Vermisste Kinder & Pädophile: Was solche Meldungen bei mir als Mama auslösen

Nach 13 Jahren hat die Polizei endlich einen Verdächtigen im „Fall Maddie“, und er könnte auch mit anderen verschwundenen Kindern zu tun haben. In Münster haben Ermittler einen Kinderschänder-Ring zerschlagen, bei dem mehrere Männer kleine Kinder über Jahre hinweg brutal missbraucht haben. Seit die Schlagzeilen nicht mehr von Corona beherrscht werden, sind es vor allem solche Themen, über die in letzter Zeit berichtet wird. Ich lese all die Meldungen, und sie zerreißen mir fast das Herz. Nicht nur, weil ich selbst Mama bin, aber natürlich besonders aus diesem Grund. Die Nachrichten lassen mich einfach nicht mehr los. Und sie lösen so viele verschiedene Gefühle in mir aus.

Ich gebe zu, es fällt mir nicht leicht, diesen Text zu schreiben.

Denn all diese Meldungen über vermisste Kinder und Pädophile sind einfach nur absolut furchtbar. Am liebsten möchte ich nichts davon wissen, lesen oder hören. Ignorieren, dass es Menschen gibt, die zu solchen kranken Taten fähig sind. Die fähig sind, Kindern (und auch ihren Eltern) so etwas Grausames anzutun. Nur leider verschwindet das Problem nicht, indem man es ignoriert. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre! Stattdessen gibt es fast täglich etwas Neues zu dem Thema, und es lässt mich auch nachts nicht mehr los. Ständig kreisen meine Gedanken um die gleichen Fragen.

Wie kann ein Kind von jetzt auf sofort spurlos verschwinden – und nie wieder auftauchen? Wie können mehrere Männer über Jahre hinweg regelmäßig Kinder missbrauchen, ohne dass jemand etwas bemerkt (haben will)? Wie muss es den Kindern gehen, die so einen Albtraum erleben mussten. Und wie um alles in der Welt sollen die Eltern diese Ungewissheit ertragen? Oder mit dem Wissen lesen, was ihren Kindern angetan wurde? Diese Gedanken lassen mir einfach keine Ruhe.

Sie machen mich einfach fassungslos.

Ich kriege das in meinem Kopf einfach nicht geregelt. Wie kann jemand Kindern so etwas Grausames antun? Wie kann jemand überhaupt auf so einen Gedanken kommen? Und wie krank muss man sein, um seine perversen Gedanken dann auch noch in die Tat umzusetzen? Und nicht nur das. Viele der Täter haben sich ja offenbar einen genauen Plan zurechtgelegt, wie sie vorgehen, und wie sie ihre Taten vertuschen können – und das über Jahre.

Noch fassungsloser macht es mich, dass unter den Tätern FAMILIENVÄTER sind. Was bitte geht in deren Köpfen vor? Schlimm genug, dass man überhaupt einem Kind so etwas Schlimmes antut. Aber dem eigenen? Das finde ich noch unfassbarer. Unsere Kinder haben so ein unglaubliches Urvertrauen. Sie lieben Mama und Papa bedingungslos und würden wohl fast alles für uns tun. Wie kann jemand in der Lage sein, das so schamlos und auf übelste Weise auszunutzen?

Wie kann es sein, dass niemand etwas mitbekommt?

Das bringt mich auch schon zum nächsten Punkt. Denn ich kann (und will!) einfach nicht glauben, dass von solchen Missbrauchsfällen wirklich NIEMAND etwas beobachtet oder bemerkt (haben will). Nicht die jeweilige Partnerin der Männer, die in einem Fall sogar die Mutter des missbrauchten Jungens war. Da quält mein Partner über mehrere Jahre meinen Sohn – und ich bekomme nichts davon mit? Das kommt mir schon sehr absurd vor. Oder ist es den Müttern vielleicht komplett egal, was mit ihren Kindern passiert? Haben sie solche Angst vor ihrem Partner, dass sie nichts gegen ihn unternehmen? Nichts tun, um ihr Kind zu schützen? Diesen Gedanken finde ich fast noch unerträglicher.

Aber es sind ja nicht nur die Partnerinnen. Es geht genauso um die Familie, Freunde, Nachbarn, die Erzieher in der Kita, die Lehrer in der Schule, den Kinderarzt – oder haben die Kinder alle samt ihre U-Untersuchungen verpasst, und es ist niemandem aufgefallen? Und nicht zuletzt geht es auch um das Jugendamt.

Ich bin fassungslos darüber, dass die Höchststrafe für den Besitz von Kinderpornografie laut BKA bei 3 Jahren liegt – bei Diebstahl sind es 5. In was für einem Land leben wir bitte, wenn der Besitz von Kinderpornographie als weniger schlimm eingestuft wird als ein Diebstahl? Und warum bitte gilt der Besitz solcher ekelhaften Dateien nur als „Vergehen“ und nicht als „Verbrechen“?

Und ganz ehrlich: Das sorgt bei mir nicht nur für Fassungslosigkeit.

Es macht mich auch unendlich traurig.

Ich denke an all die Kinder, die teilweise jahrelang durch die Hölle gehen mussten, und es zerreißt mir fast mein Mama-Herz. Sie sollten lachen, spielen, Freunde treffen und eine unbeschwerte Kindheit genießen. Stattdessen müssen sie mehr ertragen als wir uns alle vorstellen können (und wollen). Was das mit ihren zarten Kinderseelen anrichtet, mag ich mir nicht im entferntesten vorstellen. Und ob sie das jemals komplett verarbeiten können? Ich hoffe es sehr, aber glauben kann ich es fast nicht.

Gestern Abend habe ich meine Kinder angeschaut, als sie friedlich geschlafen haben. Und mir wurde bewusst, dass sie im gleichen Alter sind wie Maddie, als sie verschwunden ist, und wie der Junge, der in Münster mehrfach missbraucht wurde. Allein die Vorstellung, dass jemand ihnen etwas antun könnte, ließ bei mir die Tränen laufen. Und ich musste meine beiden erst mal ganz fest in den Arm nehmen.

Ich kann und mag mir nicht im Geringsten vorstellen, was die Eltern der betroffenen Kinder durchmachen müssen.

Von einer Sekunde auf die andere ist dein Kind verschwunden, und dein ganzes Leben ändert sich. Diese Angst um die eigenen Kinder, die ständige Zerrissenheit zwischen Bangen und Hoffen. Die jahrelange Ungewissheit, was mit dem eigenen Kind passiert ist. Was ihm angetan wurde und von wem. Ich weiß nicht, wie die Eltern das ertragen können. Vielleicht ist es der Gedanke, endlich herauszufinden, was passiert ist. Vielleicht die winzige Hoffnung, dass das Kind nach all der Zeit doch noch lebend gefunden wird.

Wie oft habe ich gerade bei Maddie gelesen, dass es verrückt sei, wenn ihre Eltern immer noch hoffen würden. Dass sie endlich den Tatsachen ins Auge sehen und sich der Realität stellen müssten. Aber ganz ehrlich: Welche Eltern können denn ihr Kind aufgeben, so lange nichts bewiesen ist? Ich bin mir sicher, dass alle Eltern sich verzweifelt an das letzte bisschen Hoffnung klammern würden, solange es keinen Beweis für das Gegenteil gibt.

Und auch die Eltern der missbrauchten Kinder müssen Unvorstellbares aushalten. Der Gedanke, dass jemand dem eigenen Kind so etwas angetan hat, die Bilder, die man ständig in seinem Kopf haben muss – und nicht zuletzt der Gedanke, warum man es nicht verhindern konnte.

Die Meldungen machen mir auch Angst.

Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, aber die aktuellen Meldungen machen mir auch Angst. Man liest immer wieder, dass die Täter in Missbrauchsfällen aus dem eigenen Umfeld kommen. Natürlich denkt jeder von uns erst einmal „Bei mir wird das auf keinen Fall passieren – das würde ich merken!“ Aber mal im Ernst, haben das die Eltern der betroffenen Kinder nicht auch gedacht? Ich finde den Gedanken selbst absurd, dass man es nicht merken könnte, wenn das eigene Kind missbraucht wird. Und trotzdem ist es (leider) schon viel zu oft passiert. Aber was können wir dagegen tun? Wie können wir unsere Kinder schützen? Natürlich gibt es einige Dinge, die wir als Eltern beachten können.

Und trotzdem habe ich Angst, dass irgendjemand meinen Kindern auch etwas antun könnte. Vermutlich ist das eine Urangst von uns Mamas, oder? Aber genau solche Meldungen tragen dazu bei, dass diese Angst noch verstärkt wird. Ich mochte meine Kinder noch nie gern aus den Augen lassen, wenn wir draußen unterwegs waren. Sie sind allerdings auch noch klein. Aber die Vorstellung, dass man sich einmal umdreht, für einen Moment unachtsam ist – und dann ist das Kind verschwunden – bei dieser Vorstellung zieht sich mir alles zusammen.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, in der die Täter damit durchkommen.

Es macht mir Angst, dass die Täter über Jahre mit ihren Perversitäten durchkommen. Jahrelang hat niemand bemerkt, was in der Gartenlaube in Münster passiert ist. Jahrelang gab es keine Spur von Maddie und vielen anderen Kindern. Wie kann das sein? Scheinbar gibt es da draußen einfach so viele kranke Menschen mit so vielen kranken Gedanken. Aber warum findet sie niemand? Warum können sie ungestört über einen so langen Zeitraum das tun, was sie tun? Und vor allem: Wie viele von ihnen werden niemals entdeckt? Das bringt mich zu einem Punkt, der mir auch unglaubliche Angst macht: Wie viele Kinder gibt es wohl da draußen, die etwas ähnliches ertragen müssen – und denen niemand hilft?

An diesem Punkt schlägt meine Angst allerdings häufig um. Und zwar in Wut.

Wenn ich daran denke, was diese Bestien – und nichts anderes sind die Täter für mich – den Kindern angetan werden, bin ich nämlich vor allem eins: unfassbar wütend. So wütend, dass ich meine Grundsätze fast vergesse. In den Kommentaren zu unserem Text über den Fall in Münster haben viele Mamas sich Luft gemacht. Von „Kastrieren“ über „Stoppt Tierversuche, nehmt Kinderschänder“ bis zur geforderten „Todesstrafe“ haben viele von euch deutlich gemacht, welche Strafen sie sich für die Täter wünschen würden. Und ganz ehrlich: Ich kann es verstehen. Sehr gut sogar. Das ist doch einfach das erste, was einem bei so widerlichen Meldungen in den Kopf schießt, oder? Man möchte, dass die Täter genauso leiden, wie die Kinder leiden mussten – falls das überhaupt möglich ist.

Und trotzdem bin ich froh, dass wir in einem Rechtsstaat leben. Dass bei uns kein „Auge um Auge“ gilt, sondern klare Gesetze und Regeln. Und dass wir keine Todesstrafe haben, weil sie für mich nach wie vor nichts mit Menschlichkeit zu tun hat. Nein, die Täter verhalten sich auch nicht menschlich. Aber wollen wir uns wirklich mit ihnen auf eine Stufe stellen? Ich denke nicht. Deshalb wäre es doch schon mal ein Anfang, wenn sie lebenslänglich hinter Gitter wandern würden – mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Und ohne die Möglichkeit, nach 5, 10 oder 20 Jahren doch wieder freizukommen.

Denn genau das ist es doch, was hier gefühlt so oft falsch läuft.

Wie gesagt liegt die Höchststrafe für den Besitz von Kinderpornographie aktuell bei drei Jahren. Drei Jahre! Bei Weiterverbreitung sind es maximal fünf. Das ist ein schlechter Witz, wenn man bedenkt, was die betroffenen Kinder ertragen müssen, und wie lange sie mit den Folgen zu kämpfen haben.

Genauso wütend macht es mich, wenn ich lese, dass sowohl der Verdächtige im Fall Maddie als auch der Haupttäter des Missbrauchsrings aus Münster vorbestraft waren. Mehrfach. Und zwar wegen des Besitzes und der Verbreitung von Kinderpornographie – und wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Wie kann es ein, dass jemand MEHRFACH angeklagt und VERURTEILT wird, und danach trotzdem ungehindert weitermachen kann, ohne dass es jemandem auffällt? JAHRELANG?

Dass der vierjährige Stiefsohn eines Täters über Jahre den absoluten Horror erleben muss, weil das Jugendamt keine Gefährdung mehr sieht und beschließt „sich aus der Familie zurückzuziehen“? Wieso wird jemand, dessen kranke Neigungen so offensichtlich sind, nicht dauerhaft begleitet und regelmäßig überprüft – ganz egal, was er erzählt, und welche Therapien er angeblich gemacht hat? Das Familiengericht habe „keinen Anlass gesehen, das Kind aus der elterlichen Verantwortung zu nehmen“. Also, wenn ein Stiefvater, der bewiesenermaßen pädophile Neigungen hat, kein ausreichender Anlass ist – was bitte dann??? Sind die persönlichen Rechte eines nachgewiesenen Straftäters tatsächlich wichtiger als das Wohl unserer Kinder? Das kann und will ich einfach nicht glauben!

Wie geht es euch denn, wenn ihr diese Meldungen lest – beschäftigen sie euch auch so? Könnt ihr meine Gedanken nachvollziehen? Oder was geht euch durch den Kopf? Ich freue mich auf eure Kommentare.

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern. Ich liebe den Hafen, fotografiere gern, gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Social Media und Texte ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

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Kommentare

  1. Gerade gestern einen Text verfasst, weil es mir genauso geht. Danke. Noch ein Aspekt, der für mich unfassbar ist: wenn die eigene Mutter beteiligt ist. Es duldet oder sogar den Körper des eigenen Kindes verkauft. Was ist da bloß falsch gelaufen??

  2. Mir wird einfach nur schlecht.
    Wenn es dem ganzen sozialen Netzwerk schon nicht möglich ist, Kinder vor Missbrauch zu schützen. Vorallem wenn sogar schon klare Anzeichen sind (wie mehrfach vorbeschraft). Wie soll ich den Mut aufbringen, mein Kind „guten Gewissens“ abzugeben?
    Jetzt im August soll mein Kind in den Kindergarten.

    Und was hör ich, die Mutter des Pädophilen und Inhaberin des Schrebergartens, wo die Taten begangen wurden, wusste von dem Missbrauch. Mehrnoch sie ist Kindergärtnerin! Sie sollte Kinder einen Schutzraum bieten. Sie sollte für die Kleinen einstehen.

    In Viersen hat eine Kindergärtnerin vor kurzem ein 3Jähriges Kind getötet. Diese ist von einer Einrichtung in die nächste gewechselt, weil in jeder! Kita Vorfälle waren.

    Im Rahmen des „Orginal Play“ Konzeptes sind Kinder im Kindergarten von Padöphilen besucht worden.

    Und wenn wir an einen guten Kindergarten geraten sind, kommt mein Kind dann in eine Schule, wo der Lehrer pädophil ist?

  3. Danke für deinen Text. Mir geht es ganz genauso und ich dachte schon, ich wäre verrückt, wenn ich nachts nicht schlafen kann, weil ich Angst um mein Kind habe. Und definitiv sollten diese Menschen keine Chance mehr bekommen…jemals einem Kind sowas wieder anzutun.

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