Wenn dich dein Schreikind in den Wahnsinn treibt: Das kannst du tun, um es besser auszuhalten

„Meine Tochter ist jetzt 13 Wochen alt und ein Schreikind. Sie schreit mindestens acht Stunden am Tag, und schläft nie länger als 45 Minuten am Stück. Ich bin einfach fertig. Ich kann auch nicht entspannen oder schlafen, wenn Papa sie abends nimmt, da man dem Geschrei nicht entkommen kann. Dann gehen meine Mamagefühle mit mir durch und ich muss sofort wieder zu ihr. Wir waren bereits zwei mal beim Osteopathen, aber es hat nichts gebracht. Die Physiotherapie gestern hat alles schlimmer gemacht – sonst schlief sie wenigstens nachts ihre vier Stunden, aber das ist jetzt auch vorbei. Kinderwagen oder MaxiCosi war bei vor einigen Wochen noch die Rettung, aber auch das ist jetzt eine Katastrophe. Ich mag mit ihr nirgendwo mehr hin gehen, weil direkt die Panik in mir hochsteigt, dass sie wieder schreit. Unser Start war schwierig, mit Intensivstation, Kuhmilchunverträglichkeit etc. Vielleicht spielt auch ein Geburtstrauma eine Rolle. Aber ich brauche Hilfe, ich bin am Ende.“

Ein Schreibaby ist eine unglaubliche Herausforderung für eine junge Mama, und auch für den Rest der Familie. Vermutlich hast Du Dir das Mama-sein ganz anders vorgestellt. Dieses Gefühl des Ausgeliefert-Seins, dass scheinbar nichts, was du tust, deinem Baby hilft, die Erschöpfung – diese Mischung ist extrem hart für eine junge Mutter.

Die diplomierte psychologische Beraterin und familylab-Erziehungscoach Linda Syllaba hört oft von solchen Fällen und kann verzweifelten Mamas diese Tipps geben:

„Die körperlichen Anstrengungen der Schwangerschaft und Geburt sind Grund genug, dass sich eine frischgebackene Mama schont – dafür gibt es ja das sogenannte „Wochenbett“: eine Schonfrist für Mama und Baby, sich zu regenerieren und zum Kennenlernen, schließlich ist hier eine neue Person in die Familie gekommen.
Aber alles ist viel schwieriger, wenn Dein Baby so viel schreit.

Nun hast du schon einiges an Behandlungen für das Baby versucht – leider ohne Erfolg. Ich kann mir vorstellen, dass die Verzweiflung steigt. Mein Vorschlag: Gönne auch Dir selbst eine solche Behandlung. Du und dein Baby, ihr wart monatelang verbunden, und seid auch jetzt immer noch in der absoluten Symbiose-Phase. Alles was Dir gut tut, tut auch Deinem Kind gut. Dein Kind spürt deine Verzweiflung, genauso wie alle Blockaden körperlicher, energetischer, oder sonstiger Art, die du in Dir trägst.

Es ist nicht einfach, aber: Leg Deine Ideen, Vorstellungen und Erwartungen, wie das Leben mit Baby sein würde, komplett ab. Auch deinen Anspruch an dich.
Nimm die Situation, so wie sie ist, an.
Auch wenn das absurd klingt: Je mehr inneren Widerstand Du gegen die gegebene Situation aufbaust, umso härter wird’s. Druck erzeugt Gegendruck, das ist nicht nur in der Physik so.
Atme gut durch und sag Dir selbst: „Es ist jetzt gerade so. Ok, ich nehme die Situation an, wie sie ist. Ich darf gestresst, traurig, wütend, frustriert, müde sein. Es ist ok.“
Und Deinem Baby kannst Du sagen: „Ich weiß nicht was ich (noch) für Dich tun kann. Aus irgendeinem Grund geht es Dir nicht gut. Ich wünschte, ich könnte Dir besser helfen. Ich bin da. Und ich bleibe da. Du darfst auch gestresst, traurig, wütend, frustriert, müde sein – so wie ich. Wir haben es gerade nicht leicht.“

Anerkennen was ist, geht einher mit dem Loslassen von dem, was man gern gehabt hätte. Halte nicht fest an deiner Idealvorstellung vom Mama-Leben, akzeptiere, dass sich diese Ideen nicht verwirklichen werden.
Erlaube Dir auch zu weinen. Du musst nicht die Starke spielen. Hol‘ Dir jede erdenkliche Unterstützung, die Du bekommen kannst. Familie, Freunde, Beratungsstellen, was auch immer Du brauchst.

Natürlich solltest Du auch abklären, ob Dein Kind tatsächlich krank ist. Es gibt bestimmt auch in Deiner Nähe eine Schreiambulanz oder ähnliches.

Was keinesfalls passieren sollte ist, dass Du so entkräftet und entnervt wirst, dass Du tatsächlich mal die Nerven verlierst und austickst. Damit hilfst Du Dir selbst und dem Baby am allerwenigsten! Darum bitte schau gut auf Dich, schlaf, wenn das Baby schläft. Stelle Haushalt, Kochen etc hinten an. Genieße Frischluft und Bewegung, achte auf Deine Ernährung. Mit einem Wort, decke Deine Grundbedürfnisse, am besten dreifach.
Du hast schließlich alle vorhandenen Depots, das was Du hattest und auch das, was Du zu geben hattest, bereits aufgebraucht! Konsumiere ausschließlich Dinge und umgib Dich nur mit Menschen, die Dir gut tun, die dich nähren! Alles was Dir jetzt zusätzlich Energie abzieht, sollte momentan Tabu sein. Stell Deine Sensoren vorübergehend auf „Nehmen“ ein. Gegeben wird jetzt nur Dir und Deinem Baby.

Was Babys ganz dringend brauchen – besonders im ersten Lebensjahr – ist gaaaaanz viel Körperkontakt. Das bedeutet also viel Tragen, binde Dir das Kind am Besten die meiste Zeit um, lass es in einem an Dein Bett angrenzendes Bettchen schlafen, so dass ihr praktisch immer in Kontakt seid. Sie soll dich riechen, spüren und hören können.
Vielleicht graut Dir im momentanen Erschöpfungszustand davor, ich vermute dennoch, dass das mittelfristig gemeinsam mit der neuen (o.g.) Einstellung, Entspannung bringen wird.

Ich hoffe, dass Dir meine Gedanken und Vorschläge weiterhelfen und ihr beide bald zu einem ruhigeren Miteinander findet. Du bist zu jedem Zeitpunkt die beste Mama, die Du sein kannst. Vergiss das nicht.“

Alles Liebe und herzliche Grüße,
Linda

Linda Syllaba hat bei Erziehungs-Papst Jesper Juul gelernt und ist familylab-Erziehungscoach. Sie ist dipl. systemischer Coach und dipl. psychologische Beraterin, und hilft Mamas, Eltern und Paaren.

Zusammen mit Daniela Geig vom Blog Die kleine Botin hat sie 2018 zum Jahr Zweitausendachtsam erklärt, und im Zuge dessen werden die beiden einmal monatlich eine Facebook-Live Session starten, bei der Mamas Fragen stellen und viel zum Thema Be- und Erziehung lernen können.

Die Termine stehen bereits fest: 22.2./22.3./19.4./17.5./21.6./19.7./21.8./27.9./18.10./22.11./20.12.2018 jeweils am vormittag 10:00 Uhr.

Ihr erreicht Linda unter www.beziehungshaus.at
Außerdem findet ihr hier Podcasts und E-Books für ein schöneres Familienleben.

Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer fünfjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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