„Mein Sohn entstand in einer Nacht, die mich seitdem verfolgt.”

TRIGGERWARNUNG

Dieser Text thematisiert eine Vergewaltigung. Er behandelt also Inhalte, die für einige Menschen sehr beunruhigend oder verstörend sein könnten. Wenn du dich mit dem Thema unwohl oder überfordert fühlst, solltest du den Text nicht lesen.


„Mein Sohn entstand in einer Nacht, die mich für immer verfolgen wird und ich hoffe, ich kann das mit diesem Text verarbeiten.

Ich bin 2018 in die Obdachlosigkeit abgerutscht, nachdem ich einer falschen Person Vertrauen geschenkt habe. Diese Person hat mich betrogen und es geschafft, dass meine Wohnung gekündigt wurde. Meine ganze Existenz war weg, ich war ein niemand und verlor für ein paar Jahre auch das Sorgerecht für meine Tochter. Heute haben wir zum Glück wieder Kontakt.

Inzwischen habe ich auch einen kleinen Sohn, den ich über alles liebe, obwohl er aus einer Vergewaltigung entstanden ist.

Es passiert zwischen Weihnachten und Silvester. Ich hatte jemanden kennengelernt, der mir anbot bei ihm zu schlafen. Im ersten Moment habe ich mich sehr gefreut, nicht in der Kälte schlafen zu müssen. Aber der Mann nahm Drogen und wurde handgreiflich. Also schnappte ich meine wenigen Sachen und floh wieder in die Kälte. Ich irrte eine Weile hin und her, um mir einen Schlafplatz zu suchen, der etwas Schutz vor der Kälte bot. Ich fand einen Platz auf einem verlassenen Fabrikgelände.

Bis heute weiß ich nicht, ob er mir gefolgt ist, oder ob es einfach Zufall war, dass wir dort aufeinander trafen. Ich hatte mir es so gut wie es ging einen Schlafplatz gemacht, als ich Schritte hörte. Im ersten Moment dachte ich: ‚Scheiße, Sicherheitsperonal!‘ Die vertreiben Obdachlose oft. Ich habe versucht, mich so klein wie möglich zu machen und dachte wie ein Kind: ‚Wenn ich mir die Augen zu halte, sieht er mich nicht.‘

Die Schritte kamen immer näher und dann packte er mich.

Ich weiß nicht, was danach alles passiert ist. Ich kann mich nicht richtig erinnern und habe nur schemenhafte Erinnerungsstücke. An Silvester griff mich dann die Polizei auf. Ich war total durch den Wind von den ganzen Ereignissen. Ich habe geheult und kam wohl echt schräg rüber.

Die Polizisten wollten mich in die Psychiatrie verfrachten. Dort wollten sie mich aber nicht aufnehmen, weil es keinen ersichtlichen Grund gäbe und sie kein Obdachlosenheim wären. Da standen wir zu dritt wieder in der Kälte, der eine Beamte fing an zu telefonieren und kam dann zurück, um mir mitzuteilen, dass sie mich jetzt in eine Obdachlosenunterkunft bringen.

Ich war müde und erschöpft und ließ mich hinfahren.

Irgendwie blieb mir ja nichts anderes übrig. Ich bin dort am Ende ganze drei Jahre geblieben. Im Februar musste ich einem dort arbeitenden Sozialarbeiter gestehen, was mir passiert ist, weil meine Periode ausblieb und mich morgendliche Übelkeit quälte. Ich war nicht mehr krankenversichert, es gab so viele Hürden. Einen Tag vor meinem Geburtstag erfuhr ich, dass ich im zweiten Monat schwanger war.

Ich war geschockt, wütend, entsetzt, weil jetzt klar war, es ist passiert. Die Vergewaltigung war kein schlechter Traum. Nach ein paar Wochen in Schockstarre mischte sich aber so langsam auch Freude in meine Gefühle. Man hat mir auch die Möglichkeit einer Abtreibung angeboten. Ich habe das abgelehnt, denn ich wollte dem Baby und mir eine Chance geben.

Besonders groß wurde meine Freude, als ich hörte, dass es ein Junge wird. Ich wollte immer einen Jungen, aber ich wusste, dass diese Situation mehr als ungünstig für ein Baby war. An einem Ort, wo man das Gefühl hat, es scheint keine Sonne mehr, die Wärme spendet.

Meine Schwangerschaft verlief unkompliziert, nur die Übelkeit war nicht so toll.

Aber es gab auch viele Tiefen. Ich fand keine Wohnung, das Jugendamt drohte mir, dass sie mir mein Kind entziehen werden wegen den Umstände. Ein Sozialarbeiter versuchte, mir zu helfen, soweit es ihm möglich war. Wir suchten uns Unterstützung bei einer Anwältin, die war zum Glück richtig gut.

Im September kam mein kleiner Sohn auf die Welt. Sie nahmen ihn mir zwei Stunden nach der Geburt weg – ‚in Obhut‘, wie es das Jugendamt nannte. Ich war am Boden zerstört und sie legten mich auch noch in ein Zimmer mit zwei Frauen, die ihre Babys umsorgen konnten. Ich habe mich elendig gefühlt und so viel geweint im Bad. Ich durfte ihn nur drei Tage stillen. Sie haben ein kerngesundes Baby auf die Frühchen-Intensivstation gelegt, wo ich nur alle vier Stunden zu ihm durfte.

Nachts durfte ich gar nicht zu ihm, das war sehr schlimm.

Wenn ich da war, habe ich ihn gewickelt, gestillt und gekuschelt. Doch nach einer Stunde musste ich wieder gehen. Es war jedes Mal, als ob mir jemand ein Messer ins Herz sticht. Drei Tage lag ich im Krankenhaus, als ich entlassen wurde, musste ich alleine gehen. Ich habe so geweint und mein Sohn hat gewimmert beim Abschied, als hätte er gespürt, dass ich nicht mehr komme. Das Jugendamt wollte ihn vor mir schützen, aber ich liebte dieses kleine Bündel, ich wollte seine Mama sein.

Es war der pure Wahnsinn, denn das Jugendamt hatte nichts als Vermutungen und Spekulationen gegen mich in der Hand. Sie glaubten, dass ich ihm wehtun könnte oder Sonstiges, weil er bei einer Vergewaltigung entstanden ist. Doch ich wusste: Er konnte für das ganze Dilemma nichts. Ich konnte das für mich trennen. Trotzdem durfte ich meinen kleinen Schatz danach nur noch einmal in der Woche sehen, auch wieder nur für eine Stunde.

Er kam in eine Pflegefamilie, zum Glück war die sehr nett.

Sie achteten darauf, dass ich ihn füttern konnte und wir haben viel gekuschelt in der Zeit. Die Sozialarbeiter von der Obdachlosenunterkunft sahen meine Bemühungen und Anstrengungen. So bekam ich endlich eine Notwohnung, damit ich dem Jugendamt zeigen konnte, dass mein Sohn ein zu Hause haben würde. Ich habe sie trotz aller Umstände so schön wie möglich gemacht und ihm ein Zimmer eingerichtet, obwohl ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, ob ich ihn jemals dort wickeln werde oder wir zusammen in seinem Zimmer spielen können. Ob ich jemals für ihn kochen, seine Anziehsachen waschen werde, ihn baden oder kuscheln kann.

Der Alptraum schien keine Ende zu nehmen, denn Anfang Oktober sollte ich mich in eine Psychiatrie begeben zur Überprüfung meines geistigen Zustand. Ich machte alles mit und am Ende kam heraus, dass ich eine Posttraumatische Belastungsstörung habe. Bis heute bin ich deswegen in Behandlung. Mitte Oktober war dann die Verhandlung zum Verbleib meines kleinen Schatzes.

Ich war so nervös und musste vorher weinen.

Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle, ich hatte Angst, dass es wegen meiner Diagnose wieder neue Probleme gäbe. Aber der Richter war wirklich sehr einfühlsam und gab mir die Chance, mich als Mutter zu beweisen. Ich habe die Verhandlung für mich entscheiden können– mit gewissen Voraussetzungen und Auflagen, z. B. dass eine Familienhilfe nach uns schaut und mich unterstützt. Sie ist auch bis heute für uns da.

Dass ich mein Baby wiederbekam, verdanke ich meiner Anwältin und dem Sozialarbeiter, der mich im Umgang mit meinem Kleinen beobachtet hat. Er bestätigte dem Richter, dass ich sehr vorsichtig und liebevoll mit meinem Sohn umgehe.

Dann kam der Tag, an dem mein Sohn mir wieder in die Arme gelegt wurde.

Insgesamt hatte mein Sohn fünf Wochen in der Bereitschaftspflegefamilie gelebt. Endlich durfte ich Mama sein und ihn mit nach Hause nehmen. Es war ein bisschen wie eine zweite Geburt. Jetzt konnten wir uns richtig kennenlernen und ich musste meinen ganzen Alltag umstellen. Aber ich war und bin so glücklich, auch wenn es mit einem kleinen Kind und ganz ohne Familie nicht immer leicht ist. Trotzdem haben wir bis jetzt immer alles irgendwie gemeistert.

Ich bin froh, dass ich so für ihn gekämpft habe und ich werde es weiter so machen. Wir hatten viele Hürden zu nehmen und es werden auch noch viele kommen. Doch ich bereue keinen Tag. Man kann ein Kind lieben und eine Bindung zu ihm aufbauen, obwohl es in so einem entwürdigenden, schrecklichen Moment entstanden ist. Wenn ich ihn ansehe, sehe ich nur meinen kleinen Schatz.

Mittlerweile konnten wir in eine richtige Wohnung umziehen.

Wir leben zusammen und können uns jetzt gemeinsam etwas Schönes aufbauen. Mein Kleiner besucht auch schon eine Kita. Dort mögen ihn alle, auch die anderen Kinder spielen oft mit ihm. Er fühlt sich sehr wohl dort. Für mich ist das immer eine Pause zum Luft holen, denn er ist ein echter Wirbelwind und hält mich ordentlich auf Trab.

Es ist wunderschön die ersten Geburtstage meines Sohnes zu erleben. Ich bin froh, dass ich seine Mama sein darf.


Liebe Mama, vielen Dank, dass du uns deine Geschichte anvertraut hast. Wir wünschen dir und deiner Familie alles Liebe für die Zukunft!

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg. Am liebsten erkunde ich mit ihm die vielen grünen Ecken der Stadt.

Auch wenn ich selbst keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Schon als Kind habe ich das Schreiben geliebt – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit so einem schönen Thema befassen. Das passt einfach!

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