Bist du auch oft so wütend? Kein Wunder!

Ganz vorsichtig sagt eine Freundin: „Sag mal, kennst du das auch? Manchmal flippe ich schon beim kleinsten Anlass aus. Ich glaube, ich bin nicht mehr so belastbar wie früher.“

Früher war, bevor wir Mamas wurden. Und als wir es  waren, wurde es noch schwieriger, über Wut zu reden. Frauen haben nicht wütend zu sein. Mütter erst recht nicht. Sanftmütig und verständnisvoll sollen sie sein. Routiniert darin, die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Sie wird laut? Sie ist wohl hysterisch oder hat ihre Tage. Dabei ist diese Wut gar keine Frage deiner Belastbarkeit – sondern der übergroßen Belastung vieler Mütter. Deshalb:

Es ist okay, dass du wütend bist!

Im Englischen ist Mom Rage bereits ein stehender Begriff. Damit soll das Gefühl nicht in eine putzige Mutti-Ecke gedrängt werden. Die „Mama-Wut“ ist schließlich eine Wut wie jede andere auch. Die Bezeichnung soll nur verdeutlichen, dass sich im Mamaleben die Trigger häufen, die Menschen zum Überkochen bringen können.

Manche Frauen denken, mit ihnen stimmt etwas nicht, weil ein kleiner Kommentar ihres Partners oder die wiederholte Mäkelei des Kindes am Essen in Nullkommanichts ein glutäugiges Wutmonster zum Vorschein gebracht hat. War doch voll übertrieben und ein peinlicher Kontrollverlust? Nur auf den ersten Blick, denn die wahren Ursachen liegen tiefer.

Menschen werden wütend, wenn ihre Bedürfnisse nicht gehört werden

Und die Bedürfnisse von Müttern werden andauernd ignoriert: Wir sollen mehr Kinder bekommen, dann aber bitte nicht über familienfeindliche Strukturen jammern. Wir machen alles falsch. Wenn wir lange, kurz oder gar nicht stillen. Wenn wir im Wochenbett schon wieder in Vollzeit arbeiten („Wozu setzt du dann überhaupt Kinder in die Welt?“). Wenn wir frühestens nach drei Jahren wieder eine Teilzeitbeschäftigung aufnehmen („Merkst du nicht, wie abhängig du dich machst, du Hausfrau?“).

Denjenigen, die uns unterstützen – Hebammen und Kindergärtner*innen – wird durch  ungerechte Regelungen und miese Bezahlung  die Arbeit erschwert. Kein Wunder, dass manche von ihnen das Handtuch werfen. Aber für uns Mütter ist nicht einmal das eine Option. Und deshalb kollabieren wir manchmal unter dem Druck der Erwartungen und wegen mangelnder Unterstützung.

Am Ende genügt ein Funken

Wir strampeln uns ab, um unsere Kinder so bedürfnisorientiert wie keine Generation zuvor zu erziehen. Doch unsere eigenen Bedürfnisse scheinen niemanden zu interessieren. 18 Euro mehr Kindergeld sind als Pflaster zu klein, um die Wunde darunter abzudecken. Es fehlt einfach an struktureller Unterstützung: gleiche Bezahlung, echte Anerkennung von Care-Arbeit, flexible Arbeitszeiten,…

Und selbst wenn sich schon viele Männer auf den ersten Blick fair beteiligen – was das Kochen, Einkaufen oder Wäschewaschen angeht – bleibt der unsichtbare „Mental Load“ oft immer noch an uns hängen. Wir haben die Termine der Familie im Kopf, denken an den Elternabend, am Strand an die Sonnencreme und im Winter an die Mütze. Da qualmt uns oft der Schädel, und auch unter der Oberfläche schwelt es. Ist es da ein Wunder, wenn am Ende ein Funke genügt?

Bevor die Wut zerstörerisch wird

Achtung: Dies soll zwar ein Appell sein, deine Bedürfnisse ernst zu nehmen und sie zu äußern, aber kein Vorwand, den Menschen in deiner Umgebung ungehemmt an die Gurgel zu gehen. Wenn du deine Wut regelmäßig auf eine Art und Weise herauslässt, die dir oder deiner Familie schadet, scheue dich bitte nicht, dir Hilfe zu suchen.

Was du aber in jedem Fall tun solltest: deinen Lieben gegenüber deine Bedürfnisse klar (und vor allem den Kindern gegenüber sanft) zu formulieren. Womöglich fallen sie aus allen Wolken und unterstützen dich fortan besser. Nicht deine Kinder sind Schuld, dass du zu kämpfen hast – es ist die mangelnde Unterstützung.

Zu erkennen, dass dieses Problem nicht allein dein persönliches ist, sondern mit unserer Gesellschaft zu tun hat, hilft mit ihr umzugehen. Richte deine (laute) Wut also lieber gegen das System. Das Gewicht, dass du auf deinen Schultern spürst ist real – auch wenn immer irgendwo irgendjemand noch einen schwereren Packen zu tragen hat. Wir dürfen, wir sollten ruhig laut werden für unsere berechtigten Forderungen. Leise Stimmen mögen zwar manchen weiblicher erscheinen, aber gehört hat sie – vielleicht gerade auch deshalb – all die Jahre kaum jemand.

Zu hohe Erwartungen, zu wenig Unterstützung – da darf man sich als Mama schon mal kampflustig zeigen!

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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