„Die mentalen Belastungen des Mamaseins überraschten mich total!“

„Man liest ja immer über die freudigen Gefühle beim Anblick eines positiven Schwangerschaftstests. Als mein Partner Hagen und ich uns entschieden, ein Kind zu bekommen, waren wir beide überrascht, wie schnell es mit der Empfängnis geklappt hatte.

Aber nichts hatte mich auf das seltsame Gefühl des plötzlichen Widerstands vorbereitet, als ich erfuhr, dass ich schwanger bin.

Tatsächlich war ich bestürzt, so als ob mir jemand Zeit weggenommen hätte. „Jetzt schon?!“ war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss.

Kein glückliches Jauchzen, kein Freudentanz und erst recht keine Freudentränen, sondern Reue überfiel mich. Dazu kam, dass ich mich mit diesem Gefühl sehr einsam fühlte, denn ich traute mich nicht, darüber zu reden.

Das Atmen fiel mir schwer

Die Hormonumstellungen machten mir dermaßen zu schaffen, dass ich mich von Freunden zurückzog. Mein mentales Wohlbefinden geriet völlig aus dem Gleichgewicht. Ich war ständig genervt und plötzlich fingen sogar Sachen in unserer Wohnung an, mich zu stören.

So verfasste ich eines Tages online eine Anzeige, dass ich unsere Couch verschenken möchte, ohne es meinem Partner zu sagen. Die große Eckcouch musste raus aus dem Wohnzimmer. Mir war, als ob ich keine Luft zum Atmen hätte. Ich brauchte unbedingt Platz, so als ob ich den Raum wiedererlangen wollte, den mein Kind in mir einnahm. Glücklicherweise ist Hagen sehr verständnisvoll und es gab keine Vorwürfe, die zum Streit geführt hätten. Er machte sich Sorgen um mich, weil ich die Schwangerschaft so schwer erlebte.

Ungefähr nach dem vierten Schwangerschaftsmonat ging es mir dann aber langsam besser und ich hatte mich mit den neuen Umständen abgefunden. Du wirst Mutter, wiederholte ich mir stets, aber das heißt nicht, dass dein Leben vorbei ist.

Vielleicht war es auch der Einfluss der Medien, die einem ständig suggerieren, dass Muttersein etwas Anstrengendes ist und sehr viel Selbstlosigkeit und eine Menge Opfer verlangt. Und ich redete mir selbst ein, dass nicht alles stimmen muss. Mein Leben müsse sich nicht völlig verändern, ich würde immer noch Frau und nicht nur Mutter sein.

Angst und Isolation

Als ich mein Baby nach einer komplikationslosen Geburt in den Armen hielt, war ich überwältigt, aber nicht sofort in mein Kind verliebt, wie es manche Mütter erleben. Und obwohl ich in der Schwangerschaft viele Blogs und Ratgeber gelesen hatte, war ich nicht im Entferntesten darauf vorbereitet, was auf mich zukam.

Sowohl meine als auch die Familie von Hagen leben in anderen Städten, wobei uns mehr als jeweils 80 km trennen. Allen werdenden Müttern, die zum ersten Mal schwanger sind, kann ich von Herzen raten: Organisiert besonders eure Familienmitglieder so, dass ihr immer Hilfe in der Nähe habt, sobald das Kind da ist.

Denn es war nicht nur anstrengend, sondern gelegentlich sogar unerträglich. Nicht die Tatsache, dass wir nachts kaum geschlafen hatten, nicht die Unordnung in der Wohnung, die überhandnahm, nicht die Müdigkeit waren außerordentlich, sondern die Angst.

Diese klebrige, aufschwellende Angst, dass ich meinem Kind wehtun könnte. Dass ich es falsch halten, zu grob anfassen, versehentlich erdrücken, fallen lassen, ja sogar überhören könnte.

Hagen musste arbeiten gehen. Ich vernachlässigte mich völlig, hatte sogar Angst, auf die Toilette zu gehen. Zudem machte mir auch ein Milchstau zu schaffen und ich fürchtete mich, mein Baby nicht versorgen zu können. Eine Hebamme konnte ich in der Schwangerschaft nicht finden.
An Freunde dachte ich nicht mehr. Seit mich eine meiner Freundinnen mit ihrem Freund einmal besuchen kam und sie sich hinsetzten und ihren Kaffee erwarteten, so als wäre es die üblichste Angelegenheit. Danach kam es mir nicht mehr in den Sinn, jemanden einzuladen.

Die überraschende Wende

Hagen versuchte behutsam mit dem Vorschlag auf mich zuzukommen, dass ich eine Psychotherapeutin besuchen könnte. Er nahm Urlaubstage, damit ich nicht völlig alleine bin, so schlecht ging es mir. Und dann meldete sich Hannah, eine entfernte Freundin, die nach Schweden gezogen war und für einige Tage nach Deutschland kam.

Hannah ist alleinerziehende Mutter eines autistischen Mädchens. Seit Jahren geht sie zur Psychotherapie, um mentale Stärke aufzubauen und Bewältigungsstrategien zu erlernen. Sie ging mit ihrer Tochter in die USA, um Seminare über Autismus zu besuchen und sich zu vernetzen und schließlich zog sie nach Schweden um, damit es ihrem Mädchen dort besser geht.

Sie kam wie ein Wirbelwind in diese Situation, ohne Vorankündigung. Es war, als ob ihr nur ein Blick auf mich, mein Baby und meine Wohnung gereicht hatte, um zu verstehen, was vor sich geht. Sie räumte auf, putzte, kochte, nahezu ohne zu reden. Sie füllte Wasser in die Badewanne und führte mich wortlos ins Badezimmer.

Dann saß sie vor meinem Computer und telefonierte. Sie rief Freunde, Bekannte, ehemalige Arbeitskolleginnen an und schaffte es tatsächlich, eine Hebamme zu organisieren. Schließlich setzte sie einen Kaffee auf und während sie mein schlummerndes Kind in den Händen hielt, sagte sie mir, ich solle meine Eltern anrufen.

Nicht einmal denen hatte ich nämlich etwas von unserer Situation, von meinen Ängsten und Problemen erzählt. Als sie uns besuchen kamen, gab ich mir alle Mühe, zu verbergen, wie schlecht es mir ging und erwiderte auf ihre besorgten Fragen, dass ich nur müde bin, aber ansonsten alles in Ordnung ist.

Hannah spielte mit meinem Sohn und sah aus wie ein kleines Mädchen, dass sich über eine neue Entdeckung wundert. Sie meinte, es wäre wie ein Wunder, wie es lächelt, greift, sucht, den Finger umklammert, den man ihm hinhält. Es ist schwer zu beschreiben, was in diesen wenigen Tagen in mir vorging, während ich Hannah beobachtete.

Diagnose Wochenbettdepression

Als sie wieder weg war, hatte ich nicht nur eine Hebamme, sondern auch meine Eltern waren dabei, sich zu organisieren, um mich vor Ort zu unterstützen. Hagen ging wieder arbeiten und ich versuchte, wieder mit meiner Angst klarzukommen.

Auch Hannah meinte, dass ich mich bei einem Psychotherapeuten melden sollte, weil ich wahrscheinlich an einer Wochenbettdepression leide. Und tatsächlich war neben einer ungeheuren Dankbarkeit dieser unglaublich starken Frau gegenüber mein Grübeln darüber, was für eine Versagerin und wie unfähig ich bin, sehr erdrückend.

Ich befolgte den Rat von Hagen und Hannah und mit der Hilfe meiner Eltern und meiner einfühlsamen Hebamme ging es mir langsam besser. Ich denke auch nicht mehr, dass ich versagt hatte, sondern weiß, dass ich erkrankt war und dass dies ein großer Unterschied ist.

Welches Bild von Elternschaft konstruieren wir?

Jedes Mal, wenn ich Blogs über Mutter- oder Elternschaft lese, habe ich ein seltsam zwiespältiges Gefühl. Einerseits finde ich es toll, dass so viel darüber geschrieben wird, wie viel Kraft und Mühe es kostet, ein Kind zu versorgen und großzuziehen. Andererseits finde ich das alles mehr als übertrieben, wenn ich an Hannah denke.

Dann erscheint mir nicht nur das ständige Hervorheben der Herausforderungen und Schwierigkeiten als prätentiös, sondern auch meine eigene Krankheit scheint mir nur ein Wehwehchen gewesen zu sein im Vergleich zu dem, womit Hannah zu kämpfen hat.

Und ist es nicht so, dass es auf der Welt so viele Mütter gibt, die mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit die widrigsten Umstände meistern? Haben wir in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht überhebliche Ansprüche ans Leben und auch auf die Elternschaft, dass wir aus allem ein großes Thema machen müssen? Die Natur hat nicht dafür gesorgt, dass wir instinktiv wissen, wie man ein Baby zu versorgen hat und wir müssen unsere Mitmenschen beobachten und lernen, wie es geht. In vielen Fällen geht so manches schief, über das man aber nicht so oft schreibt.

Nein, nicht immer liebt eine Mutter ihr Baby. Nein, nicht immer freut man sich über einen positiven Schwangerschaftstest, auch wenn man ihn angestrebt habt. Und nein, sogar eine Wochenbettdepression ist nicht wirklich etwas Außergewöhnliches, wenn man Hilfe sucht und annimmt.

Niemand kann es im Alleingang schaffen, die große Veränderung und Verantwortung zu bewältigen, die ein Baby ins Leben bringt. Ich hatte außerordentliches Glück, dass die richtige Person zum richtigen Zeitpunkt für mich da war und mir die Augen öffnete. Vor allem an Hannah habe ich gedacht, als ich Mutter-Tochter-Sprüche für unseren Blog gesammelt habe.

Ich weiß, dass es viele Eltern gibt, die mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen haben. Es wäre schön, wenn sie öfter zu Wort kommen würden, damit man weiß, dass man nicht alleine ist.“


Über unsere Gastautorin:

Ich bin Lena Lorenz, ehemalige Archäologin und nun Mama von zwei (B)engeln. Einst wühlte ich durch die Erde und nun wühle ich durch die Höhen und Tiefen der Mutterschaft mit gleicher Leidenschaft und erstelle Inhalte für Muttergeist, eine Community für Mamas, die mehr über hilfreiche Eltern-Hacks, Schwangerschaft, postpartale Gesundheit und die besten Produkte erfahren möchten. Du kannst mir auf Instagram und Pinterest folgen.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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