwertheit genommen. Zum Leben gehören Höhen und Tiefen dazu. Und egal, wie tief der Abgrund scheint, irgendwann erklimmt man die Schlucht und sieht wieder Licht. Gesundheit, Familie, Freunde – das sind die Grundpfeiler in unserem Leben. Sie helfen uns, das zu sehen, was wirklich wichtig ist. Sie halten alles zusammen und tragen uns durch die schweren Zeiten. Man kann sich nicht immer aussuchen, was im Leben passiert. Aber man kann sich jeden Tag aufs Neue entscheiden, wie man damit umgeht.

Endlich bin ich aufgewacht. Ich erkenne mich wieder. Ich schaue nur zurück, um zu sehen, wie weit ich gekommen bin.
Eure Mama“

Liebe Nina, wir danke dir für deine offenen und Mut machenden Worte!

Wir freuen uns auf deine Geschichte

Hast Du etwas ähnliches erlebt oder eine ganz andere Geschichte, die Du mit uns und vielen anderen Mamas teilen magst? Dann melde Dich gern! Ganz egal, ob Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Mamaleben, besonders schön, ergreifend, traurig, berührend, spannend oder mutmachend – ich freue mich auf Deine Nachricht an wiebke@echtemamas.de

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Ich liebe den Hafen, fotografiere gern, gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Social Media und Texte ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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