Simplicity Parenting: Kinderturnen und Klavier? Nicht für unseren Sohn!

Montags Babyschwimmen, dienstags musikalische Früherziehung, mittwochs Kinderturnen und donnerstags Singen… In manchen Familien ist der Terminkalender schon für die Kleinen so voll wie der eines Top-Managers. Muss das sein? Ich setze da lieber auf einen neuen Trend aus den USA: „Simply Parenting“. Klingt ziemlich hip, oder? Früher hat man dazu einfach gesagt: Weniger ist mehr.

Ganz ehrlich: Wir kriegen das einfach nicht gebacken

Wenn ich meinen Sohn aus der KiTa abhole, haben wir beide ein strammes Programm hinter uns. Ich habe viele Stunden am Schreibtisch gesessen, und er hat genauso lange gebastelt, getobt und gespielt. Ganz ehrlich? Ich habe am Ende eines Tages nicht mehr extrem viel Lust, in einer kalten Turnhalle neben anderen Mamas zu hocken oder im Kreis zu sitzen, um dort das Tambourine zu schwingen.

Und könnte es nicht sein, dass es unserem Sohn ähnlich geht? Wegen eines Freundes wollte er unbedingt einmal zum Parcours. Hmm… Parcours, das klingt eigentlich ziemlich cool, dachte ich. Wir waren ein paar Mal da, doch war er bald schon jedes Mal unglücklich und quengelig, wenn ich mit ihm dort hingehen wollte. Er wollte sich lieber zu Hause ausruhen. Ich dachte anfangs, ich müsste ihn unbedingt motivieren und bei der Stange halten – von wegen Durchhaltevermögen und motorische Entwicklung beim Sport – aber wozu eigentlich, wenn wir am Ende beide nur getresst und fix und fertig sind?

Als ich im ersten Jahr mit ihm zu Hause war, habe ich von PeKip bis Musikgarten alles mitgenommen. Ich dachte, ich müsste das machen. Dabei hatte ich oft eher das Gefühl, bei einer Beschäftigungstherapie für Mütter zu hocken. Unserem Sohn zumindest war keine Begeisterung anzumerken. Nur einmal hat er freudig gequietscht: Als wir beim PeKip die Kinder nackig machen sollten, und er mir mitten ins Gesicht gepullert hat. Ich weiß, dass viele sehr glücklich in diesen Kursen waren und sogar echte BFFs gefunden haben. Das finde ich super. Aber für mich und mein Kind war es nicht das richtige.

Bin ich egoistisch oder vernünftig?

Nicht alle meine Mama-Freundinnen verstehen mich. Manche erzählen zwar, dass sie und ihre Kinder auch oft keine Lust haben, aber es sei nun einmal so wichtig. Wieso? „Na, weil sie so lernen durchzuhalten und wir ihre Interessen fördern wollen.“ Oder beim Sport: „Es ist so wichtig, dass sie ihre motorischen Fähigkeiten entwickeln.“ Hmm… aber machen sie das nicht auch schon in der KiTa im Bewegungsraum, beim Basteln und Spielen? Muss ich meinen Sohn und mich wirklich zu einem Kurs zwingen, wenn wir in der Zeit beide viel lieber gemeinsam durch den Wald toben, zu Hause ein Buch lesen, spielen oder auch mal nur jeder für sich vor uns hin werkeln würden?

Was, wenn ihm später doch etwas fehlt?

Trotzdem nagt an mir manchmal die Sorge, dass mein Sohn später im Nachteil sein könnte. Oder schon sehr bald, nämlich wenn er im nächsten Jahr mit all den Kindern eingeschult wird, die schon Seepferdchen, Karategürtel und eine Trophäe bei „Jugend musiziert“ eingeheimst haben. Müssen wir unseren Kindern nicht alles bieten, das uns möglich ist? Andererseits denke ich: Es muss auch einen Ort geben, an dem wir zur Ruhe kommen, an dem man nicht mit anderen mithalten will oder muss, an dem wir uns vielleicht sogar mal langweilen, neue Kraft tanken und eigenen Ideen Raum geben, die nicht von Kursleitern vorgegeben sind. Deshalb werde ich ihn weiter nicht zu Kursen anmelden – bis er es sich selbst wirklich wünscht.

Macht es für alle einfacher

Euch geht es wie mir oder ihr lebt in einer Region, in der man ohnehin nicht mit fünf Jahren Ukulele lernen oder sich im Turnverein zum „Ninja Warrior“ ausbilden lassen kann? Dann sagt einfach, ihr betreibt „Simplicity Parenting“. Das viel verkaufte Buch dazu schrieb ein pädagogischer Berater namens Kim John Payne mit „Simplicity Parenting. Weniger ist mehr ─ Was Kinder wirklich brauchen, um ausgeglichen, glücklich und rundum geborgen aufzuwachsen“ (Affiliate Link). Doch eigentlich ist es ja nur ein neues Etikett für eine nicht mehr ganz neue Erkenntnis: Kinder haben heute viel zu viel Zeug und Wahlmöglichkeiten, aber dadurch verlieren sie auch etwas sehr Wichtiges: Zeit und Ruhe. Außerdem ist es sauanstrengend, zwischen so vielen Angeboten zu wählen – kennen wir doch von uns selbst.

Wenn euer Kind Freude an Gitarre, Ballett oder Töpfern hat, und ihr entsprechende Angebote ohne viel Stress für euch alle nutzen könnt: super! Denn natürlich spricht nichts dagegen, dass es einem aufrichtig geliebten Hobby nachgeht. Falls es aber eher lustlos teilnimmt, und ihr dennoch mit dem Auto quer durch die Stadt gurkt, um dabei zu sein: Vielleicht ist es an der Zeit, die Bremse zu ziehen. Macht etwas anderes, auch wenn ihr nur zu Hause rumgammelt. Stärkt euer Kind, indem ihr seine wahren Bedürfnisse wahrnimmt und achtet – nur so lernt es das auch. Das stärkt es für später. Den braunen Karategürtel kann es sich dann ja immer noch holen.

Wie sieht es bei euch aus: Hat euer Kind einen vollen Terminkalender oder lasst ihr es eher ruhig angehen? Und habt ihr in dem Fall das Gefühl, dass ihm etwas fehlt, oder es etwas verpasst? Erzählt doch mal!

 

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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