Mit „Pickel am Po“ in die Notaufnahme? Experte will Eltern zur Kasse bitten!

Wer sein Kind wegen ein paar „Pickeln am Po“ in die Notaufnahme schleppt, sollte eine Gebühr bezahlen, findet Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, in der Neuen Osnabrücker Zeitung. Sein Vorschlag klingt angesichts der dramatischen Lage in vielen Krankenhäusern nachvollziehbar. Die Kliniken sind oft voll, die Ärzte kommen kaum noch hinterher: „Die Notfallversorgung muss auf Notfälle konzentriert werden.“

Für Eltern, die bloß unter der Woche keine Zeit haben und dann am Wochenende wegen Kleinigkeiten beim Notdienst aufschlagen, hält Fischbach eine Eigenbeteiligung der Versicherten für absolut sinnvoll. Aber sind diese Fälle wirklich so häufig?

Ein Pups sitzt quer, und die Eltern rennen in die Notaufnahme?

Fast alle Eltern, die ich kenne, sind mit ihren Kind schon einmal spät am Abend oder am Wochenende in die Notaufnahme gefahren. Wir auch. Damals hat unser fünf Monate alter Sohn einen ganzen Samstag lang jede Form von Milch (Brust, abgepumpt in der Flasche, Pulvermilch) abgelehnt, dafür aber die ganze Zeit bitterlich geschrien. Irgendwann am Abend sind wir losgedüst, weil wir nicht wussten, was wir sonst machen sollten. Ich weiß noch, dass wir vier Stunden auf einen Arzt gewartet haben. Kein Wunder, die Klinik war vollkommen überlastet.

Ich kann nicht einschätzen, ob es an Eltern lag, die wegen eines kleinen Schnupfens oder eines „Pickels am Po“ dort saßen. Aber haben denn wirklich so viele Bock darauf, wegen Pipifax stundenlang im steril beleuchteten Klinikflur abzuhängen?  Sicher mag es das geben, aber ich vermute, dass Mamas und Papas häufiger einfach nicht einschätzen können, ob ihrem Kind bloß ein Pups quersitzt oder sich womöglich gerade der Blinddarm meldet, wenn es seit Stunden über heftiges Bauchweh klagt. Wir sind schließlich keine Mediziner, sondern für eine Diagnose auf solche angewiesen.

Klar sollte man nicht gleich ins Auto hechten, weil der Nachwuchs einmal „Aua!“ gehaucht hat. Auch sollten Eltern es nicht bis zum Wochenende aufschieben, sich um Gesundheitsprobleme des Kindes zu kümmern, nur weil es zeitlich besser passt. Das wäre tatsächlich unfair gegenüber echten Notfällen, die so womöglich später entdeckt und behandelt werden.

Aber liegt das größere Problem nicht doch woanders?

Auch wenn die Auswirkungen vielleicht weniger fatal sind, sieht es in den Arztpraxen kaum besser aus, was eine rasche medizinische Versorgung angeht. „In Deutschland herrscht akuter Kinder- und Jugendärztemangel, und dieser spitzt sich weiter zu“, so Fischbach. Im Durchschnitt seien die Ärzte 57 Jahre alt, die Rente nahe, oft sei kein Nachwuchs in Sicht. 

Vor kurzem wollte ich für meinen Sohn einen Impftermin vereinbaren, doch in der Gemeinschaftspraxis werden die Eltern auch während der Sprechzeiten nur noch per Anrufbeantworter abgekanzelt – mit der Bitte, ausschließlich in Notfällen zu bestimmten Zeiten aufzuschlagen bzw. sich außerhalb dieser Zeiten an die Notaufnahme zu wenden. Es sind so ziemlich die einzigen Kinderärzte in unserer Umgebung. In unserem Fall ist die Lage zum Glück klar: kein Notfall! Also warten wir entspannt, bis wieder was geht. Aber wer sich unsicher ist und null Chancen auf einen Termin in einer regulären Praxis hat, entscheidet sich womöglich eher, eine Notaufnahme aufzusuchen, selbst wenn es noch nicht höllisch brennt. Und was, wenn es sich tatsächlich um einen Notfall handelt?

Intensivmediziner fürchten jetzt schon wieder den Herbst

„Wir werden genau die gleichen oder noch größere Probleme in diesem Winter bekommen wie im vergangenen“, sagt Kindermediziner Florian Hoffmann, der zugleich Präsident der Deutschen Interdiszi­plinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin ist, im Deutschen Ärzteblatt. Damals gingen den Krankenhäusern während der RSV-Welle die Betten aus, wo sie doch im Sommer oft schon am Limit sind.

Wegen einer Gebühr müssen sich Eltern wohl vorerst keine Gedanken machen. Vor kurzem erst hatte der Kassenärzte-Chef Andreas Gassen vorgeschlagen, dass erwachsene Patienten, die ohne vorherige Vorankündigung per Telefon auftauchen, eine Gebühr zahlen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach lehnte das ab.

Mehr Sorge sollte uns der grundsätzliche Mangel an Kinderärzten bereiten. Die Gründe sind zahlreich: Die Arbeitsbelastung für Kinderärzte liegt ohnehin höher als in vielen anderen Fachrichtungen und hat in den letzten Jahren noch einmal deutlich zugenommen. Kinder brauchen zudem ein höheres Maß an Zuwendung, die Eltern wollen ebenfalls Aufmerksamkeit…  Dass es außerdem zu wenig Studienplätze und kein ausreichendes Spezialisierungs- und Weiterbildungsangebot gibt, verspricht keine rosige Zukunft in diesem Bereich. Vielleicht sind ja das die Stellschrauben, an denen man erst einmal drehen sollte?

Jana Stieler

Ich lebe mit Mann und Sohn im Süden Hamburgs – am Rande der Harburger „Berge“ (Süddeutsche mal kurz weghören: Der höchste Punkt misst immerhin sagenhafte 155 Meter ü. M.). Wenn ich nicht gerade einen Text verfasse, liebe ich Outdoor-Abenteuer mit meiner Familie, lange Buch-Badewannen-Sessions mit mir allein und abendliches Serien-Binge-Watching.

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