Darf ich meinem Kind eine Freundschaft verbieten?

Wir Menschen sind Herdentiere. Die meisten von uns brauchen die Bindung an andere, um sich wohlzufühlen und weiterzuentwickeln. Deshalb freue ich mich riesig über jede neue Freundschaft, die mein Kind schließt. Über das Lächeln, das es auf sein Gesicht zaubert, wenn es von einem Menschen erzählt, den es mag, und von dem es sich akzeptiert fühlt. Doch es gibt auch Bekanntschaften, die ich mit einem Magengrummeln betrachte. Kennt ihr auch das Gefühl, dass ihr gerne einen Freund eures Kindes aus dessen Umfeld streichen würdet?

Es ist mir unangenehm, so wütend auf ein kleines Kind zu sein

Aber manchmal kann nicht anders. Dann betitele ich ganz leise und nur in meinem Kopf ein Kind mit einem fiesen, unangemessenen Schimpfwort, für das ich mich hinterher schäme. Ein Vorschulkumpel meines Sohnes macht zum Beispiel vor allem eines Spaß: mit anderen Kindern eine Bande zu bilden, um dann Jagd auf wehrlose Einzelne zu machen. Ihnen Sand in die Augen zu werfen, ist noch harmlos. Gerne hält er auch ein Kind fest und fordert andere auf, es zu schlagen. Streit und Balgereien von Kindern sind normal, aber dieses zielgerichtete Fertigmachen von anderen, kommt mir einfach nur fies vor.

Mit harschen Urteilen halte ich mich trotzdem zurück, weil ich froh bin, wie offen mein Sohn noch mit mir redet. Ich habe zu oft gesehen, dass Kinder, die viel ausgeschimpft werden („Warum spielst du denn überhaupt mit dem Idioten!“), daraus bloß lernen, besser zu lügen. Ich weiß, dass auch mein Sohn nicht mag, wie sein Kumpel mit anderen umgeht. Zum Glück zieht er auch nicht mit, wenn der mal wieder einen Schwächeren drangsaliert. Mein Sohn hat mir allerdings auch erzählt, wie er selbst diesem Kumpel gegenüber einmal behauptet hat, ein eigentlich sehr nettes Kind nicht zu mögen. Er wollte so verhindern, dass der andere ihn gleich wieder aggressiv angeht. Ich habe gesehen, wie peinlich es meinem Sohn war, davon zu erzählen, weil er wusste, dass es eigentlich nicht in Ordnung war. Ich habe ihn gedrückt und ihm gesagt, dass ich ihn verstehe. Mir zeigte es, dass der moralische Kompass meines Sohnes funktioniert und er zumindest nicht aktiv mitmacht, wenn andere geärgert werden. Dennoch wäre es mir am liebsten, er hätte keinen Kontakt mehr zu diesem speziellen Kumpel.

Warum ich ihm die Freundschaft trotzdem nicht verbiete

Das wäre schon deshalb absolut unrealistisch, weil mein Sohn diesen Jungen jeden Tag sieht und irgendwie mit ihm klarkommen muss. Außerdem weiß ich, wie wichtig es ist, dass Kinder eigene Erfahrungen machen. Deshalb unterdrücke ich die Löwenmama in mir, die es hasst, an wie vielen kleinen Enttäuschungen und Verletzungen unsere Kinder reifen müssen. Es versetzt mir einen Stich, zu sehen, wie das Licht in den Augen in solchen Momenten vorübergehend erlischt und danach ein misstrauischerer kleiner Mensch vor mir steht.

Aber Zwang, Verbote und Kontrolle würden spätestens in ein paar Jahren ohnehin nicht mehr funktionieren. Trotzdem versuche ich natürlich, an meinem Kind dranzubleiben – indem ich möglichst vorurteilslos (klappt mal mehr, mal weniger gut) Fragen stelle. Nicht zu viele und keine bohrenden. Er soll wissen, dass ich für ihn da bin, sich aber nicht bedrängt fühlen.

Zuhören gibt Sicherheit – dir und deinem Kind

So habe ich herausgefunden, dass er diesen Kumpel zwar einen Freund nennt, aber nur, weil Jüngere alle Kinder so nennen, mit denen sie Zeit verbringen. Ihm ist bewusst, dass es sich um eine Zweckgemeinschaft handelt, auch wenn er sie noch nicht so benennen kann. So verhindert er, dass der andere ihn auf dem Kieker hat. Kann man irgendwie nachvollziehen, oder? Eigentlich finde ich es ziemlich cool, wie bewusst mein Kind solche Mechanismen schon wahrnimmt und dass wir darüber reden können. So weiß ich, dass er sich eigentlich selbst nicht wohl mit der Situation fühlt und wir können uns Strategien überlegen, wie er mit der Situation so umgehen kann, dass er sich wohler fühlt.

Ich habe ihm bewusst nicht gesagt: „Das nächste Mal bietest du deinem Freund aber gefälligst die Stirn!“ Das baut nur Druck auf und erfordert eine Stärke, die sich vielleicht erst später entwickelt. Ich weiß nicht, ob ich sie in dem Alter gehabt hätte.

Dein Kind mag den „Satansbraten“ wirklich sehr?

Auch dann solltest du dich mit einem Urteil zurückhalten. Knalle deinem Kind auf keinen Fall vor den Latz, was für ein übles Ar*** der andere in deinen Augen ist. Es stürzt dein Kind in einen Konflikt, wenn du jemanden vehement ablehnst, den es selbst mag. Finde lieber heraus, was es an diesem Menschen so gerne mag. Vielleicht ist sein Freund tatsächlich gar nicht so übel, und du hast ihn nur in blöden Momenten erlebt? Oder du warst aus anderen Gründen voreingenommen? Es gibt im Umfeld meines Sohnes zum Beispiel ein Kind, das viele Eltern nicht einladen, weil es ihnen zu frech ist und nicht hört. Meinem Sohn ist dieser Junge allerdings ein lustiger und loyaler Freund. Weil ich toll finde, wie kreativ die beiden spielen, nehme ich alle Eigenarten gelassen in Kauf. Seltsamerweise verhält er sich bei uns aber auch gar nicht so „schrecklich“. Vielleicht weil er merkt, wie sehr wir ihn als Freund unseres Kindes schätzen.

Schau also, ob das andere Kind deinem kleinen Schatz wirklich schadet, oder du vielleicht einfach nur nicht mit ihm harmonierst. Dann versuche, tolerant zu bleiben. Dein Kind muss deine Vorlieben nicht teilen. Außerdem kann es gefährlich sein, einem anderen Kind ein Etikett aufzudrücken, das es vielleicht immer mehr in eine bestimmte Ecke drängt.

Mit Glück ist es nur eine Phase

Anders sieht es aus, wenn ein „Freund“ sich als wirklich schädlich erweist. Etwa, indem er deinem Kind sein Selbstvertrauen nimmt, es klein macht oder es zu Dingen erpresst, die es selbst nicht tun will. Wahrscheinlich hat der „Freund“ einen Grund, sich so zu verhalten. Aber es ist verständlich, wenn es dich gerade mehr interessiert, dein eigenes Kind vor Schaden zu bewahren. Du bist schließlich nicht Erzieher oder Therapeut des anderen Kindes. Wenn du den Eindruck hast, dass es in der Verbindung sehr heftige Probleme gibt, solltest du die Erzieher und eventuell die Eltern (je nachdem, wie die ticken) des anderen Kindes mit an Bord holen.Oft wissen die nämlich gar nicht, wie sich ihr Nachwuchs woanders verhält.

Ganz so heftig ist es nicht, aber dennoch unangenehm? Dann rede mit deinem Kind ruhig über schwierige Situationen mit seinem Freund. Finde heraus, wie es sich dabei fühlt. Sprecht aber bitte auch über die Kontakte mit „netten“ Freunden. Vielleicht stellt dein Kind von ganz alleine fest, mit wem es sich wohler fühlt. Ein kleiner Trost, wenn das nicht gleich klappt: In dem Alter sind Freundschaften noch nicht besonders langlebig – und zum Glück geht es bislang selten um so Dramatisches wie das Kind vor Drogenkonsum oder einer kriminellen Laufbahn zu bewahren.

Wie ist es bei euch: Haben eure Kinder auch „Freunde“, die euch ein Dorn im Auge sind? Und wenn ja, wie geht ihr damit um? Wir freuen uns über eure Kommentare – hier oder auf unserer Facebook-Seite.

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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