Zum Valentinstag erzählen wir ganz bewusst keine romantische Liebesgeschichte, sondern möchten auf die unzähligen Frauen aufmerksam machen, für die Liebe mit Gewalt verbunden ist. Jede vierte Frau in Deutschland wird mindestens einmal in ihrem Leben von ihrem Partner oder Ex-Partner misshandelt. Eine von diesen Frauen war Nora, die sich erst vor wenigen Monaten aus ihrer gewalttätigen Beziehung lösen konnte. Valentinstag symbolisiert für sie einen Neustart für sich und ihre kleine Tochter – ein Neustart in ein freieres Leben ohne Angst.
„Ich war 25 Jahre alt, als ich ungeplant schwanger wurde. Zu Beginn der Schwangerschaft waren der Vater meiner Tochter und ich noch kein Paar. Im ersten Drittel entschieden wir uns, eine Beziehung einzugehen.
Ich lebte zuvor allein und hatte einen Job, der mir Spaß gemacht hat. Während der Schwangerschaft zog ich zu ihm, gab meinen Job vorerst auf.
Ich dachte, wir schaffen das, auch wenn alles sehr schnell ging.
Aber schon früh gab es Wutausbrüche, Ausraster, Türen, die geknallt wurden, Beleidigungen, Stimmungen, die kippten. Er hat auch von Anfang an oft Alkohol getrunken – und es wurde immer mehr. Ich habe viel ausgehalten. Für das ungeborene Leben in mir. Für die Vorstellung von Familie. Ich dachte: ‚Liebe reicht.‘
Doch schon in der Schwangerschaft beschlich mich dieses Gefühl. Erst leise, fast unmerklich – dann immer stärker. Ein inneres Wissen: So kann es nicht ewig weitergehen. Auch wenn ich äußerlich noch geblieben bin – innerlich wusste ich längst, dass unser Leben so nicht aussehen darf.
Er machte mich dauernd für alles verantwortlich: für seine Wut, seine Ausbrüche, seine Entscheidungen. Und auch nach der Geburt änderte sich daran nichts. Er versprach mir Veränderung – und trank im Verborgenen weiter. Am Ende war es immer meine Schuld. Mein Fehler.
Eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin eskalierte alles.
Er wurde handgreiflich. Im Nachhinein fühlt sich meine Erinnerung fast unwirklich an. Ich rief die Polizei, der Krankenwagen kam. Ich musste sogar ins Krankenhaus.
Das Schlimmste: Ich ging trotzdem zurück zu ihm. Danach wollte er sich ändern. Der Alkohol sollte weg. Er wollte Therapie machen und zeigte Einsicht. Er machte mir wieder Versprechen und wieder hatte ich Hoffnung. Ich wollte daran glauben. Ich habe daran geglaubt.
Dann kam unsere Tochter auf die Welt.
Wir waren so glücklich über ihre Geburt. Ich dachte, jetzt ändert sich alles. Er ändert sich für die Kleine, für uns als Familie. Doch die Ausraster waren nie wirklich weg. Und genauso wenig die ständigen Vorwürfe. Irgendwann wurde mir klar, dass diese Situation mich kaputtmacht. Und dass sie meinem Kind schaden würde, wenn ich bleibe.
Diese Zeit nach der Geburt war unglaublich schwer. Ich war körperlich erschöpft, emotional offen wie eine Wunde – und gleichzeitig in einer angespannten, belastenden Beziehung. Statt mich fallen lassen zu können, war ich ständig wachsam. Ich habe mich oft allein gefühlt, obwohl ich nicht allein war. Diese Zeit hätte Schutz und Ruhe gebraucht – stattdessen war sie geprägt von innerem Stress und Angst.
Als mein Baby vier Wochen alt war, bin ich gegangen.
Die Entscheidung zu gehen war kein spontaner Moment, sondern ein langer innerer Kampf. Ein ständiges Hin- und Her zwischen Hoffnung und Realität. Ich wollte glauben, dass es besser wird. Und dann kam dieser eine Moment der Klarheit.
Kein lauter Streit. Sondern eine stille, feste Gewissheit: Jetzt reicht es. Jetzt muss ich mein Kind schützen. Jetzt muss ich mich schützen. Und auch wenn ich Angst hatte – ich wusste, dass Zurück keine Option mehr ist. Weil ich stark sein musste – für mein Kind und für mich.
Die größte Angst war das Alleinsein.
Die Zukunft. Das Ungewisse. Die Angst, es nicht zu schaffen. Zum Glück hatte ich ein starkes Netz aus Unterstützung durch meine Familie. Meine Eltern und meine Geschwister waren immer für mich da.
Was mir gleichzeitig Kraft gegeben hat, war mein Kind. Dieser kleine Mensch, der mich gebraucht hat. Der Gedanke, dass mein Kind Sicherheit, Ruhe und Liebe verdient, hat eine Kraft in mir freigesetzt, von der ich nicht wusste, dass sie in mir steckt.
Inzwischen ist meine Tochter zwölf Wochen alt.
Alles ist noch sehr frisch, aber ich fühle mich freier denn je – und glücklich. Ich bin aktuell in traumatherapeutischer Behandlung, und es tut mir unendlich gut.
Ich hatte solche Angst vor dem Schritt, aber schon jetzt ist mein Leben viel ruhiger. Nicht frei von Herausforderungen – aber freier in mir selbst. Mein Muttersein fühlt sich echter an, verbundener. Ich habe gelernt, mir selbst zu vertrauen und meine Grenzen ernst zu nehmen. Ich weiß heute: Frieden im Alltag ist kein Luxus, er ist notwendig.
Wenn ich heute auf mich von damals blicke, würde ich sagen:
Du warst nicht schwach, weil du gezögert hast. Du hast gezögert, weil du gehofft hast. Und das macht dich menschlich. Aber wenn dein Inneres dir sagt, dass etwas nicht stimmt, dann hör hin. Du darfst gehen. Du darfst dich selbst ernst nehmen. Und du darfst deinem Kind ein Leben schenken, das sich sicher anfühlt – auch wenn der Weg dorthin Angst macht.
Ich erzähle diese Geschichte nicht für Mitleid. Ich erzähle sie, um Mut zu machen. Um zu zeigen, dass es okay ist, den Traum von der „heilen Familie“ loszulassen. Egal, wie sehr man daran festhält. Loslassen ist manchmal stärker als Festhalten.”
Liebe Nora (*Name von der Redaktion geändert), vielen Dank, dass wir deine bewegende Geschichte erzählen durften. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!
Viele Betroffene von häuslicher Gewalt sprechen aus Scham und Angst nicht über das Erlebte. Wir möchten deswegen zum Valentinstag gemeinsam mit dem Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen” dazu aufrufen, Partnerschaftsgewalt zum Thema zu machen – und gewaltbetroffenen Frauen öffentlich Solidarität und Unterstützung signalisieren.
Du steckst in einer Beziehung, in der dir Gewalt angetan wird? Hilfe und Beratung findest du über das Angebot des Hilfetelefons. Du kannst die 116 016 anrufen. Dein Anruf beim Hilfetelefon ist kostenlos. Oder kontaktiere das Hilfetelefon online über die geschützte E-Mail- und Chat-Beratung.
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