„Es tut weh, dass mein Kind lieber bei seinem Vater leben will.”

„Ich bin als Mama durch die größte Einsamkeit gegangen, die man sich vorstellen kann. Mein Kind hat sich gegen mich entschieden. Aber von Anfang an…

Vor rund zwei Jahren stellte sich mein Leben komplett auf den Kopf.

Bis dahin dachte ich, ich wäre glücklich verheiratet, dann eröffnete mir mein Mann plötzlich, dass er die Scheidung will. Er hatte sich neu verliebt und führte schon seit Monaten eine Affäre mit einer Arbeitskollegin. Meine ganze Welt brach zusammen und mein erster Gedanke galt unserem neunjährigen Sohn.

Würde er die Trennung verkraften? Wie könnten wir ihm das alles erklären? Nachts lag ich lange wach und fragte mich immer wieder, ob ich etwas hätte bemerken müssen, ob ich es hätte verhindern können. Ein paar Tage, nachdem mein Mann mich um die Scheidung gebeten hatte, erzählten wir unserem Sohn davon.

Sein Vater spielte mit offenen Karten, er wollte seine neue Beziehung nicht länger geheim halten.

Wir sagten unserem Kleinen, dass Mama und Papa sich immer noch mögen, aber Papa nun eine andere Frau ebenfalls sehr gerne mag und deswegen mehr Zeit mit ihr verbringen möchte. Trotzdem, versprach er, wäre er immer für ihn da. Unser Sohn nickte tapfer, aber auch für ihn muss das schlimm gewesen sein. Er war schon immer sehr auf seinen Vater fixiert, der sein großes Vorbild ist.

Er spielt Fußball ‚wie Papa früher‘ und sagt immer, dass er später mal bei der Bank arbeiten möchte, ‚so wie Papa‘. Mein Mann ist zwar viel arbeiten gewesen, aber am Wochenende hingen die beiden permanent zusammen. Aber auch ich hatte immer das Gefühl, eine gute Beziehung zu ihm zu haben, nur dass er mich eben nicht mit ganz so viel Bewunderung ansah wie den Papa.

Nachdem wir mit unserem Sohn gesprochen hatte, packte mein Mann erst einmal eine große Tasche und zog zu seiner Freundin.

Mein Sohn und ich blieben alleine zurück. Ich war am Boden zerstört, aber klammerte mich daran fest, dass ich immerhin noch mein Kind bei mir hatte. Wenn der Kleine mittags aus der Schule kam, versuchte ich aber immer, mir nichts anmerken zu lassen.

Er fragte mich in der ersten Woche natürlich ständig nach seinem Papa und ich wusste nicht so richtig, was ich darauf antworten sollte. Am Wochenende stand er dann plötzlich vor der Tür, wollte Zeit mit seinem Sohn verbringen. Ich rastete aus, mir war das alles zu viel und ich schlug ihm die Tür wieder vor der Nase zu. Als ich mich umdrehte, sah ich hinter mir meinen Sohn im Flur stehen.

Seinen erschrockenen und enttäuschten Blick werde ich nie vergessen.

Natürlich habe ich später versucht mit ihm über die Situation zu sprechen, ihm zu erklären, dass ich nichts dagegen habe, wenn die beiden sich sehen, aber für mich einfach alles gerade etwas zu viel ist. Ich rief seinen Vater an und entschuldigte mich und er kam am nächsten Tag noch einmal, um unseren Sohn abzuholen.

So ging das dann ein paar Monate lang, ich kümmerte mich um den Alltag mit meinem Sohn und weinte mich abends in den Schlaf. Mein Mann lebte bei seiner Neuen und holte den Kleinen am Wochenende zu sich. Dabei lernte der natürlich auch schnell die neue Freundin von Papa kennen.

Er war ganz begeistert von ihr.

Schließlich spielte sie mit ihm an der Playstation und war sogar Fan vom gleichen Fußballverein wie er.

Ich habe immer versucht, meinem Sohn kein schlechtes Gefühl zu geben, wenn er am Wochenende wieder unbedingt etwas mit Papa und seiner Freundin unternehmen wollte. Trotzdem bin ich innerlich jedes Mal zusammengezuckt, wenn er von ihr geschwärmt hat und habe oft geweint, nachdem sein Vater ihn abgeholt hat.

Nach ungefähr einem Jahr, als unsere Scheidung durch war, beschlossen mein Exmann und seine Freundin, sich zu vergrößern. Sie kauften sich ein tolles Haus mit großem Garten, genau wie ich es mir auch immer für uns erträumt hatte. Großzügiges Kinderzimmer und Pool zum Aufstellen für unseren Sohn inklusive.

Ich muss wohl nicht weiter erklären, dass der Kleine sich vor Begeisterung fast überschlug.

Er bettelte mich oft schon am Montag an, nach der Schule wieder zu seinem Vater zu dürfen, um im Pool zu schwimmen oder im Garten Fußball zu spielen. Ich spürte, dass er es insgeheim vermied, mit mir Zeit zu verbringen. Vielleicht konnte er meinen Schmerz nicht ertragen? Vielleicht war ich ihm schlicht und ergreifend zu langweilig? Ich weiß es nicht, aber ich spürte, wie er mir immer mehr entglitt.

Irgendwann war es dann soweit, mein Exmann bat mich um ein Gespräch, bei dem auch unser Sohn dabei sein würde. Dabei erklärte er mir, dass unser Kind lieber bei ihm und seiner Freundin leben möchte und die beiden sich darüber freuen würden. ‚Ist das wahr?‘ fragte ich meinen Kleinen mit erstickter Stimme. Er sagte nur leise ‚ja‘ und schaute schnell nach unten.

Ich versuchte zuerst, meinen Schmerz darüber zu verdrängen.

Und sprach später noch einmal zu zweit mit meinem Sohn darüber, aber seine Meinung schien festzustehen. Also ließ ich ihn gehen. In dem Moment als die Tür hinter ihm dann endgültig ins Schloss fiel, brachen bei mir alle Dämme. Ich fühlte mich so einsam wie noch nie zuvor in meinem Leben. Gleichzeitig schämte ich mich: Was war ich für eine Mutter, dass mein Kind nicht mehr bei mir sein wollte?

Ich fiel in eine Depression, musste mich krankschreiben lassen und nahm schließlich therapeutische Hilfe in Anspruch. Stück für Stück holte ich mir dann mein Leben zurück. Ich musste ihm schließlich einen völlig neuen Sinn geben, früher hatte sich bei mir alles um die Familie gedreht. Nun war ich gezwungen, mich wieder auf mich selbst zu besinnen.

Irgendwann wurde es zum Glück besser.

Es hat geholfen, dass mein Ex und seine neue Frau mir nie ein komisches Gefühl gegeben haben, wenn ich meinen Sohn besuchen möchte. Ich vermute, dass sie insgeheim ganz froh sind, wenn ich ihn abhole und sie auch mal sturmfrei haben. Vor Corona war ich mit meinem Sohn sogar im Stadion, das hat er früher immer nur mit seinem Papa gemacht. Ich glaube er war ziemlich stolz, dass er mir alles erklären konnte.

Ich habe mir mittlerweile wieder einen Vollzeitjob gesucht, schließlich wartet zu Hause niemand auf mich. Die Arbeit hat mir neuen Sinn gegeben, dort bekomme ich viel Anerkennung und habe ein paar nette Kolleginnen, mit denen ich auch privat mal etwas unternehme. Trotzdem vermisse ich mein Kind ständig. Es fehlt mir, für ihn da zu sein, ihn spontan in den Arm zu nehmen.

Aber ich glaube, ich habe inzwischen meinen Frieden mit der Situation gemacht.

Mein Kind ist gesund und scheint glücklich zu sein, das ist schließlich das Wichtigste. Wenn er in Zukunft doch irgendwann wieder bei mir einziehen möchte, steht sein Zimmer jederzeit bereit. Bis dahin liebe ich ihn eben so gut ich kann aus der Ferne.”


Vielen Dank, liebe Marina, dass Du Deine Geschichte mit uns geteilt hast. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

WIR FREUEN UNS AUF DEINE GESCHICHTE!
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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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