Mein Sternenkind Stella

Leider ist der Tod eines Kindes immer noch ein Tabu-Thema.

Dabei enden schätzungsweise 15% aller Schwangerschaften in einer Fehlgeburt. Für Mediziner ist das reine Statistik und Alltag. Für betroffene Frauen geht die Welt unter. Was viele nicht richtig einschätzen:

Auch wenn Frauen ihr Kind vor der 12. Schwangerschaftswoche verlieren, verlieren sie ihr Kind. Auch sie müssen trauern dürfen.

Damit das Thema Sternenkinder mehr Sichtbarkeit erhält, haben uns mehrere Sternen-Mamas ihre persönliche Geschichte erzählt.

Sie teilen sie mit uns, um anderen Frauen Mut zu machen und um für andere Betroffene da zu sein.

Das ist die Geschichte von Mama Ramona und Sternenkind Stella:

„Mein damaliger Freund und ich haben uns so sehr ein Kind gewünscht.

Und es war wie ein Wunder, es hat ganz schnell geklappt und ich weiß es noch ganz genau: am 18. September 2014 hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Die Freude war unbeschreiblich und jeder sollte daran teilhaben.

Wir haben sofort alle informiert. Unsere Familien und unsere Freunde. Einfach alle.

Die Schwangerschaft verlief die ersten Tage auch ganz normal. Mein Bauch wuchs allmählich und meine Brüste fingen an zu schmerzen.

Dann kam der Tag des 1. großen Ultraschalls. Es war in der 12. Schwangerschaftswoche.

Mein Freund hatte sich extra einen Tag Urlaub genommen und die Vorfreude unser Kind zum ersten Mal zu sehen, war einfach riesig.

Wir saßen also beim Arzt und irgendwann fand der Ultraschall statt. Der Arzt fing an zu schallen und sagte nicht. Er schaute nur zum Gerät.

Mir war sofort bewusst, dass etwas nicht stimmte. Es fehlte etwas.

Es war kein Herzschlag mehr da.

Ich fing an zu weinen und der Arzt hat sich dann an meinem Freund gewendet. Er hat ihm erklärt, wie man einen Termin für die Ausschabung im Krankenhaus macht.

Ganz ehrlich? Ich weiß nicht mehr, wie wir nach Hause gekommen sind. Wir haben während der ganzen Fahrt kein Wort miteinander geredet. Zuhause bin ich dann gleich in mein Bett und wollte irgendwie nur noch sterben. Bei meinem Baby sein.

Ich konnte nicht verstehen, warum ich nicht gemerkt habe, dass mein Baby gestorben ist. Ich fühlte mich doch die ganze Zeit schwanger. Ich fühlte mich auch als Versager.

Die ganze Nacht über habe ich meinen Bauch gehalten und mich gefragt, warum das passiert ist. Warum ist das gerade mir passiert?

Ich habe so viel geweint. Ich sollte mein Baby nie kennenlernen, nie riechen, nie das Kinderzimmer einrichten können…

Nur einen Tag später war dann die Ausschabung. Wir sollten morgens ins Krankenhaus kommen.

Ich konnte meinen Bauch gar nicht loslassen und stand völlig neben mir.

Mein Freund hat sich um alle Formalitäten gekümmert. Als ich auf dem Zimmer war, habe ich eine Tablette bekommen, die den Muttermund weich macht.

Die hat aber nicht gewirkt und ich musste noch eine Tablette nehmen. Zwei Stunden später war dann eine Ärztin an meinem Bett, die mir mitteilte, dass mein Muttermund zwar nicht so weich ist, wie erhofft, aber sie wollen den Eingriff trotzdem versuchen.

Es war eine Qual. Ich lag auf der Babystation des Krankenhauses und wusste, mein Kind tot ist.

So lag ich da und wartete. Auf der einen Seite, wollte ich, dass es schnell vorbei ist und auf der anderen Seite wusste ich, dass ich nach dem Eingriff ohne mein Baby nach Hause muss.

Gegen Mittag kam ich in den OP.

Das Aufwachen danach war am schrecklichsten. Ich habe sofort nach meinem Baby geschrien.

Ich fühlte mich leer, nutzlos und wollte liegenbleiben und nie mehr aufstehen.

Mit Beruhigungstabletten kam ich wieder auf mein Zimmer. Als die Blutungen aufgehört hatten, durfte ich am Nachmittag nach Hause.

Mein Freund war den ganzen Tag an meiner Seite. Aber irgendwie war er in dieser Zeit keine Unterstützung für mich.

Er und seine Familie haben von mir erwartet, dass ich direkt wieder funktioniere. Ich durfte nich trauern, oder weinen. Ich bekam sogar von ihnen gesatg, dass ich nicht ganz dicht bin.

Ich hörte Sprüche wie: ‚Gott wollte es so‘, ‚Ihr könnt ja ein neues machen‘, ‚Es sollte halt so sein‘, oder auch ‚Jetzt wisst ihr wenigstens, dass es funktionier‘.

Ich empfand das alles als extrem furchtbar.

Von meinem Freund habe ich mich immer weiter entfernt. Ich hatte das Gefühl, dass er gar nicht trauert.

Er fing dann an, mich zu beleidigen, mich zu demütigen. Er sagte, wenn ich mich nicht beruhigen würde, dann schmeißt er mich raus.

Auf eine verrückte Freundin hätte er keine Lust.

Aus Angst ihn auch noch zu verlieren, habe ich dann auch noch mit meinem Freund geschlafen. In einer Nacht ist dann unser Folgewunder entstanden.

Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell wieder klappen würde.

Ich hatte keine Periode und war wirklich 14 Tage nach der Ausschabung wieder schwanger. Ein absoltes Wunder!

Die Situation mit meinem Freund wurde aber nicht besser. Ich wollte uns unbedingt noch eine Chance geben, aber wir hatten uns schon zu weit entfernt. Ich habe mich dann in der Schwangerschaft von ihm getrennt und mich voll und ganz auf mein Baby konzentriert.

Ihr glaubt gar nicht, wie viel Angst ich hatte, dass ich das Kind verlieren könnte. Aber irgendwann wusste ich auch, dass alles gut werden würde.

Am 12. August 2015 kam mein Sohn Luca auf die Welt.

Er wird immer mein 2. Kind bleiben, denn mein erstes Kind ist Stella. So habe ich mein Kind genannt.

Luca war nie ein Ersatz für Stella. Ich liebe beide. Und ich würde auch heute noch alles tun, um mein Mädchen bei mir zu haben.

Mir hat es später sehr geholfen, mich mit anderen betroffenen Müttern auszutauschen. Ich hatte in diversen Gruppen immer das Gefühl, verstanden zu werden und dass meine Ängste einen Raum haben.

Und natürlich mein Luca. Mein Sonnenschein.“

Danke, liebe Ramona.

Wiebke Tegtmeyer

Nordisch bei nature: Als echte Hamburger Deern ist und bleibt diese Stadt für mich die schönste der Welt. Hier lebe ich zusammen mit meinem Mann und unseren beiden Kindern.

Seit 2015 sind wir Eltern einer zauberhaften Tochter. Zwei Jahre später kam ihr kleiner Bruder auf die Welt, und unsere Familie war komplett. Zusammen sind die beiden ein unschlagbares Team, das sich nur allzu gern gegen Mama und Papa verbündet.

Abgesehen von meiner Familie liebe ich den Hafen, fotografiere gern und gehe gern zu Konzerten und zum Fußball. Bei Echte Mamas kann ich meine Leidenschaft für Texte und Social Media ausleben – und darüber freue ich mich sehr.

Alle Artikel