„Mein Kind wird sterben, weil du deines nicht geimpft hast!“

„Unser Sohn Paul kann seit drei Jahren nicht mehr sitzen, laufen oder sprechen. Er muss künstlich ernährt werden und wechselt, manchmal wöchentlich, zwischen dem Krankenhaus und unserem Bett zu Hause. Wie lange er noch leben wird, das wissen wir nicht.

Es könnte jeden Tag vorbeigehen.

Spulen wir mal knapp 14 Jahre zurück. Paul war fünf Monate alt, ein kerngesundes Kind. Eines Tages bekam er einen heftigen Infekt. Der Kinderarzt teilte uns schließlich mit, dass unser Kleiner Masern hätte. Er war noch nicht dagegen geimpft, diese Grundimmunisierung macht man ja erst mit 11 Monaten. Wir haben uns ganz schön erschrocken!

Wo Paul sich angesteckt hat, das wissen wir bis heute nicht.

Zum Glück erholte sich unser topfitter Junge schnell von dieser ,Kinderkrankheit` und wir waren total erleichtert.

Paul wurde älter und älter und wuchs zum kräftigen, selten kranken Kleinkind heran. Er kam in die erste Klasse, war wissbegierig und hatte viele Freunde.

Kurz nach seinem siebten Geburtstag schien sich aber etwas zu verändern.

Wir bekamen es nur nach und nach mit… Paul kam uns auf einmal oft fahrig und ungeschickt vor. Er vergaß mitten im Satz, was er sagen wollte. Er stieß gegen den Türrahmen, wenn er das Zimmer verließ…

Wir überlegten, ob wohl in der Schule etwas nicht in Ordnung wäre oder ob er zu wenig Schlaf bekäme. Und ja, wenn wir ihn am Wochenende nicht weckten, schlief unser Kind, das uns seit jeher um sechs Uhr morgens aus den Federn trieb, gut und gerne 13 Stunden am Stück. Und wirkte danach dennoch matt und irgendwie abwesend. Wenn mehr ,Leben` in ihn kam, dann in keiner guten Weise. Er war unglaublich aggressiv und ,leicht entflammbar`.

Wir brachten ihn eher zu Bett, versuchten, ihn am Wochenende wieder zu einem mittäglichen Nickerchen zu bewegen – aber nichts half.

Ja, wir machten uns Sorgen. Aber keine allzu großen, um ehrlich zu sein.

Nach einigen Wochen aber begannen die Anfälle.

Paul fiel zu Boden, zuckte, nässte sich dabei ein, schrie unkontrolliert. Okay – mit mehr Schlaf war hier wohl nichts zu holen…

Nach unzähligen Untersuchungen war schließlich klar, dass Paul unter Subakuter sklerosierender Panenzephalitis (SSPE) leidet, einem chronisch entzündeten Gehirn. Schnell war den Ärzten klar, woher das auf einmal kam: Diese Erkrankung ist eine typische Folge einer Maserninfektion im frühesten Lebensalter. Die Masernviren wandern unentdeckt ins Gehirn und zerstören dort im Laufe der Jahre Nervenzellen.

Die Ärzte teilten uns mit, dass bis heute nicht bekannt ist, warum SSPE bei manchen Menschen auftritt und bei manchen nicht.

Und: Es gäbe leider keine Therapie.

Und so baut Paul seitdem mehr und mehr ab.

Er ist in seiner Welt gefangen, die wir ihm so schön machen wollen, wie es uns eben möglich ist. Ob wir ihn erreichen? Das weiß keiner so genau. Er steht ständig unter einer Menge Medikamente, da er sonst die Schmerzen nicht ertragen könnte.

Lange wird er nicht mehr leben. Was danach kommt, wissen wir nicht. Seit drei Jahren haben wir unser Leben rund um Paul ,gebaut`, um seine Therapien, seine Krankenhaus-Aufenthalte, seine Pflege. Er ist unser alles, er schweißt uns zusammen. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, ob unsere Ehe seinen Tod überstehen wird.

Ich bin nicht mal mehr traurig, das ist unser Sohn, das ist jetzt unser Leben.

Aber ich habe eine große Wut in mir, die nicht kleiner werden will.

Würden all die Kinder, die gesund sind, zu den empfohlenen Zeiten gegen Masern geimpft werden – ich bin mir fast sicher, dass Paul und ich uns jetzt fröhlich um seinen Medienkonsum streiten würden, er in einem Fussballteam spielen und sich vielleicht das erste Mal verlieben würde.

Ich habe vollstes Verständnis für alle, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen können. Auch sie sind darauf angewiesen, dass ihr Umfeld geimpft ist.

Deswegen verstehe ich all die Verschwörungstheorien und Mythen nicht, die Eltern davon abhalten, ihre Kinder zu impfen. Wenn man es drastisch ausdrücken möchte:

Mein Sohn wird sterben, weil ihr eure Kinder nicht geimpft habt.

Und da gibt es gar nichts dran zu diskutieren.

Masern töten Menschen – und es wäre so leicht, ihnen die Stirn zu bieten.“

Liebe Echte Mama, vielen Dank, dass Du Deine Geschichte mit uns geteilt hast. Paul heißt nicht Paul, wir haben seinen Namen zum Schutz geändert.

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Laura Dieckmann

Als waschechte Hamburgerin lebe ich mit meinem Freund und unserer fünfjährigen Tochter in der schönsten Stadt der Welt – Umzug ausgeschlossen! Bevor das Schicksal mich zu Echte Mamas gebracht hat, habe ich in verschiedenen Zeitschriften-Verlagen gearbeitet. Ich mag leckeres Essen, laute Rockmusik und ab und zu sogar ein bisschen Sport.

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