„Das erste Babyjahr ist eine ganz besondere Zeit für jede Mama. Während meiner Schwangerschaft hatte ich mir alles in den schönsten Farben ausgemalt: Lange Spaziergänge mit dem Kinderwagen. Treffen mit anderen Mamis zum Austausch von Wickel- und Stilltipps. Babykurse. Die innigen Momente, wenn ich mein Baby stille und es friedlich dabei einschlummert. Doch dann kam alles anders als gedacht. Denn mein Kleiner war ein High Need Baby, meine Erfahrungen möchte ich gerne mit euch teilen:

Noch nie von einem High Need Baby gehört?

High… Was? Ganz ehrlich: Vor der Geburt von Linus hatte ich auch noch nie davon gehört. Wahrscheinlich hätte ich auch etwas verständnislos den Kopf geschüttelt, wenn mir jemand davon erzählt hätte. Der Begriff „High Need Baby“ stammt vom amerikanischen Kinderarzt Dr. William Sears. Er ist Professor für Kinderheilkunde in Kalifornien und Vater von acht Kindern.

Vor seinem vierten Kind Hayden hatte er drei relativ „einfache“ Kinder. Wenn Eltern ihm in seiner Praxis von ihren extrem fordernden Babys berichteten, dachte er, sie würden übertreiben. Oder hätten einfach nicht damit gerechnet, dass ein Neugeborenes eben Arbeit macht. Durch die Geburt seiner Tochter änderte sich das. Er machte mit seinem High Need Baby Erfahrungen, aus denen er  zwölf Kriterien für diese Kinder entwickelte.

Daran erkennst du, ob auch du ein High Need Baby hast

High Need Babys sind das Gegenteil von entspannten ,Anfängerbabys`. Sie weinen mehr, fordern mehr und wollen ständig getragen werden. Außerdem sind sie häufig sehr aktiv und ständig ,auf Sendung`, schlafen schlecht und brauchen allgemein sehr viel Körperkontakt. Die Eltern von High Need Babys sind oft (noch) erschöpfter als andere Neu-Eltern, da ihr Baby ihnen alles abverlangt.

Ich bin eigentlich vorsichtig, was solche Begrifflichkeiten angeht. Zu schnell wird Kindern damit ein Stempel aufgedrückt. Mir allerdings fiel ein Stein vom Herzen, als ich zufällig im Netz auf Berichte zu dem Thema stieß. Endlich hatte ich eine Erklärung dafür, was bei uns los ist…

Meine High Need Baby-Erfahrungen

Schon ein paar Tage, nachdem ich meinen kleinen Schatz aus dem Krankenhaus heimgekehrt war, schwante mir: Puh, das hier wird nicht einfach. Linus ließ sich nur unter großem Protest ablegen. Im Kinderwagen und beim Autofahren schrie er wie am Spieß (Alle Babys lieben Autofahren?! Ha, von wegen…). Er schlief allgemein wenig und fand nur sehr schlecht in den Schlaf. Ohne Körperkontakt oder Stillen ging es gar nicht. Abends aus seinem Bettchen wieder aufstehen, davon konnte ich viele Monate lang nur träumen…

Ihn zu beruhigen war schwierig. Einen Schnuller nahm er nicht. Ich probierte bestimmt zehn Marken aus, ohne Erfolg. Er wollte das Original – meine Brust. Nur in der Trage war er (meistens) glücklich. Das führte dazu, dass ich jeden Tag stundenlang mit Trage spazieren ging. Ich fühlte mich wie ein Känguru.

Nur eine meiner High Need Baby-Erfahrungen: Linus ließ sich keine fünf Minuten ablegen, ohne zu weinen.
Nur eine meiner High Need Baby-Erfahrungen: Linus ließ sich keine fünf Minuten ablegen, ohne zu weinen. Foto: Bigstock

Babykurse mit High Need Baby? Konnte ich vergessen

Ich bin eigentlich ein aktiver und geselliger Mensch. Voller Vorfreude hatte ich mich zu verschiedenen Babykursen angemeldet. Babymassage, Schwimmen, PEKiP, Yoga: Dabei kämen wir beide auf unsere Kosten, dachte ich. Der kleine Zwerg hätte Spaß, ich würde mit anderen Mamas ins Gespräch kommen und vielleicht sogar Freundschaften schließen. Pustekuchen. Schon der Rückbildungskurs bei meiner Hebamme war eine Qual.

Während die anderen Babys auf dem Boden lagen und zuschauten (einige schliefen sogar während der Rückbildungsstunde ein!), schrie Linus los, sobald ich ihn aus der Babytrage nahm. Ich versuchte erfolglos, mit Trage zu turnen. Und während die anderen Mamas nach der Stunde noch plauderten, verließ ich jedes Mal fluchtartig mit einem weinenden Linus auf dem Arm den Raum. PEKiP brach ich nach zwei Stunden ab. Die anderen Kurse stornierte ich ganz…

Ich fühlte mich isoliert und unverstanden

Andere Mamas kennenzulernen war unter diesen Umständen schwierig. Aber auch Kontakt zu Freunden und Bekannten zu halten, war eine Herausforderung. Als meine Arbeitskollegen Linus sehen wollten, zögerte ich das Treffen mit immer neuen Ausreden hinaus. Wie sollte ich erklären, dass ich mich nicht traue, mit ihm Bahn zu fahren? Dass ich ihn im Büro nicht aus der Trage nehmen kann, ohne dass er schreit? Sie hätten mich doch für bescheuert erklärt. Zumindest alle, die selbst keine High Need Baby-Erfahrungen gemacht hatten…

Ich wurde immer unsicherer und zog mich zurück. Ich kannte niemanden, dem es auch so ging. Von anderen kamen häufig nur wenig hilfreiche Ratschläge wie: „Du musst ihn halt einfach öfter in den Kinderwagen legen, dann gewöhnt er sich schon dran“, oder „Wenn du entspannt bist, ist er es auch.“ All diese Tipps gaben mir das Gefühl, etwas falsch zu machen. Und tief in mir glaubte ich das sowieso schon. Woran sollte es sonst liegen? Ich war zum ersten Mal Mama. Ich war verunsichert und verzweifelt.

Ich fand Mamas, die High Need Baby-Erfahrungen hatten

Als ich nach ein paar Monaten zufällig im Netz auf Berichte über High Need Babys stieß, war ich unglaublich erleichtert. Endlich hatte ich es Schwarz auf Weiß: Ich kann nichts dafür! Ich fing an, mich mit Mamas auszutauschen, deren Babys ähnlich ticken. Endlich fühlte ich mich nicht mehr so alleine. Viele Situationen konnte ich von da an sogar mit Humor nehmen.

Monat für Monat wurde es einfacher mit Linus. Die Schreiphasen verkürzten sich. Er war immer weniger hibbelig und überreizt. Ab dem siebten Monat akzeptierte er den Kinderwagen und schlief sogar darin. So richtig „Klick“ machte es mit ungefähr zwölf Monaten.

Die Kleinkindphase? Ein Klacks!

Heute ist Linus ein ausgeglichener, fröhlicher Junge. Keine Spur mehr von dem nervösen, unzufriedenen Baby. Wie ich das geschafft habe? Mit ganz viel Geduld und Liebe. Er benötigte einfach besonders viel Nähe und Sicherheit, um zu dem kleinen Sonnenschein zu werden, der er heute ist. Wahrscheinlich habe ich auch einfach Glück, dass es sich bei ihm verwachsen hat (es gibt auch High Need Kleinkinder).

Während einige andere Mamis über ihre aktiven und trotzigen Kleinkinder jammern, empfinde ich diese Phase im Vergleich als recht entspannt. Ich kann mit ihm alles unternehmen ohne Sorge zu haben, dass er schreit und einfach nicht mehr aufhört. Kann ihn beruhigen, wenn er weint. Er klebt mir nicht mehr 24/7 am Körper. Schläft (meistens) gut. Und er kann verständlich machen, was er will und ob/wo ihm etwas weh tut.

Ich kann sagen: Ja, jetzt genieße ich jeden Tag.“

29 Kommentare

  • Eva

    Dieser Artikel könnte von mir sein! Unsere Tochter ist 4 Monate und ich kann nicht mal in Ruhe meine Zähne putzen oder auf die Toilette gehen.
    Kaum vergeht ein Tag an dem ich nicht weine und ich verlasse die Wohnung sehr ungern. Denn unsere Kleine brüllt von 0 auf 100 plötzlich los und lässt sich nicht beruhigen. Die ganzen Tipps kann ich nicht mehr hören und ich fühle mich so unverstanden! Freunde und Verwandte wollen zu Besuch kommen doch das hätte keinen Sinn… Ich bin neidisch auf andere Mütter die in Ruhe Spielegruppen besuchen können oder im Kinderwagen spazieren fahren. Noch dazu hatte ich eine künstliche Befruchtung und einen harten Weg vor mir um überhaupt ein Baby zu bekommen, doch jetzt können wir es einfach nicht mit ihr genießen. Ich hoffe nur, dass es auch bei uns nach einem Jahr besser wird. Ich versuche mein Kind so zu akzeptieren wie es ist, jedoch fällt es mir oft schwer und ich schäme mich dafür… Danke für diesen Artikel! Tud gut sich mal nicht alleine zu fühlen.

  • Yvonne

    Unsere Tochter ist 6 Monate alt und ich fühle mich hilflos, verzweifelt und weiß nicht weiter. Als ich auf High Need Baby gestoßen bin, hatte ich zumindest einen Namen dafür und auch dass ich mich nicht als schlechte Mutter fühlen muss. Der Artikel macht Mut, dass es mit Geduld und Liebe besser werden kann und auch, dass man nicht alleine ist. Vielen vielen Dank dafür!

  • Maria

    Toller Artikel. Ich konnte meine Tochter 11 Monate ebenfalls in den Zeilen wieder finden. Je selbstständig meine Tochter wurde um so leichter wurde es mit ihr. Sie zeigt was sie möchte oder krabbelt dahin und nimmt es sich. Schlafen ist bei uns immer noch ein Problem aber wir haben einen Weg gefunden damit klar zu machen. Ich stille auch noch immer und überall. Auch unterwegs, da nur so meine Tochter zur Ruhe kommt. Das zieht zwar immer Blicke auf sich, die wir versuchen zu ignorieren. Unsere Kleine ist bei uns das dritte Kind. Wir waren trotz der Erfahrung von unseren Jungs total überfordert mit unserer Tochter. Wir haben uns so gut es ging zurückgezogen und einen Tag nach dem anderen bewältigt. Hilfe haben auch wir nicht erhalten. Viele Menschen, die selbst nicht betroffen sind, haben wenig Verständnis für Familien die in so einer Situation sind. Schade eigentlich. Ich hoffe auch das sich das nach ihrem ersten Geburtstag noch gibt und wir ein zufriedenes Kind bekommen.

  • Natti

    Danke für diesen Artikel.
    Unser Sohn(jetzt 12 Monate) ist genau wie dein Linus. Meine Frage an alle Mütter von High-Need-Babies:
    Wie habt ihr es geschafft abzustillen?
    Stillen ist aktuell immer noch das einzige, was unseren Sohn irgendwie beruhigt. Es ist aber echt langsam kräftezehrend für mich,da ich teilweise nachts immer noch stündlich stille und unbedingt langsam abstillen möchte. Ich Brauche unbedingt Tipps.
    Flasche und Schnuller werden natürlich verweigert…