Warum die Frage nach dem Kinderwunsch kein Smalltalk-Thema ist

Es lässt sich wohl nicht mehr leugnen, ich komme langsam in dieses gewisse Alter, wo viele Menschen um mich herum plötzlich Familien gründen und zuckersüße Babys produzieren. Gut für mich, ich gehe gerne zu Hochzeiten und liebe es, die Kinder meiner Freundinnen im Arm zu halten und mit ihnen zu spielen. Es ist wunderschön, zu beobachten, wie meine Mama-Freudinnen an ihrer neuen Rolle wachsen. Und auch als Nicht-Mama erkenne ich: Diese große Liebe zwischen ihnen und ihrem Kind ist etwas ganz Besonderes. Trotzdem kann ich mir selbst (noch) nicht so richtig vorstellen, dass ich auch bald Mama werde.

Ist doch voll okay, oder? Sehen aber irgendwie nicht alle so. Es mag meiner Empfindlichkeit oder meinem persönlichen Umfeld geschuldet sein, doch in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass es manchen Menschen schwer fällt, zu akzeptieren, dass ich gerade noch nicht aktiv an einer eigenen Familie arbeite.

Kommentare zur Familiengründung

Beweisstück A: Ein Gespräch neulich über den elterlichen Gartenzaun hinweg. Während ich meiner Mutter die Heckenschere reichte, kamen die Nachbarn dazu. Nach einer kurzen Begrüßung und dem obligatorischen Gespräch über das Wetter (einfach zu trocken, der Lorbeer wird so niemals richtig in die Höhe schießen!) fragte Nachbarin Erna meine verdutzte Mama ganz frei heraus, warum es bei mir mit der eigenen Familie noch nicht geklappt hätte. Das sei doch so kein Leben für eine junge Frau!

Stimmt, schließlich habe ich ja nur einen Job, der mir Spaß macht, tolle Freunde und erfreue mich noch dazu bester Gesundheit. Mein Leben muss wirklich grauenvoll sein. Irgendwie sind solche Gespräche manchmal ganz schön anstrengend. Fast kommt es mir so vor, als müsste ich mich verteidigen oder rechtfertigen.

„Na, wie läuft die Babyproduktion?“

Etwas geärgert habe ich mich also schon über diesen leicht daher gesagten Spruch der Nachbarin. Es stört mich, dass sie mein Leben als weniger glücklich einschätzt, weil Kinder und Ehemann fehlen. Aber letztendlich empfinden es wahrscheinlich viele Menschen als sinnstiftend, eine Familie zu gründen und wünschen sich diese Erfahrung dann auch für andere. Was mich aber darüber hinaus irritiert hat, ist die Unbedachtheit, mit der solche doch sehr privaten Themen in aller Öffentlichkeit ausdiskutiert werden.

Ich musste dann nämlich an eine andere Situation denken, die sich neulich so in meinem Freundeskreis zutrug: Eine meiner Freundinnen, wir nennen sie mal Marie, hat kürzlich geheiratet. Als wir ein paar Wochen später mit einem größeren Kreis von Leuten zusammensaßen, wurde natürlich die Hochzeit thematisiert. Das nahm eine andere Freundin offenbar zum Anlass, um die Kinderplanung der Frischverheirateten zu thematisieren und das nicht unbedingt dezent: „Na, wie läuft die Babyproduktion? Wann gibt’s denn endlich Nachwuchs?“

Mir brach in diesem Moment fast das Herz, denn Marie war sichtlich getroffen. Ich wusste, dass sie und ihr Mann sich sehnlichst ein Baby wünschten, doch es klappte einfach nicht. Marie hatte mir anvertraut, dass bei ihr Hashimoto diagnostiziert worden war und aktuell wusste niemand, ob sie jemals schwanger werden würde.

Die Frage nach Kindern kann verletzend sein

Aus dieser Perspektive betrachtet, finde ich es einfach nicht gut, wenn die Frage nach Kindern ähnlich flapsig gestellt wird, wie die Frage nach dem nächsten Wochenendausflug. Schließlich ist das Mamasein und das Kinderkriegen eine wahnsinnig große, einschneidende und emotionale Sache. Wer weiß schon, was die Beweggründe sind, weshalb jemand keine Kinder hat.

Möglicherweise hat man einfach riesigen Respekt vor dem Kinderkriegen und fühlt sich nicht bereit dazu. Oder es hat sich einfach noch nicht ergeben, obwohl man sich eigentlich immer sicher war, dass man ganz früh Mama wird. Vielleicht muss man sich auch gerade schmerzlich vom eigenen Kinderwunsch verabschieden, weil der Partner oder man selbst unfruchtbar ist. In jedem Fall ist die direkte Frage danach dann sehr unangenehm. Sie vermittelt uns Kinderlosen womöglich das Gefühl, etwas falsch zu machen oder nicht vollständig zu sein.

Feingefühl ist angebracht

Bitte versteht mich nicht falsch, ich finde offene Kommunikation toll. Und gerade, wenn uns etwas belastet, kann es helfen, sich seinen Freunden oder seiner Familie anzuvertrauen und darüber zu sprechen. Aber auch nur dann, wenn man es selbst möchte und bereit dazu ist. Eher nicht mit einer Heckenschere in der Hand über den Gartenzaun hinweg.

Deswegen bin ich für mich zu dem Schluss gekommen, dass es besser ist, beim Smalltalk manchmal etwas mehr Vorsicht walten zu lassen, als im schlimmsten Fall jemanden traurig zu machen. Nur weil viele Menschen tatsächlich in einem gewissen Alter Kinder bekommen oder zumindest daran arbeiten, gibt es trotzdem die, für die dieses Thema schmerzlich ist. Und selbst wenn alles nach Plan läuft: Nicht jeder möchte die Zeugung der eigenen Kinder mit der ganzen Nachbarschaft ausdiskutieren.

Lena Krause

Als Wahlhamburgerin könnte ich mir keine schönere Stadt vorstellen, um dort zu leben. Gemeinsam mit meinem kleinen Hund Lasse bin ich gerne im Grünen unterwegs und erkunde die vielen, tollen Ecken Hamburgs. Das Schreiben hat mir schon immer Spaß gemacht und deswegen war für mich schnell klar, dass ich diese Leidenschaft zum Beruf machen möchte.

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Kommentare

  1. Hallo Lena,
    ich wollte nur mal kurz einen Kommentar zum Thema Hashimoto und Kinder loswerden.
    Bei mir wurde das vor einigen Jahren (unter anderem) auch diagnostiziert, mittlerweile habe ich zwei gesunde Kinder. Das kannst du deiner Freundin gerne als Ermutigung weitergeben.
    Meines Wissens reicht auch übrigens schon eine leichte Schilddrüsenunterfunktion aus, damit man nicht schwanger wird (war bei einer Freundin von mir so). Das kann man super easy mit L-Thyroxin einstellen und schon kann das dem Kinderwunsch schon mal nicht mehr im Weg stehen (besagte Freundin hat auch zwei Kinder).
    Schöne Grüße
    Lisa

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