„Was ich euch nie erzähle”: Offener Brief von Mutter mit psychisch krankem Kind

Leider wird immer noch viel zu wenig darüber gesprochen, dass auch Kinder unter psychischen Problemen leiden könnten. Doch viele Eltern trauen sich gar nicht, offen von den Problemen zu erzählen, aus Angst von anderen dafür verurteilt zu werden.

Damit möchte eine Mama nun Schluss machen.

In einem offenen Brief wendet sie sich auf today.com an alle Mamas und spricht darüber, was Eltern von Kinder mit psychischen Erkrankungen eigentlich nie jemandem erzählen. Sie geht davon aus, dass die meisten deswegen gar nicht verstehen, was es wirklich bedeutet, wenn das Kind besondere Bedürfnisse hat.

Unter der Überschrift: „Ich bin Mama eines Kindes mit Problemen der mentalen Gesundheit: Hier kommt das, was ich dir nie erzähle” schreibt sie an andere Eltern:

„Wir sind nie ehrlich mit dir, zumindest nie ganz. Das hat nichts mit dir persönlich zu tun. Auch nicht damit, dass wir dir nicht vertrauen. Es liegt nicht daran, dass du irgendetwas falsch machst. Es ist nur deswegen, weil wir sicher sind, dass du uns nicht verstehen würdest. Und das ist OK.

Wir erwarten nicht, dass uns jemand völlig versteht.

Verstehst du, wenn ein Elternteil von einem auffälligen Kind sagt, ‚Ich bin müde‘, dann meinen wir eigentlich, dass wir absolut am Ende sind. Wir können nicht mehr. Wir sind ein Musterbeispiel für Erschöpfung, es gibt keine menschlichen Worte, um das adäquat zu beschreiben.

Die Idee von Selbstfürsorge hört sich für uns urkomisch an. Das bedeutet aber nicht, dass wir dir den Friseurtermin oder die lange Laufrunde nicht gönnen, wir wünschen dir das. Aber in unserem Leben kann es schon mal Tage dauern, bis wir uns genug entspannen können, um überhaupt normal zu atmen. Eigentlich können wir uns nie soweit erholen, dass wir wieder zu denen werden, die wir früher waren, bevor wir Eltern von extremen Kindern wurden.

Trotzdem sind unsere Kinder das größte Geschenk.

Wir lieben sie mit einer Heftigkeit, die viele nie ergründen werden, weil wir für sie kämpfen MÜSSEN. Für ihre Unterbringung. Für ihre Medikamente. Für ihre Arzttermine. Dafür, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt.

Und vielleicht teilen wir diese Seite mit dir, Freund. Schließlich verstehen viele Eltern das Bedürfnis einer Mutter, sich für ihre Kinder einzusetzen. Aber den Kampf die sie zu Hause hat, wenn andere Familien Fahrrad fahren oder im Sommer Eis am Stiel genießen, den teilen wir lieber nicht mit dir.

Weil es hässlich sein kann.

Und chaotisch. Und beängstigend. Und beschämend. Es sollte nicht so sein, aber es ist so. Weil so wenige es wirklich begreifen. Es ist so selten, dass man jemanden findet, der wie man selbst ständig in Alarmbereitschaft ist, weil nur eine Sekunde des Ausruhen bedeuten könnte, dass eine Gefahr für das Kind oder andere entsteht (…).

Vielleicht zeigt unser Kind auffällige Verhaltensweisen, dass es zum Beispiel impulsiv wird und Dinge kaputt machen. Vielleicht hat unser Kind eine Regulationsstörung und könnte damit Leid bei sich oder anderen auslösen. Vielleicht werden die extremen Ängste unseres Kindes getriggert und es reagiert mit extrem lauten Schreien, sodass wir immer Angst haben, dass jemand die Polizei rufen könnte – oder unseren Vermieter.

Was auch immer die besonderen Bedürfnisses des Kindes sein mögen, wir Eltern bekommen NIE eine Pause.

Wenn unsere Kinder mal nicht bei uns sind, leben wir in der ständigen Sorge, dass sie uns brauchen oder dass das Telefon jeden Moment klingelt, weil irgendetwas passiert ist.

Freunde, es ist so ermüdend auf eine Art und Weise, die wir nicht teilen, weil wir wirklich nicht von euch erwarten, dass ihr das verstehen könnt. Aber auch wenn eure Lebensrealität anders aussieht, könnt ihr uns Gutes tun.

Ihr könnt uns zuhören, ohne uns zu verurteilen.

Ihr könnt kurz auf unsere Kinder aufpassen, damit wir ein Schläfchen machen oder duschen können. Ihr könnt auch einfach eine kurze Nachricht oder einen Kaffee-Gutschein schicken, um uns zu unterstützen. Ihr könnt unsere Hand halten, während wir weinen und still bei uns sitzen.

Weil dieses Leben nicht das ist, was wir uns ausgemalt haben. Es ist nicht so, wie wir es erwartet hatten. Es ist nichts, was wir anderen wünschen würden oder wovon wir glauben, dass andere es annehmen könnten.

Trotzdem würden wir es für keinen Preis der Welt hergeben.

Denn egal, wie sehr uns das Elternsein von psychisch kranken Kindern schmerzt, verbiegt, fordert, verängstigt, scheitern lässt, das macht uns alles nicht aus. Wir sind das alles nicht. Unsere Kinder, mit all ihren Schwierigkeiten, brauchen uns.

Egal, wie oft unser extremes Kind uns schmerzhafte Dinge an den Kopf wirft, uns beschimpft oder etwas durch den Raum wirft und darauf besteht, dass es uns hasst: Sie werden immer zu uns zurückkommen, weil wir ihre Eltern sind.

Mamas, das ist so schwer. Es ist so ermüdend. Es ist endlos ärgerlich.

Aber das ist unser Kind. Und mit ihm gemeinsam bestreiten wir das Leben.”

Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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