„Ich wünschte, ich hätte mir diese 10 Minuten Auszeit nicht genommen.”

Elaine Roth erinnert sich noch genau an den Morgen, an dem ihr junger Ehemann vom Krankenhaus ins Hospiz verlegt wurde. Es sollte der Tag werden, an dem sie den größten Fehler ihres Lebens begehen würde.

Sie brachte ihre Kinder zum Schulbus und dann wollte sie eigentlich direkt ins Krankenhaus fahren, um für ihren Mann da zu sein, der gerade umringt von fremden Ärzten und Pflegepersonal für den Transport vorbereitet wurde. Doch Elaine konnte einfach nicht mehr, wie sie auf Scarymommy erzählt.

Die Anstrengungen der letzten Monate holen sie ein.

Ihr Mann, der einen Hirntumor hatte, wird nun seine letzte Reise antreten. Elaine weiß zu diesem Zeitpunkt einfach nicht, wie ihre Familie die dunklen Zeiten, die nun auf sie zukommen werden, bewältigen soll.

„Ich erinnere mich daran, dass ich zehn Minuten für mich gebraucht habe. 10 Minuten, in denen ich mich ängstlich, müde und traurig fühlen durfte. 10 Minuten, um mich gehenzulassen, um zusammenzubrechen.” Denn sie weiß, bald wird sie dazu keine Chance mehr haben, ihr Mann und ihre Kinder werden ihre körperliche und psychische Anwesenheit brauchen.

Elaine lässt sich auf den Spielteppich ihrer Kinder fallen und weint.

Sie denkt an die letzte medizinische Untersuchung ihres Mannes, die ihnen die letzte Hoffnung nahm. Nach 10 Minuten sammelt sie sich wieder und ahnt nicht, dass sie nichts in ihrem Leben so sehr bereuen würde, wie diese kostbaren Minuten.

Als ihr Blick auf die Uhr fällt, befürchtet sie, dass sie womöglich zu spät im Krankenhaus ankommen würde, um ihren Mann bei seinem Transport zu begleiten. Sie bekommt plötzlich Angst, dass sie in den ersten Momenten im Hospiz nicht bei ihm sein kann. „20 Monate lang habe ich mich um ihn gekümmert, war seine Konstante in einer fremden und beängstigenden Welt. Ich wollte jetzt nicht versagen.”

Also trifft Elaine eine folgenschwere Entscheidung.

Sie macht sich direkt auf den Weg ins Hospiz, um schon dort zu sein, wenn ihr Mann ankommt. Sie nimmt Kissen, Bilder der Kinder und Kuscheltiere mit, um das neue Zimmer ihres Mannes vorzubereiten: „Ich wollte, dass er dort von Liebe umgeben ist.”

Doch der Transport ihres Mannes verspätet sich, vier Stunden später ist Elaine immer noch alleine in seinem neuen Zimmer im Hospiz. Sie traut sich nicht, ins Krankenhaus zu fahren, aus Angst, dann seine Ankunft zu verpassen.

Als ihr Mann dann endlich eintrifft, ist er nicht mehr bei Bewusstsein.

„Er wachte nicht auf, als sie ihn ins Bett legten, er sah die Bilder der Kinder und die Kissen nicht, die ich für ihn bereitgelegt hatte. Auch am nächsten Tag wachte er nicht auf. Neun Tage lang saßen die Kinder und ich an seinem Bett.”

Als ihr Mann stirbt, denkt Elaine immer wieder daran, dass sie sich 10 Minuten Zeit für sich genommen hat, während ihr Mann seine letzten Worte mit dem Krankenhauspersonal sprach. Sie kann den Gedanken kaum ertragen, dass niemand für ihn da war, der ihn so liebte wie sie.

Jahrelang versuchte Elaine, die Schuldgefühle hinter sich zu lassen.

Erst wenige Tage vorher hatte ihr Mann eine große Gehirn-OP, nach der ihnen die Ärzte versicherten, dass er noch einige Wochen zu leben hätte. Keiner ahnte, dass er im Koma landen könnte. Heute weiß sie, dass ihre 10 Minuten, in denen sie sich gehenließ, menschlich waren. Kein Mensch muss sich dafür schämen, dass er nicht mehr kann. „Aber die Wahrheit ist, obwohl ich mir inzwischen verzeihen konnte, werde ich mir wahrscheinlich immer wünschen, dass ich eine andere Entscheidung getroffen hätte.”

Trotzdem schafft sie es manchmal, dankbar auf die 10 Minuten zurückzublicken, denn diese haben ihr die Stärke gegeben, die folgenden Tage durchzustehen und für die gemeinsamen Kinder da zu sein. Ihre Stimme war die erste, die ihren Mann im Hospiz liebevoll begrüßte, selbst wenn er das bewusst nicht mehr wahrnehmen konnte. Die Bilder und Kissen in seinem Zimmer haben ihr und den Kindern den Rücken gestärkt, als sie an seinem Bett warteten.

Heute weiß Elaine, dass ihre tiefe Reue sie nicht definieren darf.

„Reue ist gefährlich, sie kann wie ein Gift sein, dass das ganze Leben zerstört, wenn man ihr zu viel Macht gibt. Aber das Gefühl des Bedauerns soll nicht meine Geschichte bestimmen, denn es gibt noch so viel mehr, was sie ausmacht. Reue ist ein Teil von ihr, aber ich werde nicht zulassen, dass sie alles ist.

Lena Krause
Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg. Am liebsten erkunde ich mit ihm die vielen grünen Ecken der Stadt. Auch wenn ich selbst keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz. Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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