Mutter nimmt 2-Jährige mit auf die Jagd – und kassiert Shitstorm

Eine Mutter posiert mit ihrer kleinen Tochter vor der Kamera, in der Hand hält sie den gerade geschossenen Hasen. Kinder beim Töten zusehen lassen – im Ernst!? Es wundert wohl kaum jemanden, dass Beka Garris für ihre Beiträge in den sozialen Medien einen Shitstorm erhielt. Zu Recht – oder etwa doch nicht?

Meine erste Reaktion können sicher viele nachvollziehen: Wie kann sie nur!

Mann, ist das schrecklich, wenn die süße Kleine am Ende Waffenbesitz und Töten für etwas herrlich Normales hält. Diese verrückten Amis! Mir gingen sofort diese fiesen Trophäenjäger durch den Kopf. Solche, die stolz in die Kamera strahlen, obwohl sie nichts weiter geleistet haben, als in einem absolut unfairen Kampf ein Lebewesen zu töten. Doch nachdem die erste Wut verflogen war, war ich mir nicht mehr ganz so sicher in meinem Urteil.

The last day of rabbit season, and I managed to get one with my Kodiak…third year in a row I've had last day luck!…

Gepostet von Beka Garris am Samstag, 29. Februar 2020

 

Eine andere Welt mit einer anderen Kultur

„Mit meinen Kindern jagen zu gehen, ist etwas, was meine Familie schon immer getan hat, sagt Beka selbst. Beka lebt in Ohio, umgeben von einer Wildnis, in der schon ihre Vorfahren gejagt haben, um Fleisch und Fisch auf dem Teller zu haben. Dort bekommen Kinder zur Jagdsaison oft sogar schulfrei, um dabei zu sein. „Ich weigere mich, mich dafür zu entschuldigen, dass ich meinem Kind zeige, dass Essen aus dem Wald, aus dem Wasser oder aus dem Garten kommt“, erklärt sie.

Ihr Gemüse stammt aus dem eigenen Garten, die Tiere aus der Umgebung. Der nächste Supermarkt, in dem die fertigen Fischstäbchen in der Kühltruhe so aussehen, als wäre dafür nie ein Tier gestorben, ist mitunter meilenweit weg. Das Geld sitzt in der wirtschaftsschwachen Region auch oft weniger locker. Und: Ich esse nur selten Fleisch, aber ich bin kein Veganer. Das heißt auch, dass ich grundsätzlich akzeptiert habe, dass Tiere für mein Essen sterben. Und je länger ich darüber nachdenke, weiß ich nicht mehr, ob die Tiere, die sie tötet, nicht am Ende besser gelebt haben und gnädiger gestorben sind, als die, die ich esse? Plötzlich erscheinen mir die Bilder mit Pfeil und Bogen weniger erschreckend als die aus der Tönnies-Schweinemast.

Having a toddler who wakes up at the crack of dawn has its perks. 🌄We're usually up and out of the house before the…

Gepostet von Beka Garris am Freitag, 26. Juni 2020

Aber bekommt das Kind keine Alpträume?

Würde man mich zwingen, bei einer Jagd dabei zu sein, würde ich selbst als Erwachsene wohl schlecht schlafen – und womöglich endgültig Veganer werden. Wie soll es da erst der Kinderseele ergehen? Interessiert habe ich in einem Beitrag von RTL.de zu Beka Garris ein Interview mit einer Kinderpsychologin gelesen, die auch noch einmal auf die kulturellen Unterschiede hinweist. Hierzulande lehne man es ab, mit einem Kind auf die Jagd zu gehen. Aber einen Angelausflug sehe man gelassener. Da hat sie natürlich Recht. Sie sagt außerdem sinngemäß: Auch der Vorgang der Jagd traumatisiert ein Kind eher nicht, wenn er mit Wertschätzung und Gesprächen über den Kreislauf des Lebens einhergehe.

Ich bin ganz anders groß geworden als Beka Garris. Schon deswegen ist es für mich immer noch irre befremdlich, in Gesellschaft eines Kleinkinds ein Tier zu erlegen und das Kind anschließend mit dem toten Tier posieren zu lassen. Aber was das Jagen mit Kind an sich angeht, kann ich – wenn ich darüber nachdenke – ihre Einstellung nachvollziehen und nicht mehr (sooooo) verwerflich finden.  Und wie geht es euch damit?

Jana Seidel

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