„‚Mama, können wir reden?‘ – Das Geständnis, das ich nie kommen sah.”

„‚Mama, ich muss dir etwas sagen‘

Jede Mutter, die diese Worte hört, weiß, dass das, was dann folgt, von großer Bedeutung für das Kind ist.

Diese Worte sind wie eine Warnung, eine Chance für mich, mich zu wappnen, weil gleich etwas Wichtiges gesagt wird. Mein Sohn war gerade mitten im Abi, als er diese Worte aussprach und ich wusste, dass er meine volle Aufmerksamkeit brauchte.

‚Mama, ich muss dir etwas sagen. Seit etwa einem Jahr bin ich depressiv, ernsthaft depressiv. Ich habe vor ein paar Tagen mit unserem Vertrauenslehrer gesprochen und er hat darauf bestanden, dass ich mit dir und Papa darüber spreche. Ich brauche Hilfe.‘

Ich bin ehrlich – das hatte ich überhaupt nicht kommen sehen.

‚Ich habe Probleme mit dem Lernen‘, ‚Ich bin erschöpft von allem, was ich vorhabe‘, ‚Ich bin gestresst wegen des Abis‘ – etwas in die Richtung hatte ich erwartet.

Ich weiß, wie Depressionen bei Erwachsenen aussehen – man kann nicht aus dem Bett aufstehen, hat keine Freude mehr an Dingen, die sonst Spaß machen, ist traurig, wütend und antriebslos. Nichts davon passte zu meinem Kind.

Ich arbeite im Homeoffice, direkt gegenüber von seinem Zimmer.

Von dort hörte ich ihn oft über lustige Videos oder Sprachnachrichten seiner Freunde lachen. Ich sah, wie er mit Freunden chattete, Sport trieb, Theater spielte und jeden Morgen mühelos aufstand.

Eine Million Dinge schossen mir durch den Kopf. Ich wollte sagen: ‚Du bist nicht deprimiert, ich höre dich lachen. Du stehst jeden Tag auf und siehst großartig aus.‘ Was ich in diesem Moment nicht wusste, war, dass Teenager-Depressionen sich anders zeigen.

Sie können sich als Taubheit, Apathie, überhaupt kein Gefühl für irgendetwas äußern. Eine Dunkelheit, die Jugendliche nicht verstehen – auch wenn man ihnen von außen nichts anmerkt.

Was ich in diesem Moment wusste, war, dass er es ernst meinte und das Gespräch für ihn sehr schwierig war.

Mein Mann war noch bei der Arbeit, also musste ich die passenden Worte finden und ich wusste, dass viel auf dem Spiel stand.

Ich musste an den Freund denken, dessen Kind durch Selbstmord starb. Ein richtiger Strahlemann, der gerade ein Studium begonnen hatte. Ein Junge, der die Schule und seine Freunde liebte und seinen Eltern sehr nahe stand. Wegen einer Hochzeit waren seine Eltern sogar in der gleichen Stadt, als es passierte.

Sie hatten Stunden vor seinem Tod noch mit ihm gesprochen.

Er klang optimistisch und glücklich und fragte seine Mutter, ob sie die Manschettenknöpfe mitbrachte, die er für sein Smokinghemd brauchte. Sie sprachen noch darüber, sich am nächsten Tag zu treffen, damit die ganze Familie zusammen zur Hochzeit gehen konnte. Es war ein riesiger Schock, als sie nur wenige Stunden später erfuhren, dass er sich das Leben genommen hatte.

Diesen Jungen und seine Familie zu kennen und zwei eigene Söhne zu haben, verfolgte mich. Sein Vater spricht jetzt an Unis – er teilt mutig ihre Geschichte, um anderen zu helfen. Damit sie verstehen, was er und seine Familie über Depressionen, Angstzustände und Selbstmord bei jungen Erwachsenen gelernt haben.

Die Familie hat Selbstmord-Hotlines ins Leben gerufen und hilft so anderen.

Ich habe das alles verfolgt. Wir haben deswegen mit unseren beiden Söhnen über den Selbstmord gesprochen und gefragt, ob sie sich manchmal deprimiert fühlen. Damals sagten beide ‚Nein‘.

Bis mein Sohn in dieser Nacht dort saß und fragte: ‚Mama, können wir reden?

Ich wusste, dass es ungeheuer wichtig ist, wie ich reagiere, also wählte ich meine Worte sehr sorgfältig: ‚Es tut mir so leid, dass du das durchmachen musst, aber ich bin froh, dass du es mir gesagt hast. Ich verspreche, dass Papa und ich dir helfen werden – du bist nicht allein. Bitte erzähl mir, was los ist.‘

Waren es die richtigen Worte?

Ich weiß es nicht, aber es war das Beste, was mir zu der Zeit einfiel und es schien das zu sein, was er hören musste.

Danach saßen wir beide zusammen und er erzählte mir nach und nach, was los war. Ich dachte vorher, ich würde ihn in- und auswendig kennen. Er war so offen und wir verbrachten viel Zeit miteinander. Ich dachte wirklich, ich würde wissen, wenn etwas ihn belastet, aber ich hatte nichts geahnt.

In dieser Nacht sagte er klar und deutlich, wie er sich fühlte, was er durchmachte und bat um Hilfe. Wir haben dann sogar über verschiedene Optionen gesprochen. Ich kannte zum Glück eine wunderbare Therapeutin und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, zu ihr zu gehen.

Zum Glück sagte er ja.

Ich versicherte ihm, dass wir alles tun würden, um ihm die Hilfe zu verschaffen, die er brauchte. Er war sichtlich erleichtert, als wäre eine riesige Last von seinen Schultern genommen worden.

Als sein Vater nach Hause kam, erzählten wir ihm gemeinsam, was los war. In den nächsten Monaten haben wir uns mit Experten getroffen. Ich habe endlos recherchiert und alles gelesen, was ich dazu im Netz gefunden habe.

Nach diesem Abend war es schwer für mich, meinen Sohn nicht alle fünf Minuten zu fragen: ‚Wie fühlst du dich? Geht es dir gut?‘ Er war nicht selbstmordgefährdet, aber ich musste an den Sohn meines Freundes denken und ich wollte keine Anzeichen übersehen.

Es dauerte, aber langsam wurde es besser.

Ich habe oft geweint – ich habe geweint, wenn ich daran dachte, wie lange er allein gelitten hatte. Ich weinte und fragte mich, wie ich sein Leiden hatte übersehen können. Ich weinte, als ich mir vorstellte, was hätte passieren können, wenn er es uns nicht gesagt und nicht um Hilfe gebeten hätte.

Ich habe aus Dankbarkeit geweint, weil seine Lehrer ihn unterstützt haben und darauf bestanden haben, dass er es uns erzählt. Sie werden immer einen besonderen Platz in unseren Herzen einnehmen.

Irgendwann war mein Sohn so weit, dass er offen mit seiner Depression umgehen konnte.

Er sagte, er hoffe, dass er anderen helfen kann, wenn er darüber spricht, was er durchgemacht habe. Er war begeistert, als ich ihn fragte, ob ich seine Geschichte teilen darf.

Ich sagte ihm, dass es anderen Eltern helfen könnte, die vielleicht nicht wissen, dass ihre Kinder leiden. Er meinte sofort: ‚Ich würde mich freuen, wenn du darüber schreibst.

Wir haben als Familie gelernt, dass es wichtig ist, offen über Depressionen und Ängste zu sprechen.

Fragt eure Kinder, was sie tun, um Stress abzubauen. Sagt ihnen immer wieder, dass ihr da seid, um zu helfen, wenn sie euch brauchen.

Und bitte, erzählt ihnen die Geschichte meines Sohnes und fragt sie, ob sie sich jemals so gefühlt haben – taub, als ob nichts von Bedeutung wäre, als ob nur eine Dunkelheit um sie herum wäre. Über diese Gefühle zu sprechen, bringt sie ans Licht. Das ist der erste Schritt, um Hilfe zu bekommen.”


Liebe Nora, vielen Dank für deine Geschichte. Wir wünschen Dir und Deiner Familie alles Liebe für die Zukunft.

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Lena Krause

Ich lebe mit meinem kleinen Hund Lasse in Hamburg und bin dort immer gerne im Grünen unterwegs.

Auch wenn ich selbst noch keine Mama bin, gehören Babys und Kinder zu meinem Leben dazu. Meine Freundinnen machen mir nämlich fleißig vor, wie das mit dem Mamasein funktioniert und ich komme als „Tante Lena“ zum Einsatz.

Seit ich denken kann, liebe ich es, zu schreiben – und bei Echte Mamas darf ich mich dabei auch noch mit dem schönsten Thema der Welt auseinandersetzen. Das passt einfach!

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