„Und dann war endlich klar: Unser Sohn hat ADS.“

„Unser Sohn war ein unkompliziertes Baby. Wir waren richtig ,verwöhnt`. Mit etwa zweieinhalb ging dann seine Trotzphase los – und die war nicht von schlechten Eltern. Wir fielen aus unserem Zuckerwatte-Himmel: Was war denn nur mit unserem Sohn los!?

Wir hatten bei Freunden natürlich mitbekommen, wie Kinder in diesem Alter sind. Wutanfälle, vermeintlicher Starrsinn, viele Tränen – mit all dem hatten wir gerechnet.

Bei unserem Sohn war das alles aber besonders heftig.

Obwohl wir uns überlegten, ob wir es nur so empfanden, weil wir ,nichts gewohnt` waren. Er kreischte ohrenbetäubend, wenn es nicht nach seinem Willen ging, er trat auf sein Spielzeug, er boxte gegen die Wand.

,Komm, das ist jetzt eine krasse Phase, aber die musste ja mal kommen. Wir stehen das durch.` Das beteten mein Mann und ich uns Abend für Abend gegenseitig vor.

Aber es wurde nicht besser. Eher immer heftiger. Schließlich griff er auch seine Freunde in der Krippe an, wenn er wütend wurde. Und das passierte irgendwann täglich.

Zuerst haben auch die Erzieher immer gesagt, dass wir uns keine Sorgen machen sollen. Dann wurden wir doch zu Krisengesprächen gebeten und schließlich empfahlen sie uns, unseren Sohn beim Ergotherapeuten behandeln zu lassen. Damit hätten sie gute Erfahrungen bei anderen Kindern gemacht. Ob das geholfen hat? Darüber sind wir uns bis heute unsicher, manchmal wirkte er ausgeglichener und ruhiger, manchmal war alles wie immer.

Beim Wechsel in die Kita eskalierte schließlich alles.

Aus seinem gewohnten Umfeld gerissen, kam unser Sohn scheinbar gar nicht mehr zur Ruhe. War er wütend, vibrierte er richtig. Seine Aggressionen kamen einem fast greifbar vor, so viel Kraft strahlte er dabei aus.

Und so schlug er eines Tages sogar seinen Erzieher. Und war danach so in Rage, dass ich ihn alleine nicht mit nach Hause bekommen hätte. Der Erzieher half mir, meinen tretenden, stocksteifen Sohn ins Auto zu verfrachten. Drinnen tobte er in seinem Sitz weiter und ich saß am Lenkrad und weinte. Ich konnte nicht mehr, ich wusste nicht, was zu tun war.

Wir suchten Rat bei der Familienhilfe, stellten ihn beim Osteopathen vor, meldeten ihn testweise beim Yoga und auch beim Kinderkampfsport an. Versuchten es auf die strenge Tour und auf die lockere Art. All das, was uns irgendwelche Leute empfahlen, testeten wir – wir griffen nach jedem Strohhalm. Wahrscheinlich haben wir ihn damit zusätzlich verwirrt, aber wir wussten es nicht besser.

Sogar unsere Ehe litt unter dem ständigen Stress und der zum Teil unerträglichen Atmosphäre zu Hause.

So ging es eine lange Zeit. Wie oft uns die Kita gedroht hat, uns den Platz zu kündigen, weiß ich nicht mehr. Zum Glück haben sie es nie durchgezogen, dafür bin ich immer noch dankbar.

Dann wurde unser Sohn eingeschult und – ich weiß nicht warum – ich hatte immer die leise Hoffnung gehabt, dass es mit diesem neuen Abschnitt besser werden würde.

Das tat es aber nicht. Bereits wenige Wochen nach dem ersten Schultag saßen wir mit der Lehrerin beim Schulleiter, da sie meinem Sohn nicht Herr werden konnte.

Wir gingen mit ihm zum Psychologen, doch der war der Meinung, dass unser Kind ,völlig normal` sei. Obwohl das ja eine Diagnose zum Freuen war, brach ich danach erstmal zusammen. Das alles konnte doch nicht wirklich ,normal` sein!?

Es wurde schlimmer und schlimmer, stundenlang Wutausbrüche, das Zerstören von Dingen und Handgreiflichkeiten, sogar mir gegenüber. Mir ging es so schlecht, ich war spindeldürr geworden und manchmal hätte ich mein Kind am liebsten einfach weggegeben. Mir ist es aber wichtig zu erwähnen, dass ich ihn dabei natürlich jede einzelne Minute wahnsinnig liebte und ihn niemals wirklich verstoßen hätte! Ich hatte nur keine Kraft mehr.

Schließlich, mein Sohn war in der zweiten Klasse, sprach uns ein Lehrer an.

Ob wir unseren Sohn schon einmal auf ADS hatten testen lassen?

Hatten wir nicht. Nicht mal der Psychologe hatte das in Betracht gezogen und ich war bei dem Thema auch misstrauisch. Gab es diese Krankheit wirklich? Oder war das nicht nur ein erfundener Sammelbegriff für ,verhaltensauffällige`Kinder, damit man ihr Verhalten entschuldigen konnte? Dass ich – in meiner Situation! – noch so dachte, ist mir bis heute peinlich. Wie hochnäsig ich war, obwohl ich es schon längst hätte ahnen können!

Wir ließen unseren Sohn bei einer Fachstelle untersuchen und ja – er hatte ADS.

Endlich war klar, was mit meinem Sohn ,nicht stimmte`.

Mit viel Fachwissen und Ruhe wurde uns erklärt, was das bedeutete. Das alleine tat schon gut, nach dieser Schockdiagnose. Und dann wurden uns Medikamente empfohlen.

In mir sträubte sich alles: Auf gar keinen Fall würde ich meinem Jungen Medikamente geben! Lieber hielt ich das alles noch weiter aus, als ihn irgendwie zu ,betäuben`.

Zwei Monate lang beobachtete ich meinen Sohn mit meinem neuen Wissen. Wie konnte ich ihn nur helfen? Mir fiel nichts ein, bei allem Verständnis, dass ich nach der Diagnose für ihn hatte. Aber es wurde nur noch schlimmer, hatte ich das Gefühl.

Eines Abends fasste sich mein Mann ein Herz und fragte mich, ob wir es nicht doch mit den Medikamenten versuchen wollten. Nicht (nur) um unser Willen, unser Sohn litt natürlich selbst extrem unter seinem Verhalten. Und das seit Jahren.

Ich willigte sofort ein. Mir wurde bewusst, dass ich wohl nur darauf gewartet hatte, dass mir jemand diese Entscheidung abnimmt.

Wir holten uns die Medikamente ab, dazu wurde meinem Sohn auch endlich (!) eine passende Therapie verschrieben.

Man konnte quasi dabei zusehen, wie mein Kind sich innerhalb kürzester Zeit entspannte.

Wohl zum ersten Mal seit einer ganz langen Zeit. Es gab kaum noch Streit und keinerlei rasende Wutausbrüche oder Handgreiflichkeiten mehr. Er hat endlich zwei gute Freunde in seiner Klasse gefunden, das war vorher undenkbar. Er ließ ja niemanden an sich heran.

Wenn alles gut läuft, wird die Therapie mit der Zeit so erfolgreich sein und ihm genügend Werkzeuge an die Hand geben, um mit seinen überschäumenden Gefühlen umzugehen, dass er die Medikamente nicht mehr braucht.“

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Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meiner Familie in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Seit 2015 bin ich Mama einer wundervollen Tochter.

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