Warum wir unseren Kindern keine negativen Kosenamen geben sollten

Ich bin Erzieherin und täglich höre ich beim Abholen der Kinder meiner Kindergartengruppe unzählige Kosenamen für sie: „Du kleiner Rabenbraten“, „dieser kleine Schietbüddel“, „sie ist eine kleine Hexe“.

Auch in der Werbung sehen wir nicht selten bunt bedruckt Shirts mit eben solchen Aufschriften und einem passenden Bild dazu.

Erwachsene, besonders die vorangegangenen Generationen, sehen Kinder tatsächlich so, wie oben beschrieben. Kinder werden so bezeichnet, wenn sie nicht nach den Regeln der Erwachsenen spielen. Sobald ein Kind aus der Reihe tanzt oder gar seinen eigenen Willen den Eltern aufbürden möchte, ist es ein „ungezogenes Balg“, welches dringend erzogen werden muss.

Kinder sind aber keine „Hexen“, „Schietbüddel“ oder „Rabenbraten“, sie sind kleine Mensch die ihren eigenen Willen entdecken. Kinder wollen uns beweisen, was sie alles können, sie möchten sich ausprobieren und immer ein Stückchen selbstständiger werden.

Oft wollen unsere Kinder uns ihre Selbstständigkeit gerade dann beweisen, wenn wir spät dran sind, es Bindfäden regnet oder wir bei der strengen Tante zu Besuch sind. Kinder wissen nicht, wann welches Verhalten angebracht ist.

Auch wenn es uns unangenehm ist, wenn sich unser Kind im Supermarkt auf den Boden wirft und schreit, so ist es ein ganz normales Verhalten. Bei dem einen mehr bei dem anderen weniger. Kinder drücken sich auf diese Weise aus. Sie zeigen uns auf ihre Art, dass sie etwas nicht in Ordnung finden und sie brauchen uns in diesem Moment so sehr. Wohin nur mit der ganzen Wut? Vielleicht weiß das Kind auch schon gar nicht mehr, warum es so wütend ist. Es weint und schreit vor Verwirrung.

Kinder müssen erst lernen, dass es andere Wege gibt, seine Frustration zu äußern. Und bis sie das gelernt haben, müssen wir als Eltern sie unterstützen, wo wir nur können.

Dieser Prozess ist unglaublich wichtig für die Entwicklung. Jeder Wutanfall, jede Trotzreaktion, jedes Aufbäumen gegen Regeln, bringt euer Kind ein Stück weiter nach vorn.

Nicht nur Kinder müssen einen Lernprozess durchlaufen, auch wir Eltern müssen das.

Wir müssen lernen geduldiger zu sein, unseren Kindern zu vertrauen und ihnen die Möglichkeit geben, auch einmal wütend zu sein. Wir müssen lernen, dass unsere Kinder nichts für unsere Ungeduld, unsere Wut und unser Zeitmanagement können.

Unsere Kinder sind keine „Rabenbraten“ , „Hexen“ oder „Teufel“. Sie sind einfach heranwachsende Menschen.

Ich wurde selbst schon oft mit überholten Ansichten, vor allem von älteren Generationen, gemaßregelt. „Na die kleine Zicke müssen Sie aber mal härter ran nehmen, die tanzt ihnen ja nur auf der Nase herum. Sie wissen schon, dass sie Sie provozieren will?“ und zum Abschluss noch ein schönes „Zu meiner Zeit hat es so etwas nicht gegeben!“.

Heute wissen wir es so viel besser! Die Psychologie ist so viel weiter als damals. Wir wissen, dass dieses „trotzige Verhalten“ kein Terrorangriff gegen uns Eltern ist. Dieses Verhalten ist ganz natürlich und ein wichtiger Schritt in der Entwicklung unseres Kindes. Mit diesem „Insiderwissen“ können wir so viel besser mit unseren Kindern umgehen. Wir verstehen sie. Und weil wir dieses Wissen haben, kommen wir ganz ohne Bestrafung für dieses vermeintlich negative Verhalten aus.

Wenn ich meinen Eltern oder Großeltern von diesem Insiderwissen erzähle, ticken sie sich oft vor den Kopf. Genration zu Generation hat ein Bild vom Kind weiter gegeben, welches Kinder als kleine Terrorkrümel darstellt. Kleine Erwachsene die es nur darauf abgesehen haben alle andere zu tyrannisieren. Wir müssen dagegen wirken, wie ein Gegengift. Wir müssen dieses Insiderwissen über die kindliche Entwicklung und Psyche weitergeben, darüber schreiben und erzählen.

Eines sollten wir uns also immer und immer wieder einprägen: „Auch wenn ich gerade von dem Verhalten meines Kindes genervt bin, auch wenn ich am Ende meiner Kräfte bin: mein Kind verhält sich ganz normal und mein Kind macht dies nicht mit Absicht.“

Sobald wir anfangen unseren Kinder negative Kosenamen zugeben, werden wir sie auch so behandeln. Wir sehen, nicht nur wegen der Körpergröße, auf sie hinab, nutzen unsere Machtposition aus und übergehen all´ das, was wir über die Entwicklung und Psyche gelernt haben.

Sollte die Oma also das nächste mal mit einem T-Shirt mit der Aufschrift „Hexe in Ausbildung“ um die Ecke geschneit kommen, werden wir ihr von unserem Insiderwissen erzählen. Wir werden unsere Kinder nicht mit einem T-Shirt an den Pranger stellen. Denn nicht anderes ist es.

Seht her, mein Kind spielt nicht nach meinen Regeln und deswegen ist es eine Hexe und weil sie noch so klein ist, ist sie noch in Ausbildung.

Der ein oder andere mag dieses Reaktion nun albern finden, denn schließlich ist es nur ein T-Shirt, aber unsere Worte bestimmen unsere Taten, wir Handeln nach dem was wir sehen.

Unsere Aufgabe als Eltern ist so verdammt verantwortungsvoll.

Wir müssen ein sicherer Hafen, getränkt in Liebe und Verständnis, für unsere Kinder sein. Nur wir können unseren Kindern eine respektvollen Umgang miteinander mit auf den Weg geben. Wir allein können ihnen zeigen wie es ist liebevoll, gleichberechtigt, bedürfnisorientiert aufzuwachsen.

Unserem Chef schenken wir schließlich auch kein Shirt auf dem steht „Kacklappen des Monats“. Warum machen wir das nicht? Weil wir gelernt haben mit Frustration umzugehen.

Wir gehe respektvoll miteinander um, auch wenn wir jemanden nicht besonders gern haben.

Seid achtsamer mit den Worten die ihr euren Kindern entgegenbringt. Für euch ist es nur ein Wort, aber Worte können so viel anrichten. Niemand sollte so betitelt oder gar behandelt werden.

Dieser Text wurde zuerst auf dem Blog „Familie T schnackt“ veröffentlicht. Klickt euch dort einmal rein, um noch weitere tolle Texte zu lesen.

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Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern.

Seit 2015 sind wir Eltern einer zauberhaften Tochter. Zwei Jahre später kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und unsere Familie war komplett. Zusammen sind die beiden ein unschlagbares Team, das sich nur allzu gern gegen Mama und Papa verbündet.

Abgesehen von meiner Familie liebe ich den Hafen, fotografiere gern und gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Texte und Social Media ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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