„Die Gewalt bei der Fehlgeburt hat uns traumatisiert“

Die Geburt sollte einer der schönsten Momente im Leben einer Frau sein. In der Praxis sieht das leider manchmal anders aus. Denn Gewalt in der Geburtshilfe kommt immer noch häufiger vor, als man denkt. Und führt in einigen Fällen sogar zu einem Trauma der Schwangeren. Auch bei einer Fehlgeburt müssen manche Frauen neben all der Trauer zusätzlich das unsensible und teilweise grobe Verhalten der Ärzte ertragen.

Nina (echter Name der Redaktion bekannt) aus unserer Community hat uns die Geschichte von der Fehlgeburt ihres Sternchens erzählt. Und wir sind einfach fassungslos darüber, dass Frauen so etwas erleben müssen.

Achtung: Diese echte Geschichte beschreibt sehr detailliert den Ablauf einer Fehlgeburt. Bitte nur weiterlesen, wenn du dir sicher bist, dass du das aushalten kannst.

„Ich möchte anderen Frauen zeigen: Ihr seid nicht allein!“

„Man hört und liest in den letzten Monaten immer öfter von ‚Gewalt in der Geburtshilfe‘. Frauen erzählen, was ihnen widerfahren ist, in der Hoffnung, dass sich etwas ändert, und das finde ich ganz toll. Ich habe selbst drei Geburten erlebt, und eine davon war auch sehr gewaltsam. Was ich jedoch nicht ansatzweise geahnt hätte, war, dass selbst eine Fehlgeburt gewaltsam ablaufen könnte.

Ich hatte erwartet, dass in solch einem sensiblen Moment jeder Mensch, der einen medizinischen Beruf gewählt hat, zu Einfühlsamkeit in der Lage sein müsste. Da ich selbst niemals geglaubt hätte, dass es Frauen so ergehen könnte, möchte ich meine Geschichte erzählen. Denn ich will, dass so etwas nicht totgeschwiegen wird, und anderen Frauen zeigen: Ihr seid mit dieser Erfahrung nicht allein.

Wir waren voller Vorfreude

Es war der zweite Weihnachtsfeiertag. Wir hatten Freunde und Familie eingeladen und wollten feierlich eine frohe Nachricht verkünden: ,Wir erwarten ein Baby.‘ Am Tag zuvor hatten wir es bereits den Eltern meines Mannes gesagt. Unserem einjährigen Sohn hatten wir ein T-Shirt angezogen auf dem Stand ,Großer Bruder 2020‘. Wir waren voller Freude und gespannt, wie unser zweites gemeinsames Kind wohl sein würde.

Nachdem wir Geschenke ausgepackt, gemeinsam gegessen und viel Spaß hatten, wollte ich vor der frohen Nachricht noch einmal zur Toilette gehen. Der Anblick war ein riesiger Schock. Das Toilettenpapier war voller frischem Blut. Und es war viel zu viel, als dass es nur eine Schmierblutung hätte sein können. Ich ging wie benommen zu meinem Mann und sagte ihm:

,Wir müssen ins Krankenhaus, da war Blut. Viel Blut.‘

Er fragte meine beste Freundin, ob sie nach unserem jüngsten Sohn sehen könne, und verkündete es nun so, wie wir es uns sicher nicht vorgestellt hatten: ,Wir müssen ins Krankenhaus, Nina ist schwanger und blutet stark.‘ Familie und Freunde wurden plötzlich ganz still. Ein Moment, den ich nie vergessen werde. Im Krankenhaus angekommen, wurde ich von einem noch recht jungen Arzt untersucht. Er machte einen Ultraschall und nach längerer Suche sagte er: ,Ich kann keine Herzaktivität feststellen.‘ Ich musste sofort schrecklich weinen. Er zeigte mir noch die Durchblutung mit einem farbigen Ultraschall und sagte: ‚Sehen Sie, auf dem Kind ist keine, dort müsste aber eine sein. Gehen Sie aber morgen besser nochmal zu ihrem Frauenarzt, und wenn dieser keinen Herzschlag findet, kommen Sie nochmal, dann machen wir eine Ausschabung.‘

Moment mal, wie Ausschabung?

Das ging mir alles viel zu schnell. Bis gerade hatten wir uns doch ausgemalt, wie es wohl sein würde, wenn unser Sohn und meine zwei Großen ihr Geschwisterchen kennenlernen würden. Uns auf erste Tritte und die Kuschelzeit gefreut. Und nun war von Ausschabung die Rede? Ich konnte es einfach nicht fassen. Den ganzen Weg aus dem Krankenhaus hinaus konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten.

Im Auto fragte ich meinen Mann: ‚Was meint er denn mit, ‚wenn mein Frauenarzt auch keinen Herzschlag feststellen kann‘? Ist unser Baby nun tot oder nicht?` Mein Mann konnte mir darauf keine Antwort geben. Ich geriet in Panik. ,Wie soll ich denn die Nacht aushalten, ohne zu wissen, was nun mit unserem Baby ist?` Wir beschlossen, in eine weitere Klinik zu fahren. Ich wollte nicht bis morgen warten, um eine zweite Meinung zu hören.

,Ich wünsche Ihnen ein Wunder!‘

In der zweiten Klinik hatten wir das Glück, auf eine sehr herzliche, kompetente Ärztin zu treffen. Sie hat lange geschallt und uns toll aufgeklärt. Sie konnte einen schwachen Herzschlag feststellen, meinte aber, dass dieser so langsam sei, dass sie kaum Hoffnung habe, dass unser Baby überleben würde. Wir sollten uns darauf einstellen, dass sich unser Krümel in der Nacht verabschieden würde. Sie nahm mich auf, ordnete Progesteron und Magnesium an und sagte: ,Morgen früh schauen meine Kollegen nochmal, ich wünsche Ihnen ein Wunder.‘

Ich verabschiedete mich lange und tränenreich von meinem Mann und ging etwa eine Stunde nach der Untersuchung auf mein Zimmer. An Schlaf war nicht zu denken. Ich habe die ganze Nacht geweint. Verzweifelt und doch voller Hoffnung, unser Baby würde es vielleicht schaffen. Ich legte meine Hände auf meinen Bauch und sagte zu unserem Baby: ,Wenn du kannst, dann kämpfe mein Krümelchen. Aber wenn du gehen musst, dann komm gut rüber. Ich liebe dich, egal was passiert.`

Da ahnte ich nicht im Entferntesten, was für ein Horror noch auf mich zukommen würde.

Um ca.10 Uhr wurde ich zur Untersuchung in die gynäkologische Ambulanz geschickt. Mein Mann war bereits wieder bei mir und begleitete mich. Dort angekommen habe ich dann noch einmal 20 Minuten im Untersuchungsraum auf die Ärztin gewartet. Die Zeit kam mir wie Stunden vor.

Als die Ärztin in Begleitung einer sichtlich schlecht gelaunten Schwester hereinkam, sagte sie ohne Begrüßung oder gar vorheriges Gespräch: ,Bitte untenrum frei machen und auf den Stuhl.‘ Ich stand auf und merkte plötzlich, wie es nur so aus mir herauslief. Völlig geschockt sagte ich: ,Es kam grad ganz viel aus mir raus!` Die Ärztin fragte: ,Sind sie nach Bettruhe das erste Mal gelaufen bis hier her?‘ Ich bejahte. Sie sagte: ,Ah ja. Machen Sie sich frei und gehen auf den Stuhl, wir gucken.‘

Die Schwester machte sich Sorgen, dass sie putzen muss

Die Vorlage hatte nicht gereicht, um all das Blut aufzunehmen. Der Anblick war schrecklich für mich. Ich wusste, dass dies nichts Gutes bedeuten konnte. Als ich gerade meine Hose ganz ausgezogen hatte, lief mir auf einmal das Blut wie in Bächen an den Beinen herunter. Plötzlich wurden alle hektisch, und vor allem die Schwester war voller Sorge, ich könnte zu viel versauen. ,Nehmen Sie Tücher, los Tücher! Jetzt auf den Stuhl! Beine hoch, los!‘, bellte sie Anweisungen im fast aggressiven Befehlston.

Die Schwester sagte irgendwas von einem Putzmittel, von dem keines mehr hier wäre, und dass sie dieses nun aus dem Kreißsaal holen gehen müsse. Inzwischen lag ich voller Angst und Trauer auf dem Stuhl.

Die Erfahrung bei der Fehlgeburt hat Nina traumatisiert.

Die Erfahrung bei der Fehlgeburt hat Nina traumatisiert.
Symbolfoto von Mandy Fontana auf Pixabay

Ohne Vorwarnung hatte ich plötzlich Instrumente in mir

Und das sehr grob. Die Ärztin schaute kurz, nahm die Geräte aus mir raus. Sie steckte mir hektisch und wiederum ohne Vorwarnung das Ultraschallgerät rein und rührte damit in mir herum. Ohne vorher etwas zu mir zu sagen, griff sie zum Telefon in ihrem Kittel: ,Kannst du kurz kommen? Habe akuten Abort hier!‘ Noch immer kein Wort zu mir. Ich wusste nur, dass Abort Fehlgeburt bedeutete.

Unmittelbar danach kam eine weitere Ärztin ins Untersuchungszimmer. Sie schaute kurz auf den Monitor, übernahm das Ultraschallgerät, rührte ebenfalls grob in mir herum. ,Nein, ist kein Baby mehr da. Noch etwas Koagel, das ziehe ich schnell, dann braucht sie keine Ausschabung.‘ Ich hatte es nicht genau verstanden und fragte ,Noch etwas was?‘ Sie sagte einfach lauter: ,KOAGEL!‘ Auf meine Anmerkung, dass ich nicht wisse, was das ist, reagierte sie nicht.

Es kratzte, schabte, tat weh

Als sie das Ultraschallgerät herauszog merkte ich, wie etwas Festes aus mir raus flutschte. Ich lag weinend und an die Decke starrend da, als man mir zu zweit vier oder fünf Instrumente einführte. Es kratzte, schabte, tat weh. Ein Instrument rutschte ab und schrammte an meiner Klitoris entlang. Meine Ohren klingelten vor Schmerz, ich dachte kurz, mir wird schwarz vor Augen. Es gab kein ,Entschuldigung!‘ stattdessen nur ein ,Ups!‘

Die Instrumente wurden rausgenommen, der Ultraschall ein weiteres Mal ohne Vorwarnung reingesteckt. ,Ok, ist alles draußen‘, war alles, was ich hörte. Alles geschah in einem Tempo, als wäre es eine Not-Op.

,Da ist Fruchtblase, darin ist Baby.‘

Die Ärztin untersuchte das, was aus mir rauskam. Auf Nachfrage meines Mannes, der das ganze Geschehen etwa einen Meter entfernt beobachten musste, zeigte sie ihm kurz, was sie untersucht hatte: ,Da ist Fruchtblase, darin ist Baby.‘ Ich stammelte dreimal, ob ich es auch sehen darf. Erst als mein Mann energisch sagte: ,Meine Frau würde es auch gerne sehen!‘, zeigte sie es mir genervt.

Ich durfte einen kurzen Blick auf dieses wunderschöne Wesen erhaschen. Es war etwa so groß wie die Kuppe meines Daumens. Man sah seine Augen, seine Ärmchen und Beinchen. Ich war verliebt und trotzdem so traurig, dass es mit Worten überhaupt nicht zu beschreiben ist.

Die Ärztin erklärte: ,Ist nur ein Pünktchen, war noch nicht viel.‘

Die Schwester unterbrach den Moment mit den Worten: ,Ich sage der Nächsten, sie soll dann nochmal zurück aufs Zimmer gehen. Das dauert, bis hier alles sauber ist.‘ Die Ärztin sprach dann endlich mit mir: ,Ist alles draußen. Sie brauchen keine Ausschabung. Die Kollegin kommt gleich auf Zimmer und gibt Ihnen Oxytocin. Dann können Sie heim.` Zur Kollegin sagte sie noch: ,Gib ihr IM, geht schneller.‘ Kein Mitgefühl, kein tröstendes Wort, keine weitere Erklärung.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich überhaupt in meine Klamotten gekommen bin. Wie ferngesteuert verließ ich das Untersuchungszimmer und lief in den Gang, wo mein Zimmer war. Dort fiel ich meinem Mann weinend in die Arme.

Ich kam mir vor wie ein Stück Fleisch

Wie Fließbandarbeit, ausgeliefert, nur eine Nummer. Mir wurde NICHTS vorher, währenddessen oder danach erklärt. Es wurde fast nur über mich statt mit mir gesprochen. Und die größte Sorge war, dass man jetzt putzen musste.

Ich weiß, die Ärzt*innen und das Pflegepersonal haben es nicht leicht im Klinikalltag. Aber ist ein wenig Empathie in einer solchen Situation denn wirklich zu viel verlangt? Ich hatte gerade mein Kind verloren. Auch wenn das für das Personal dort etwas Alltägliches ist, war es für uns die Welt. Ein Moment, an den wir uns für immer erinnern werden. Die Ärztinnen hatten uns vermutlich am nächsten Tag schon wieder vergessen.

Es gab kein Wort des Trostes

Warum hat man sich nicht die Zeit genommen, mir zu erklären, was als nächstes passieren würde? Das hätte man einfach tun können, während man die Instrumente in die Hand nimmt und kurz bevor man sie einführt. Es gab kein Wort des Trostes, geschweige denn Mitgefühl. Darüber, dass es für Babys, die leichter als 500 g zur Welt kommen, eine Sammelbestattung gibt, wurde kein Wort verloren. Darüber, dass die Klinik eine Seelsorge hat, auch nicht.

Erst zu Hause wurde mir bewusst, dass unser Baby mit dem Klinikabfall entsorgt worden ist. Dieser Gedanke lässt mich nicht schlafen. Ich hätte ein Foto machen wollen, um diesen kurzen Moment, den wir mit unserem Baby hatten, festzuhalten. Leider war ich zu benommen, um an so etwas zu denken. Warum hat die Ärztin mir das nicht angeboten?

Wir sind unendlich traurig über unseren Verlust

Und darüber hinaus auch noch traumatisiert. Und Letzteres hätte so leicht verhindert werden können, und es hätte die beiden Ärztinnen NICHTS gekostet. Mein Mann sagte mir, er hätte das Baby gerne länger und genauer gesehen. Ich zeigte ihm Bilder von anderen Babys die so früh zur Welt kamen, doch das ist natürlich nicht dasselbe.

Wir sind nun Eltern eines Sternchens. Und viele werden vermutlich wie die Ärztin über den ,Zellhaufen‘ denken. Aber wir trauern um das Glück, das wir verloren haben. Und um Träume, die nun nie wahr werden. Um unser Kind, das nicht leben darf – und das tut unglaublich weh.“

Liebe Nina, wir danken dir sehr, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast.

Und alle Mamas, die auch Gewalt während der Geburt erleben mussten: Auch wenn es sich vielleicht so anfühlt – ihr seid nicht allein!

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern.

Seit 2015 sind wir Eltern einer zauberhaften Tochter. Zwei Jahre später kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und unsere Familie war komplett. Zusammen sind die beiden ein unschlagbares Team, das sich nur allzu gern gegen Mama und Papa verbündet.

Abgesehen von meiner Familie liebe ich den Hafen, fotografiere gern und gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Texte und Social Media ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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