Wie kann man mit „einsilbigen“ Kindern über Gefühle sprechen?

„Wie war’s denn heute in der Schule/im Kindergarten?“ „Mhm.“ (Kind sieht bedrückt aus). „Stimmt etwas nicht?“ „Ne, wieso?“

Kennt ihr solche Gespräche auch? Ihr seid nicht allein, mir fällt dabei immer folgendes Lied von der wundervollen Band Deine Freunde ein:

Mittlerweile weiß ich zum Glück besser, wann unser Sohn zugänglich ist für Gespräche – und wann er garantiert dicht macht.

Was ich über die Jahre gelernt habe:

Lass dein Kind auf dich zukommen

Eigentlich ganz einfach: Dein Kind will nur reden, wenn es reden will. Falls dein Kind ein Problem anspricht, überschütte es nicht gleich mit Ideen, Ratschlägen und Verständnis. Halte dich mit deiner Meinung zurück und höre noch viel unvoreingenommener zu, als du es bei anderen Erwachsenen tun würdest.

Auch wichtig: Würge dein Kind nicht ab, wenn es Redebedarf hat, egal wie unpassend der Moment dir vorkommen mag. Leider tauchen wichtige Themen nämlich oft gerade dann auf, wenn wir es besonders eilig haben. Vielleicht kann das, was du vorhast, auch noch ein paar Minuten warten? Notfalls erkläre freundlich, dass du sehr gerne darüber reden möchtest und auch, wann es dir möglich ist (z.B. „Sobald ich XY erledigt habe“).

Horche dein Kind nicht aus

Natürlich kann es passieren, dass der Moment dann vorbei ist. Stimmungen schlagen bei Kindern schnell um. Wichtig ist, dass du es dann nicht bedrängst.  Wenn du merkst, dass dein Kind etwas beschäftigt, es aber noch nicht so weit ist, es dir mitzuteilen, kannst du es in den Arm nehmen – wenn es Berührungen gerade zulässt. Du könntest etwas sagen wie: „Vielleicht ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum Reden? Aber ich bin da, wenn du soweit bist.“

Wichtig ist, dass du es dann auch dabei belässt, egal, wie schwer es dir fällt.  Damit es sich öffnet, muss dein Kind sich mitsamt seinen Gefühlen angenommen und akzeptiert fühlen. Dazu gehört auch, den Wunsch zu respektieren, dass es gerade nicht reden möchte.

Bewerte die Gefühle deines Kindes nicht

Manchmal sitze ich mit offenen Mund da, wenn ich erfahre, was im Kopf meines Sohnes vorgeht. Welche Dinge ihm schreckliche Sorgen bereiten. Oft sind es in meinen Augen Lappalien. Aber für ihn sind es keine – und nur das zählt. Deshalb verkneife ich mir Aussagen wie: „Das ist Quatsch. Mach dir darum keinen Kopf.„ Oder: „Wie kommst du denn auf SO was?“ Selbst ein einfühlsam formuliertes „Das schaffst du ganz sicher, mein Schatz“, kann sich für dein Kind so anfühlen, als würdest du seine Bedenken nicht ernst nehmen. Benenne einfach nur seine Gefühle („Ich sehe, dass du Angst hast/dir Sorgen machst/dich unwohl fühlst“, „Das fühlt sich sicher unfair an“) und signalisiere, dass du an seiner Seite bist: „Ich höre dir zu“, „Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Ich bin für dich da.“

Wichtig: Starke negative Emotionen können sich manchmal wie ein Angriff anfühlen. Aber werte Ausbrüche nicht als persönliche Attacke. Viel eher steckt dahinter ein tiefes Bedürfnis deines Kindes: Es will anerkannt und gesehen werden.

Warum Gefühle einen Namen brauchen

Kinder sind gefühlsstark. Doch bevor sie ihre Gefühle benennen können, sind ihre Möglichkeiten begrenzt, sie so auszudrücken, dass du sie wirklich verstehst. Das kann sehr frustrierend sein. Deshalb ist es gut, wenn ihr schon früh über Gefühle sprecht.

Fangt mit Basic-Emotionen an – wie „traurig“ oder „ängstlich“. Ältere Kinder begreifen dann auch schon komplexere Empfindungen wie „einsam“, „beschämt“ oder „nervös“.

Zeige und benenne ruhig auch mal deine eigenen – in einem Rahmen, der dein Kind nicht überfordert. Wichtig: Körpersprache und Gefühl sollten dann übereinstimmen. Wir sind es gewohnt, unsere Empfindungen zu kaschieren. Aber wenn du lächelnd sagst, dass du traurig bist, lernt dein Kind genau das Falsche.

Wenn dein Kind Gefühle benennen und über sie sprechen kann, lernt es, sie besser zu verstehen und auch bei anderen zu erkennen – das schult wiederum die Empathie. Und es stärkt das Selbstvertrauen deines Kindes, sich ausdrücken zu können und verstanden zu werden. Und wünscht sich das nicht jeder von uns?

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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