Einzelkind bleibt man für immer

Ich bin als Einzelkind aufgewachsen, und ehrlich gesagt finde ich die Bezeichnung im Grunde genommen falsch. Denn auch, wenn man mit dem 18. Geburtstag offiziell „erwachsen“ ist, bleibt man trotzdem danach noch Einzelkind – und zwar für immer. Das wird mir auch heute noch immer wieder bewusst, mal mehr und mal weniger schmerzlich.

Als Kind habe ich mir häufig Geschwister gewünscht

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Ich hatte wirklich eine schöne Kindheit. Mit liebevollen Eltern, einer tollen Familie, vielen Freunden und allem, was dazugehört. Trotzdem hat sich häufig ein Gedanke in meinen Kopf geschlichen: Wie gern hätte ich einen Bruder oder eine Schwester!

Die meisten meiner Freundinnen waren keine Einzelkinder. Sie hatten jemanden, der einfach immer da war. Klar, manchmal war das meganervig! Trotzdem hätte ich auch gern so jemanden gehabt. Jemanden, mit dem ich spielen, Quatsch machen, streiten und unsere Eltern in den Wahnsinn treiben kann. Jemanden, der mich so genau kennt wie niemand sonst. Der weiß, wie es mir geht und in mir aussieht. Der immer für mich da ist, auch wenn wir uns noch so oft zoffen.

Und ehrlich gesagt denke ich auch als Erwachsene oft über das „Was wäre, wenn…“ nach.

Meine Kinder zeigen mir, wie toll Geschwister sind

Deshalb war mir eigentlich auch schon immer klar, dass ich selbst mehr als ein Kind möchte. Und wenn ich meine beiden hier zusammen sehe, weiß ich, dass es genau die richtige Entscheidung war. Wenn ich sehe, wie sie kuscheln, zusammen spielen und jede Menge Quatsch aushecken, dann geht mir regelmäßig das Herz auf. Wenn die Große aufpasst, dass der kleine Bruder sich nicht wehtut, sich um ihn kümmert und ihn beschützt, ihn auf den Schoß nimmt und ihm etwas „vorliest“ (obwohl sie noch gar nicht lesen kann), dann kann ich nicht fassen, was für ein Glück ich habe.

Natürlich zoffen die beiden sich auch. Und zwar regelmäßig und mit einer unheimlichen Ausdauer. Aber eine halbe Stunde später gehen sie Hand in Hand vor uns her zum Spielplatz, bauen gemeinsam Sandburgen oder spielen Verstecken.

Genauso habe ich es mir immer vorgestellt, wenn man Geschwister hat. Und so glücklich ich auch darüber bin, dass meine beiden sich haben – es maxcht mich auch immer wieder ein bisschen wehmütig. Denn es führt deutlich vor Augen, was ich selbst vermisst habe und teilweise bis heute vermisse.

Die Sorgen von Geschwistern hatte ich nie

„Du hast es gut!“, habe ich früher oft gehört. Ich musste nie die alten Sachen meiner Schwester auftragen. Mein geliebtes Spielzeug nicht teilen, mich beim Essen nicht um das letzte Stück Pizza streiten. Es gab keine ständigen Vergleiche mit dem älteren Bruder oder der jüngeren Schwester. Und auch der nervige Spruch „Ach, du bist die kleine Schwester von…“, ist mir erspart geblieben.

Stattdessen hatte ich die volle Aufmerksamkeit und Liebe meiner Eltern für mich. Genau wie mein eigenes Zimmer und viele andere Dinge, die meine Freundinnen mit ihren Schwestern oder Brüdern teilen mussten. Klingt eigentlich super, oder? War es auch! Aber eben nicht immer. Und wenn ich die Wahl gehabt hätte, hätte ich liebend gern geteilt.

„Typisch Einzelkind“ – Ich kann es nicht mehr hören!

Über Einzelkinder gibt es so viele – und ehrlich gesagt ziemlich dämliche – Klischees. Angeblich sind wir alle verwöhnt, egoistisch, können nicht teilen und haben ein gestörtes Sozialverhalten. „Typisch Einzelkind!“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Spruch schon gehört habe. Und ganz ehrlich: Ich kann ihn nicht mehr hören!

Ja, ich musste die Aufmerksamkeit meiner Eltern nicht teilen. Genauso wenig wie mein Zimmer, mein Spielzeug, meine Süßigkeiten und und und. Trotzdem war ich im Sportverein, habe Handball gespielt – übrigens einen Mannschaftssport – und hatte Freundinnen, mit denen ich (fast) alles geteilt habe. Und auch sonst hatte ich nie ein Problem damit, anderen etwas abzugeben oder auch mal zurückzustecken – ganz im Gegensatz übrigens zu vielen meiner Freunde mit Geschwistern.

Ich weiß noch genau, wie ich mit meiner damaligen besten Freundin und ihrem Bruder am Tisch saß, und wir Pizza gegessen haben. Ungläubig habe ich beobachtet, wie die beiden in Rekordgeschwindigkeit ein Stück nach dem anderen in sich reinschaufelten, als ginge es um Leben und Tod. Nach gefühlten 5 Minuten war die komplette Pizza verschwunden – und ich verbrachte den Rest des Abends mit knurrendem Magen.

Jedes 4. Kind in Deutschland ist Einzelkind

Wie mir geht es vermutlich vielen anderen: Etwa jedes vierte Kind in Deutschland wächst ohne Geschwister auf. Es gibt unzählige Studien über unser Verhalten, unsere (angeblichen) Eigenschaften, unser Sozialverhalten. Dabei kommen die Wissenschaftler immer wieder zu unterschiedlichen Ergebnissen. Mal sind Einzelkinder besonders kreativ und kommunikationsfähig, mal haben wir es schwer, soziale Kontakte zu knüpfen. Mal gelten wir als vernünftig und angepasst, dann wieder als konfliktscheu, starrsinnig und anfällig für Allergien. Eine ältere Studie will herausgefunden haben, dass Einzelkinder überdurchschnittlich intelligent sind, da sie von ihren Eltern besonders gefördert werden. Dann wiederum gab es die Erkenntnis, dass Erstgeborene am intelligentesten sind, weil sie das, was sie gelernt haben, an ihre jüngeren Geschwister weitergeben.

Viele Studien, noch mehr verschiedene Ergebnisse, und wisst ihr was? Ich gebe absolut nichts darauf. Weil es eben nicht „DIE Einzelkinder“ gibt. Wir sind genauso gleich oder verschieden wie Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen. Und ich bin davon überzeugt, dass die Persönlichkeit nicht davon abhängt, ob wir Brüder oder Schwestern haben. Sondern davon, wie wir erzogen werden, und in welchem Umfeld wir aufwachsen.

Meine Kinder müssen auf die Familie verzichten, die ich so geliebt habe

Als ich jünger war, haben wir wirklich viel mit der Familie unternommen. Und zwar nicht nur mit meinen Eltern, sondern auch mit Oma und Opa, Tanten und Onkeln, Cousins und Cousinen. Wir haben uns zu allen Geburtstagen getroffen, Weihnachten zusammen gefeiert, sind teilweise sogar zusammen in den Urlaub gefahren. Und ich bin heute noch froh, dass ich sie habe.

Meine Kinder haben einen Onkel, den sie sehr in ihre Herzen geschlossen haben. Eine Tante haben sie nicht, und auch keine Cousins oder Cousinen. Dass ich Einzelkind bin, hat also auch Einfluss auf das Leben meiner beiden. Wenn ich daran denke, wie sehr ich die vielen Treffen und Unternehmungen mit meiner Familie genossen habe, macht es mich traurig, dass meine Kinder genau darauf verzichten müssen.

Dafür haben sie etwas, das ich wiederum nicht hatte: sich selbst als Geschwister. Und das ist unglaublich viel wert. Richtig bewusst wird einem das oft erst, wenn die eigenen Eltern nicht mehr da sind.

Plötzlich war nur noch ich übrig

Nachdem Tod meines Papas war ich mit meiner Mama allein. Wir haben uns gegenseitig getröstet, uns Halt gegeben. Trotzdem habe ich mir oft gewünscht, dass da noch jemand wäre, der weiß, wie es mir geht. Der sich mit mir zusammen um meine Mutter kümmert. Der mir einen Teil der Verantwortung abnimmt.

Als meine Mama dann nicht mehr da war, wurde das Ganze noch extremer. „Jetzt bin nur noch ich übrig“ – der Gedanke schlich sich immer wieder in meinen Kopf. Es gibt niemanden, mit dem ich über meine Eltern sprechen kann, weil er sie so wie ich kannte. Niemanden, mit dem ich Kindheitserinnerungen teilen kann, niemanden, der in Familienurlauben, bei Feiern oder auch im Alltag dabei war. Es gibt nur noch mich, die die Erinnerungen an meine Eltern hat. Nur ich kann sie an meine Kinder weitergeben.

Abgesehen davon wäre es wirklich schön gewesen, seine Trauer mit jemandem teilen zu können. Entscheidungen abzugeben und nicht die gesamte Verantwortung zu tragen. Ich hätte mir so sehr jemanden gewünscht, der mich versteht – weil er das gleiche fühlt wie ich.

Ich weiß, dass es nicht immer so sein muss. Natürlich gibt es auch Geschwister, die sich einfach nicht verstehen oder zu verschieden sind. Trotzdem lässt mich der Gedanke bis heute nicht los, dass es einfach schön wäre, einen Bruder oder eine Schwester zu haben. Und ich glaube auch nicht, dass sich das jemals ändern wird. Denn Einzelkind bleibt man einfach für immer.

Wie sieht es bei euch aus: Seid ihr Einzelkinder oder habt ihr Geschwister? Und wie versteht ihr euch? Erzählt doch mal!

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Ich liebe den Hafen, fotografiere gern, gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Social Media und Texte ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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