Mit Kind in der Stadt bleiben oder aufs Land ziehen? So entscheidest du dich richtig!

Unsere Autorin Timea Sternkopf ist Mama einer zweijährigen Tochter. Vor kurzem tat sie etwas, was sie nicht von sich erwartet hätte: Sie zog mit ihrer Familie von der Münchner Innenstadt aufs Land. Hier erzählt sie, wie es ihr jetzt geht und gibt Entscheidungshilfe für alle, die über einen Umzug nachdenken:

„Schlichtweg unbezahlbare Mietpreise und dazugehöriger Wohnungsmangel in München sorgten für eine folgenschwere Entscheidung in meinem Leben: Ich zog mit meinem Mann und meiner zweijährigen Tochter von der Großstadt ins Dachauer Hinterland. Mein Leben lang gehörte ich zu den Großstadtmädchen dieser Welt, doch mit dem „hohen“ Alter oberhalb der magischen 30 (oder war es die Geburt meiner Tochter?!) kam die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Ich beließ es nicht bei der Sehnsucht, sondern handelte.

Aus folgenden Gründen bin ich umgezogen:

Der Verkehr in der Stadt ist vor allem für Kinder oft gefährlich.

1. Ruhe

Montagmorgen in der Großstadt: Ich gehe vor die Tür und ein eilender Mitbürger saust dicht an mir mit seinem Fahrrad vorbei, bevor ich an der nächsten Kreuzung von einem Mini, der grüne Fußgängerampeln für Festbeleuchtung hält, fast überfahren werde. Mit dem Kinderwagen joggend verpasse ich die U-Bahn, weil gerade in diesem Moment eine tratschende Seniorentruppe den Lift zum Untergeschoss besetzt. Entscheide ich mich in der Rushhour fürs Auto, schnüffele ich Abgase und höre Hupkonzerte statt Radio. Eine Großstadt hält viele Hindernisse bereit.

Wenn ich auf dem Land dagegen morgens die Haustür öffne, höre ich die Vögel zwitschern und eine Brise von der frisch gedüngten Wiese nebenan steigt mir in die Nase (letzteres kann auch ein Nachteil sein, aber dazu später). In unserer verkehrsberuhigten Straße tänzelt eine Katze entlang. Stau auf dem Land bedeutet, wenn die Schranke vor den Gleisen heruntergelassen wird, weil die S-Bahn mal wieder vorbeifährt (also einmal in der Stunde) oder weil ein Traktor mit 20 Km/h vor dir fährt. Ansonsten herrscht Ruhe und frische Luft gibt es auch noch.

2. Behütetes Aufwachsen meiner Kinder

München ist mal wieder zur sichersten Großstadt Deutschlands gekürt worden. Trotzdem würde ich mein Kind bis zu einem gewissen Alter ungern alleine auf die Straße schicken – sei es der hektische Verkehr oder die Anzahl der potenziellen Psychopathen, die sich in einer Millionenstadt nunmal aufhalten. Auf dem Land gibt es natürlich auch Raser und schwarze Schafe unter den Mitmenschen, aber es sind insgesamt weniger. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass deine Kinder mehr echte schwarze Schafe auf der nächstgelegenen Weide sehen als in der „Menschenmasse“ in der Fußgängerzone.

3. Die Nähe zur Natur

Es ist toll, Tiere direkt nebenan zu haben.

Da wären wir erneut bei den schwarzen Schafen. Es ist wirklich schön, wenn man statt teurer Zoobesuche einfach um die Ecke einen der Bauernhöfe besuchen und Tiere hautnah erleben kann. Hier draußen sind wir regelrecht umzingelt von Pferden, Ziegen, Kühen, Schafen, Hühnern und Rehen. Hinter dem nächstgelegenen Spielplatz ist eine Wildzucht. Meine Tochter liebt es, Tiere aus der Nähe zu beobachten. Mein Hund leider auch – Punktabzug fürs Land an dieser Stelle aufgrund des Jagdtriebes meines Terriermischlings.

4. Bezahlbarer Wohnraum und günstige Lebensmittel statt überteuerte Bruchbuden und Hipster-Cafés

Unsere Drei-Zimmer-Wohnung in München war wirklich schön, das Highlight war ein eigener kleiner Garten. Der Nachteil: Zu teuer, zu klein, zu laut. Auf dem Land zahlen wir nun sogar ein bisschen mehr Miete als vorher, aber für sagenhaft fast drei Mal so viel Wohnraum. Endlich können alle Verwandten zu Besuch kommen, ohne dass sie sich auf der Wohnzimmer-Couch stapeln müssen. Meine Tochter darf in ihrem eigenen geräumigen Zimmer spielen, und wenn es langweilig wird, dann gehen wir ins Dachstudio zum rumtoben.

Wenn ich drei Mal die Woche Home Office mache, sitze ich in meinem eigenen Büro statt mit Laptop am Esstisch zwischen Müslikrümel und Wäschekorb. Platz ist da und das zur Genüge. Wenn ich beim Bäcker um die Ecke Proviant besorge, muss ich die Rechnung meist unglaubwürdig überprüfen – es ist zu billig! In der Großstadt zahle ich für einen Cappuccino in einem Hipster-Café so viel wie für ein belegtes Brot, ein süßes Teilchen und einen frischen Kaffee beim Dorfbäcker. Und es schmeckt sogar besser.

5. Kitaplätze

Wer in der Großstadt lebt, kennt das Problem: Man will nach der Elternzeit wieder arbeiten gehen, aber statt Kita-Plätze warten ellenlange Wartelisten auf einen. Auf dem Land kann man mit den Kitaleitern noch Gespräche führen statt unpersönliche Online-Anträge auszufüllen. Natürlich kann es dir auch auf dem Land passieren, dass die Kita voll ist, aber die Bereitschaft der Einrichtungen, eine Lösung zu finden, empfand ich höher, als in der Großstadt.

Die frische Landluft, die Nähe zur Natur und endlich mehr Platz waren also mein Anreiz für einen Umzug aufs Land geben. Doch nicht alles ist so gut hier wie das selbstgebackene Brot vom Dorfbäcker:

1. Fehlende Privatsphäre trotz weniger Menschen

Ich gebe zu, manchmal vermisse ich die Anonymität der Stadt. Meine älteren Nachbarn gegenüber beobachten ganz genau, wann ich das Haus verlasse, mich an meinen Bürotisch setze und ob ich mir ein zweites Glas Wein am Abend auf der Terrasse einschenke. Sie wissen über alles Bescheid. Doch die fehlende Anonymität hat auch seine Vorteile: Der Briefträger begrüßt mich auf der Straße und überreicht mir persönlich meine Post. Statt Nummern ziehen auf dem Anwohnermeldeamt, musst du nur freundlich an der Tür des Amtes klopfen und zwei Minuten später hast du alles erledigt.

2. Pendeln und Abgeschiedenheit

Pendeln stinkt. Das kann ich nicht anders ausdrücken. Mein Mann arbeitet Vollzeit in der Stadt und muss jeden Tag eine Stunde Fahrt in die Arbeit auf sich nehmen. Das sind zwei Stunden pro Tag, die er im Auto verbringt statt zuhause mit seiner Tochter. Ich muss nur rund zwei Mal die Woche pendeln, aber jedesmal, wenn ich die S-Bahn nehme, klopft mein Herz vor Aufregung, ob ich es auch rechtzeitig zurück in die Krippe meiner Tochter schaffe. Es ist mir bereits zwei Mal passiert, dass absolutes S-Bahn-Chaos herrschte und ich am Ende 60-Euro-teure Fahrten mit dem Taxi bezahlen musste, da meine Tochter sonst in der Kita übernachtet hätte. An solchen Tagen wäre ich lieber zuhause geblieben, denn wirklich viel Geld habe ich nicht verdient.

Schön grün, aber echt einsam!

Ein Grund, weshalb ich es manchmal bereut habe, dass wir aufs Land rausgezogen sind, ist die Abgeschiedenheit. Wenn ich meine Tochter am Nachmittag aus der Kita abhole, dann verbringen wir unsere Zeit meistens alleine. Wirklich Anschluss konnte ich noch nicht finden, und alle unsere Freunde wohnen in München. Der Weg dahin ist zu weit, die Fahrt für ein kurzes Playdate lohnt sich nicht. Am Abend treffe ich hin und wieder meine Freunde in der Stadt, aber ich bin komplett abhängig von meinem Mann. Mit seinen Überstunden und dem Pendeln in der Rushhour kommt er vor 19 bzw. 20 Uhr nicht nach Hause. Da ich meine zweijährige Tochter nicht alleine lassen kann, muss ich warten, bis er da ist, um das Haus zu verlassen, doch dann ist es meist zu spät.

3. Infrastruktur

Auf dem Land gehören gut funktionierende und regelmäßige Buslinien innerhalb der Ortschaften eher zur Ausnahme. Und so wird ein zweites Auto oft zum Muss, wenn die Kita nicht fußläufig zu erreichen ist – so wie in unserem Fall. Das kostet Geld und am Ende sitzt du da und überlegst, ob es nicht doch billiger und einfacher gewesen wäre, eine überteuerte Vierzimmerwohnung in der Innenstadt zu mieten.

4. Tradition statt kulturelle Vielfalt

Wenn ich nachmittags kurz vor 16 Uhr mein Kind in der Kita abhole, bin ich oft die letzte. Die Rollenverteilung innerhalb der Familien auf dem Land scheint eher klassisch zu sein. Mama bleibt Zuhause und kümmert sich um den Haushalt oder arbeitet höchstens ein paar Stunden am Vormittag, bevor sie ihr Kind abholt. Als freiberufliche Journalistin, die für eine Pressevorstellung des neuesten Stephen-King-Horrorstreifens nach München reinfährt, bin ich eine Art exotischer Kanarienvogel. Beruflichen Austausch bei gelegentlichen Playdates suchte ich bislang vergeblich.

Auf den Spielplätzen in der Umgebung ist ähnlich viel Betrieb wie in der Mitte der Wüste – Kinder spielen im eigenen Garten statt auf öffentlichen Plätzen. Wenn du also keine Leute kennst, dann bleibst du alleine.

Immerhin sind wir kulinarisch gesehen gar nicht so schlecht aufgestellt hier draußen, wie manch andere ländliche Orte. Es gibt sogar einen richtig leckeren Thailänder, so dass ich auf meine geliebte Tom-Kha-Gung-Suppe nicht verzichten muss. Bis dato traf ich allerdings noch keinen aus der Nachbarschaft, der auf dieses „chinesische“ Essen steht. Da das Restaurant doch recht gut besucht ist, gehe ich davon aus, dass sich dort ungewöhnlich viele Großstadtentflohene aufhalten. Die Einheimischen gehen lieber zum bayerischen Wirtshaus.

Mein Fazit: Auch wenn ich mich manchmal einsam fühle hier draußen, bin ich spätestens beim nächsten Spaziergang mit Tochter und Hund auf dem schönen weiten Feld um die Ecke wieder glücklich, fernab des Großstadtdschungels zu leben.

Mein Tipp: Mache dir eine eigene Pro- und Kontraliste, bevor du dich für einen Umzug entscheidest und überprüfe selbst, ob es für dich Sinn macht.

Tamara Müller

Als süddeutsche Frohnatur liebe ich die Wärme, die Berge und Hamburg! Letzteres brachte mich vor fünf Jahren dazu, die Sonne im Herzen zu speichern und den Weg in Richtung kühleren Norden einzuschlagen. Ich liebe die kleinen Dinge im Leben und das Reisen. Und auch wenn ich selbst noch keine Kinder habe, verbringe ich liebend gerne Zeit mit ihnen.

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