Wie sich mein Leben änderte, als meine Mama starb

Wenn die eigenen Eltern sterben, ist das ein Schock, der ein riesiges Loch hinterlässt. Egal, wie alt man ist, der Abschied kommt einfach immer viel zu früh. Ich war 39, als meine Mutter starb. Und obwohl ich zu dem Zeitpunkt längst erwachsen und selbstständig war und zwei eigene Kinder hatte, hat sich nach ihrem Tod viel in meinem Leben verändert. Was genau, das erzähle ich euch hier.

Es fällt mir wirklich schwer, diesen Text zu schreiben

Und trotzdem ist es mir wichtig. Denn vielleicht geht es dem ein oder anderen genauso, der schon einen (oder sogar beide) Elternteil(e) verloren hat.

Als der Anruf aus dem Krankenhaus kam, hörte ich zwar, was die Krankenschwester mir sagte, aber realisiert habe ich es in dem Moment nicht. Die Ärztin hatte einen Tag vorher zwar etwas angedeutet, aber dass meine Mama wirklich gestorben war, kam nur durch einen Schleier bei mir an. Zehn Minuten später wurde meine Tochter wach und rief nach mir. Mein Mann wollte zu ihr gehen, aber ich ließ ihn nicht. In diesem Moment, der mit einem Schlag mein Leben veränderte, hatte ich das Bedürfnis, umso mehr für meine Tochter da zu sein.

Wirklich begriffen, was es wirklich für mich bedeutete, dass meine Mama jetzt nicht mehr da war, habe ich erst deutlich später.

11 Jahre vorher musste ich schon von meinem Papa Abschied nehmen

Die Zeit nach seinem Tod war wirklich schlimm. Nicht nur für mich, sondern natürlich auch (und besonders) für meine Mutter. Unser Verhältnis hat sich dadurch sehr verändert. Es ist viel enger geworden, obwohl wir auch davor schon ein gutes Verhältnis hatten. Und ein Stück weit hat es sich umgedreht. Denn ich habe versucht, meiner Mama so viel wie möglich abzunehmen. Wir waren füreinander da und haben uns gegenseitig Halt gegeben. Wir haben wir uns zusammen an früher erinnert, zusammen getrauert, geweint – und irgendwann auch wieder gelacht.

Als meine Mama dann starb, war einiges genauso und so vieles ganz anders. Inzwischen hatte ich selbst zwei Kinder. Und kein „Elternteil“ mehr, mit dem ich meine Trauer – und die gemeinsamen Erinnerungen – hätte teilen können. Mit meiner Mama ist das letzte Stück meiner Kindheit gestorben.

Es gibt niemanden (mehr), mit dem ich meine Erinnerungen teilen kann

Ich habe wirklich so viele, unglaublich tolle Erinnerungen an meine Kindheit – und an meine Eltern. Meine Mutter, die immer da war, wenn ich aus der Schule kam. Mein Papa, der die halbe Kinderzimmereinrichtung mit Begeisterung selbst gebaut und das Ganze später in meiner ersten eigenen Wohnung wiederholt hat. Die Unterstützung meiner Eltern während meines Studiums. Die 3 Wochen in den Sommerferien, in denen wir jedes Jahr zu dritt unterwegs waren. All die Geburtstage, Feste, wichtigen Tage und auch die vielen kleinen, besonderen Momente im Alltag. Und selbst die Kämpfe, die ich (meistens) mit meiner Mama ausgetragen habe, weil wir beide einfach unglaubliche Dickköpfe waren.

Besonders traurig finde ich, dass ich all diese Erinnerungen mit niemandem mehr wirklich teilen kann. Denn als Einzelkind habe ich keinen Bruder und keine Schwester, die all das auch erlebt haben. Nach dem Tod meines Papas hatten meine Mutter und ich zumindest noch uns beide. Als meine Mama dann starb war ich allein.

Bitte versteht das nicht falsch: Natürlich habe ich inzwischen meine „eigene Familie“ mit meinem Mann und unseren beiden wunderbaren Kindern. Trotzdem ist es nicht das Gleiche, denn keiner von den Dreien hat all das mit meiner Mama erlebt, was ich mit ihr erlebt habe.

Erinnerungen sind das Wertvollste, was uns bleibt

In der ersten Zeit haben all diese Erinnerungen unglaublich wehgetan. Eine bestimmte Situation, ein Song im Radio, ein Foto auf dem Handy – manchmal nur der Duft eines bestimmten Parfums. All das erinnerte mich an meine Mama und die schmerzliche Tatsache, dass sie nie wieder da sein wird. Dass ich nie wieder mit ihr sprechen, sie umarmen oder mit ihr lachen kann.

Irgendwann, und das habe ich nach dem Tod meines Papas gelernt, irgendwann kann man bei dem Gedanken an die vielen schönen Erinnerungen wieder lächeln. Über das völlig entgleiste Gesicht bei der Überraschungsparty lachen, an die unbändige Freude denken, als wir meiner Mama gesagt haben, dass sie Oma wird.

Sich Fotos anschauen, ohne dabei in Tränen auszubrechen. Und den Kindern von Oma erzählen, ohne nach 2 Minuten aus dem Zimmer zu gehen. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem wir Erinnerungen nicht mehr als zu schmerzhaft verbannen, sondern sie als das sehen, was sie sind: Das Wertvollste, was uns von unseren Eltern bleibt.

Geliebte Rituale sind plötzlich nicht mehr da

Meine 39 Geburtstage habe ich alle mit meiner Mama verbracht. Oder zumindest haben wir uns immer für ein paar Stunden gesehen. Das gleiche gilt übrigens für ihre Geburtstage.

Auch Weihnachten war immer etwas ganz Besonderes. Mein Papa kam aus dem Erzgebirge und hatte immer sehr großen Spaß daran, die Wohnung weihnachtlich zu dekorieren. Ich war jedes Jahr an Heiligabend bei meinen Eltern – auch, als ich schon lange ausgezogen war. Nachdem mein Papa nicht mehr da war, hat meine Mama die Weihnachtssachen nie wieder ausgepackt. Stattdessen sind wir am 24.12. zusammen zum Essen gegangen. Als ich dann selbst Mama wurde, haben wir Heiligabend mit meiner Mutter und der Familie meines Mannes gefeiert. Seit inzwischen 3 Jahren ist meine Mama nicht mehr dabei.

Natürlich ist Weihnachten mit meinem Mann und meinen Kindern auch besonders und wirklich schön. Trotzdem muss ich jedes Jahr daran denken, wie es wohl wäre, wenn „die zweite Oma“ auch dabei wäre.

Was es wirklich heißt, auf eigenen Beinen zu stehen, habe ich erst dann begriffen

Meine Mutter und ich haben sehr regelmäßig telefoniert. Nach dem Tod meines Papas sogar jeden Tag. Ich habe das sehr genossen, und meine Mama auch. Wenn mich etwas beschäftigt hat, konnte ich sie immer anrufen. Ganz egal, ob lustig, traurig oder einfach nur aufregend. Bei Liebeskummer, Zweifeln im Job oder Fragen zu meiner Tochter – meine Mama war immer für mich da und oft meine erste Ansprechpartnerin.

Nach ihrem Tod schoss noch Monate später immer wieder der Gedanke in meinen Kopf „Dass muss ich Mami erzählen“. In der ersten Zeit hatte ich den Telefonhörer sogar ein paar Male schon in der Hand. Ich musste ihn wieder auflegen – mit der traurigen Erkenntnis, dass meine Mutter nie mehr abheben wird. Und auch heute, bald 3 Jahre später, denke ich oft daran, was sie zu bestimmten Dingen gesagt hätte. Worüber sie sich gefreut hätte. Oder was wir zusammen hätten erleben können.

Auch wenn ich vorher schon selbstständig war und wir unser eigenes Leben geführt haben: Was es wirklich bedeutet, auf eigenen Beinen zu stehen, habe ich eigentlich erst nach dem Tod meiner Mama richtig verstanden. Natürlich gibt es andere liebe Menschen, die für mich da sind – trotzdem habe ich wieder einmal festgestellt, wie viel Wahres an dem Spruch dar ist: „Eine Mama kann vieles ersetzen – aber niemand kann eine Mama ersetzen.“

Plötzlich war ich nur noch selbst Mama – und keine Tochter mehr

Das stimmt natürlich nicht ganz, denn auch wenn meine Mama nicht mehr da ist, werde ich immer ihre Tochter bleiben. Und so lange man sich die Erinnerungen im Herzen bewahrt, sind die Eltern ja auch nie ganz weg. Trotzdem hat sich meine Rolle verändert. Denn nun war ich auch offiziell kein „Kind“ mehr. Und ich musste meinem Kind erklären, warum Oma plötzlich nicht mehr da war – ohne meine Mutter dafür um Rat fragen zu können.

Die Verantwortung habe ich natürlich vorher schon allein getragen. Aber jetzt war plötzlich die Person nicht mehr da, der ich bei vielen Entscheidungen am meisten vertraut habe. Gefühlt war das noch ein Stück mehr Verantwortung – und es lastete erst einmal ganz schön schwer auf meinen Schultern.

Ich habe einige Dinge bereut

Nachdem meine Tochter auf der Welt war, hat sich mein Verhältnis zu meiner Mutter verändert. So sehr ich unsere täglichen Telefonate genossen habe, sind sie trotzdem weniger geworden. Ich war oft zu müde, zu gestresst, oder mir fehlte einfach die Kraft. Im Nachhinein habe ich viel darüber nachgedacht und es bereut, dass ich nicht häufiger einfach „nur kurz“ durchgeklingelt habe. Dass ich am Wochenende nicht öfter mit den Kindern zur Oma gefahren bin. Ich habe über unsere unnötigen Streitereien nachgedacht, die zum Glück nicht allzu oft vorgekommen sind. Über das Unverständnis, das ich ihr bei einigen Themen entgegengebracht habe. Ich frage mich, ob ich die Zeit mit meiner Mutter nicht besser hätte nutzen können und sollen.

Im Endeffekt bringt es nichts, sich Vorwürfe zu machen, das weiß ich auch. Deshalb versuche ich, dankbar zu sein. Für die Zeit, die wir zusammen hatten, immerhin ganze 39 Jahre. Manchmal spreche ich auch heute noch mit meiner Mutter. Erzähle ihr, was ihre Enkel so treiben, oder was mich selbst beschäftigt. Ich weiß, dass ich keine Antwort bekommen werde, trotzdem tut es mir gut.

Ich vermisse die gemeinsame Zukunft mit meiner Mama

Es klingt vielleicht auf den ersten Blick absurd. Denn wie kann man etwas vermissen, das noch gar nicht da war? Mein Papa hat meine Kinder leider nie kennengelernt, daran hatte ich eine ganze Zeit zu knabbern. Meine Mama hat immerhin die ersten Jahre im Leben meiner Tochter mitbekommen, beim kleinen Bruder zumindest die ersten Monate.

Ich habe mir einfach so oft ausgemalt, wie meine Kinder Zeit mit ihrer Oma (und auch dem Opa) verbringen. Wie sie sich auf die Besuche freuen, vielleicht irgendwann dort übernachten – so, wie ich es geliebt habe, bei meinen Großeltern zu schlafen. Ich muss an all die schönen Dinge denken, die ich mit meiner Oma und meinem Opa erlebt habe. Und es tut mir weh, dass meine Mutter das mit ihren Enkeln nicht erleben kann. Dass meine beiden sich irgendwann nicht einmal mehr an ihre Oma erinnern werden. Wie sollten sie auch, sie waren einfach noch viel zu klein.

Natürlich kann und werde ich den Beiden viel von meiner Mutter erzählen. Ihnen Fotos zeigen und erklären, wie ihre Oma war. Aber das ist nun einmal leider nicht das Gleiche.

Das Leben geht weiter – aber so vieles verändert sich

Nachdem der Anruf aus dem Krankenhaus kam, war es für mich unbegreiflich, dass die meisten Dinge einfach weiterlaufen wie bisher. Dass mein Leben einfach weitergeht, obwohl sich mit einem Schlag soviel verändert hat. Aber wisst ihr was? Vielleicht ist genau das auch gut und wichtig. Denn so traurig es auch ist, und so schwer der Abschied uns fällt – irgendwann müssen wir wieder nach vorn blicken. Akzeptieren, dass Veränderungen zum Leben dazugehören, auch wenn wir auf einige lieber verzichten würden. Uns auf die Zukunft mit unseren Kindern freuen, statt traurig in der Vergangenheit zu leben. Die Erinnerungen in unserem Herzen bewahren und neue Erinnerungen für uns und unsere Kinder schaffen. Und immer daran denken, wie stolz unsere Eltern auf uns wären, wenn sie all das sehen könnten.

Wie ist es bei euch: Musstet ihr auch schon von einem Elternteil Abschied nehmen? Und habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht, oder war es vielleicht völlig anders? Erzählt uns gern davon, wenn ihr mögt – in den Kommentaren oder in unserer geschlossenen Facebook-Gruppe „Wir sind Echte Mamas“

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern.

Seit 2015 sind wir Eltern einer zauberhaften Tochter. Zwei Jahre später kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und unsere Familie war komplett. Zusammen sind die beiden ein unschlagbares Team, das sich nur allzu gern gegen Mama und Papa verbündet.

Abgesehen von meiner Familie liebe ich den Hafen, fotografiere gern und gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Texte und Social Media ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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