Meine Tochter, das Fremdelkind

Seit September 2013 sind wir zu dritt. Und wie es uns alle im Vorhinein gesagt haben: seitdem ist alles anders.

Ein Kind zu bekommen ist wohl der stärkste Vorher-Nachher-Effekt, den man sich vorstellen kann.

Plötzlich liegt da ein nagelneuer kleiner Mensch neben einem im Bettchen und bleibt. 24 Stunden an 7 Tagen der Woche und 365 Tagen im Jahr. Ein kleiner Mensch, der vom ersten Tag an seine ganz eigene Persönlichkeit hat. Zwar erkennt man die manchmal erst im Nachhinein, wenn man auf die so rasend schnell vorbeigeflogenen ersten Wochen und Monate zurückblickt, aber sie ist wirklich schon da, vom ersten Tag an, ach was, sie war sogar schon im Bauch da.

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Meine Tochter hat eine ganz wundervolle Persönlichkeit. Eine Persönlichkeit voller Neugier, Witz, Einfühlsamkeit und Nachdenklichkeit. Mit ihren drei Jahren ist sie natürlich auch aufmerksamkeitsfordernd, starrköpfig und trotzig, doch dann auch wieder anhänglich, zurückhaltend und schüchtern. Eben ein richtiges Kindergartenkind.

Es gab jedoch eine Zeit, da hatte die Schüchternheit sie fest im Griff. So fest, dass jede noch so kurze Trennung von Mama oder Papa (Duschen, Brei zubereiten, zur Toilette gehen) und jede Begegnung mit anderen Menschen, denen sie nicht täglich begegnete (ja auch Oma und Opa), ein Auslöser für panische Angstanfälle war.

Selbst die Krabbelgruppe, die wir jede Woche trafen, musste immer wieder neu kennengelernt werden, von meinem Schoß aus, mindestens zwanzig Minuten lang, bevor sie sich lösen konnte und auf den weniger als einen Meter entfernten Spielteppich vorwagte, wo die anderen drei bis vier Gleichaltrigen schon längst fröhlich spielten. Und selbst dann kam sie alle paar Minuten zu mir zurück, um wieder die Lage zu beobachten und das Gefühl von Nähe und Sicherheit zu tanken.

Besuche bei Verwandten wurden in dieser Zeit zum Albtraum.

Ihre Großeltern, ihre Tante, ihre Cousins und Cousinen, die sie so sehnsüchtig erwartet hatten, konnten sich ihr nur nähern, während sie Körperkontakt zu mir oder ihrem Papa hatte. Mit ihnen spielen zu gehen überforderte sie, denn sie alle waren ihr zu fremd. An ruhige Abende oder Nächte war auch kaum zu denken, denn das Schlafen fiel ihr in der fremden Umgebung schwer, trotz mitgebrachter Kuscheldecken und -tiere, die nach ihrem eigenen Bettchen rochen und ihr Geborgenheit vermitteln sollten.

In der Krippe klammerte sie an ihren Erzieherinnen, begleitete sie als einziges Kind überall hin, spielte am liebsten nur mit ihnen statt mit den anderen Kindern. Das ging soweit, dass wir nach einem beratenden Gespräch mit der Kita-Leitung, in dem erstmals ganz deutlich das Wort „Trennungsangst“ fiel, vorübergehend die Betreuungszeiten verkürzten. Wir wollten ihr so mehr Zeit im vertrauten Zuhause ermöglichen, mehr Ruhe, mehr Geborgenheit, damit sie auf diese Weise ihre Ängste vielleicht abbauen würde. Zum Glück ermöglichte mir mein Arbeitgeber, mehr von zuhause aus zu arbeiten und so konnte meine Kleine ihren Mittagsschlaf im eigenen Bettchen statt in der Krippe machen.

Es vergingen ein paar Wochen, in denen ich nach der Arbeit alles stehen und liegen ließ, um nur für sie da zu sein. Bis dahin hatte ich oft Angst, sie mit zu viel Aufmerksamkeit zu verziehen. Ich dachte, es wird doch langsam Zeit, dass sie auch mal für eine halbe Stunde allein oder mit anderen Kindern spielt, ohne dass ich die ganze Zeit neben ihr sitze.

Doch die Selbständigkeit, die ich von ihr erwartete, konnte sie einfach noch nicht erfüllen. Also hörte ich auf, sie mit anderen Kindern zu vergleichen und darüber nachzudenken, ob ich sie nicht vielleicht zu sehr bemutterte oder zu nachgiebig mit ihr war. Stattdessen gab ich ihr noch mehr von dem, was sie offenbar am dringendsten brauchte: Zeit und Nähe.

Und tatsächlich, langsam aber stetig wurde es besser. Sie löste sich immer öfter, früher und länger, knüpfte schüchterne erste Beziehungen zu den anderen Kindern. Sie brach nicht mehr in Tränen aus, wenn ihr eine unbekannte Person Guten Tag sagte. Sie schrie nicht mehr panisch auf, wenn in der Krippe mal ein Handwerker vorbeikam. Und schließlich, Monate später, bei einer Familienfeier, kletterte sie von meinem Schoß, nahm die Hand ihrer Cousine und ging einfach mit ihr in den Garten, ohne Abschied, ohne Blick zurück, ohne jede Spur der Unsicherheit.

Noch heute schießen mir fast jedes Mal die Tränen in die Augen, wenn ich sie unbemerkt beobachte, wie sie völlig losgelöst mit anderen Kindern spielt, ohne mich zu brauchen.

Mein Fremdelkind, das es am Ende ganz allein, ganz aus sich selbst heraus geschafft hat, sich zu trennen. Mein Fremdelkind, das mir schlaflose Nächte und Selbstvorwürfe beschert hat, weil ich nicht aus dem Grübeln gekommen bin, was ich ändern kann, damit sie diese Angst verliert. Mein Fremdelkind, das mich glauben gemacht hat, ich sei auch eine dieser Helikoptermütter, da ich zuletzt selbst Angst hatte, mich zu trennen, weil ich dadurch Angst und Tränen bei ihr auslösen könnte.

Am Ende ist es wohl so, dass ich nichts anderes tun konnte, als da zu sein, den sicheren Platz auf dem Schoß nicht zu verwehren, wenn er gebraucht wurde, und abzuwarten, bis diese kleine, zarte Persönlichkeit bereit ist, selbst loszulaufen – auch wenn es eben länger gedauert hat als bei den anderen.

Meine Schwester gab mir einmal einen Rat, der mich durch diese zwei Jahre des Fremdelns hindurchgetragen hat: „Du musst dich niemals dafür entschuldigen, dass dein Kind schüchtern ist.“

Ein Rat so simpel, und doch so weitreichend für eine Fremdelkindmama. Er lehrte mich, meine Tochter genau so anzunehmen, wie sie ist, egal, wie weit gleichaltrige Kinder in ihrer psychosozialen Entwicklung waren oder wie andere Erwachsene ihr Verhalten empfanden. Erst als ich der Persönlichkeit meiner Tochter mit echter Gelassenheit begegnete, konnte ich mich auf die größte und schönste Veränderung in unserem Leben wirklich einlassen.

Anna

Landshut im Dezember 2016

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