Muttertag: Das erste Mal ohne Mama

„Wenn ich an den kommenden Sonntag denke, muss ich gleich wieder heulen. Dieser Muttertag wird nämlich der erste, den ich ohne Mama feiern muss. Ich weiß nicht, warum mich ausgerechnet dieser Gedanke gerade so trifft. So lange sie lebte, haben weder sie noch ich sonderlich viel Wert auf diesen Feiertag gelegt.

Ich habe ihr pflichtschuldig ein paar Blumen oder Pralinen überreicht.

Genau wie meine Kinder jetzt mir brav und von ihrem Papa ermutigt zum Muttertag Bilder malen. Natürlich freue ich mich darüber – so, wie ich mich an jedem anderen Tag im Jahr darüber freue. Auch meine Mutter hat immer nur gesagt. „Ach, Kind, das wäre doch nicht nötig gewesen.“ Und bei ihr weiß ich, dass sie es genauso gemeint hat. Sie brauchte keine Geschenke als Gesten der Zuneigung. Ihr kam es nur auf die Zeit an, die wir gemeinsam verbrachten.

Und die ist vor drei Monaten abgelaufen – viel zu früh und ohne jede Vorbereitung. In ihrem Gehirn ist ein Aneurysma geplatzt. Am nächsten Tag war sie tot. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass wirklich alles weg sein soll: ihre Herzlichkeit, ihre Gelassenheit und ihr trockener Humor. Auch kleine Dinge fehlen mir, wie die Stachelbeer-Baiser-Torte im Sommer, die nirgends so gut schmeckt wie bei ihr. Oder ihr Rotkohl zur Weihnachtsgans, nach einem Geheimrezept, dass sie nun nie mit mir teilen wird. Ein paar Tage vor ihrem Tod feierten wir noch ihren 69. Geburtstag, wenn wir sie an diesem Sonntag besuchen, bringen mein Bruder und ich unsere Blumen an ihr Grab. Irgendwie hoffe ich, dass sie dort auf uns wartet, sich uns in irgendeiner Form zeigt, aber ich ahne, dass diese Hoffnung enttäuscht wird.

Vielleicht habe ich deshalb so viel Angst vor dem Muttertag.

Ich habe Angst vor dem Gefühl der Endgültigkeit, wenn wir diesen Sonntag ohne sie begehen. Auch wenn sie unsere Blumen andernfalls wie immer nur belächelt und gesagt hätte: „Hauptsache, ihr seid da!“ Wir werden da sein, natürlich – nur ohne sie. Dabei würde ich so gerne noch einmal ganz fest ihre lebende Hand halten, übersät von Altersflecken, weil sie die Sonne ein bisschen zu sehr geliebt hat. Ich würde ihr so gerne noch einmal sagen, wie lieb ich sie hatte und wie dankbar ich ihr dafür bin, dass sie immer für uns da war. Stattdessen drücke ich meine Kinder ganz fest an mich und hoffe, dass sie meine Tränen nicht sehen.

Vergesst nicht: Blumen und Pralinen sind nette Gesten, über die sich viele Mütter freuen. Doch die meisten von ihnen wünschen sich vor allem, dass wir da sind. Eine liebevolle Umarmung und ein aufrichtiges „Dankeschön“ sind viel mehr wert als ein Parfümerie-Gutschein. Falls ihr also eure Mamas zur Feier des Tages besucht, knuddelt sie ganz fest für mich mit – solange es geht. Und wenn ihr sie nur anrufen könnt, seid nicht genervt, wenn ihr am Telefon all die üblichen Geschichten und Anmerkungen zu hören bekommt – irgendwann werdet ihr vielleicht genau das vermissen!“

Danke, liebe Isabell, dass du deine Gefühle so offen mit uns geteilt hast. Wir wünschen dir und deiner Familie ganz viel Kraft und Liebe für diesen Muttertag.

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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